Die Leiterin der Flüchtlingsunterkunft auf dem Internatsgelände, Anja Krampitz, im Interview

„Mein Ziel ist ein Wohlfühlcamp“

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Anja Krampitz

Scheeßel - Von Ulla Heyne. Seit vergangenem Donnerstag leben 30 Flüchtlinge auf dem ehemaligen Internatsgelände der Eichenschule. Damit bringt die Gemeinde Scheeßel erstmals Asylbewerber zentral unter. Anja Krampitz von der Betreiber-Firma „Human Care“ ist die Leiterin der Einrichtung. Im Interview spricht die Rotenburgerin über die Herausforderungen und das Leben dort.

Zum ersten Mal werden in Scheeßel Flüchtlinge in einer zentralen Unterkunft untergebracht – auch für Sie eine Herausforderung?

Anja Krampitz: Ich freue mich total darauf. Die Herausforderung liegt dabei aber gar nicht in den Menschen, die hier einziehen, sondern darin, das Ganze in Balance zu halten. Zuwanderung kann nur funktionieren, wenn wir einen gemeinsamen Nenner haben. Wir müssen offene Räume schaffen für Kommunikation und Hemmschwellen überwinden – das ist die Herausforderung, die ich mir gestellt habe. Mein Ziel ist ein Wohlfühlcamp. Damit meine ich aber nicht, dass wir es allen hier drinnen so angenehm wie möglich machen, sondern dass alle drumherum sich gut damit fühlen – auch die, die hier arbeiten.

Was prädestiniert Sie für diese Aufgabe?

Krampitz: Persönlich habe ich einen guten Zugang zu Menschen. Ich komme aus der Luftfahrt, habe jahrelang international gearbeitet und so Menschen aus allen Kulturen getroffen. Ich habe gelernt, nicht zu werten, sondern zu betrachten und mir immer selbst treu zu bleiben. Außerdem habe ich gelernt, meine Werte zu vertreten – nämlich die der Menschlichkeit.

Haben sich schon alle eingelebt?

Krampitz: Die erste Zeit wird unruhig, weil wir hier noch kein Internet oder Fernsehen haben. Das wird wohl allerdings länger als zwei Wochen dauern, bis sich das ändert. Da stellt sich die Frage, wie man die Zeit verbringt. Wir werden uns daher Spiele ausborgen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass einige tagsüber viel schlafen, und einige gehen spazieren, um zu sich zu kommen. Die Bewohner sind zudem im Betriebsablauf mit eingebunden, müssen alles sauber halten und haben eine strikte Hausordnung.

Wie werden Sie kommunizieren? Schließlich ist nicht immer ein Dolmetscher da.

Krampitz: Wir werden uns immer jemanden heraussuchen, der als Kulturvermittler fungiert. Die Erfahrungen in anderen Camps haben gezeigt, dass es immer jemanden in den eigenen Reihen gibt, der sich gern engagiert. Wir hoffen auf Leute, die Englisch sprechen und dann übersetzen. Und: Im Internet gibt es Übersetzungsprogramme. Ein iranischer Freund in Teheran hat mir gerade angeboten, ihm eine Voicemail zu schicken, wenn es Probleme gibt. Und wenn es gar nicht anders geht, holen wir Leute vor Ort, die Arabisch sprechen.

Ist es denn nicht zu eng mit vier Personen auf 16 Quadratmetern?

Krampitz: Wenn Menschen aufeinander treffen, kann es immer Probleme geben – auch bei einer Zweierbelegung. Generell ist Beschäftigung das A und O. Sport ist eine gute Sache, wie beispielsweise Fußball. Da powern sie sich aus. Vielleicht gibt es mal einen Sportlehrer, der vorbeikommt und für alle einen Lauftreff macht oder so etwas.

Können Sie als Betreiber mit nur zwei Betreuern denn geregelte Strukturen schaffen für die Bewohner?

Krampitz: Natürlich. Das zu koordinieren, ist meine Aufgabe. Die Ehrenamtler organisieren sich selbst und kommen auf uns zu. Neben denen, die schon im Flüchtlingstreff organisiert sind, gibt es ja vielleicht auch noch andere Menschen, die sagen: „Ich habe jeden Tag 30 Minuten Zeit und Lust, beispielsweise Mülltrennung zu erklären.“

Gibt es schon konkrete Pläne, beispielsweise was Deutschkurse angeht?

Krampitz: Nein, und das ist auch erstmal gar nicht ratsam. Wir müssen uns erstmal alle kennen lernen und an den Raum und an den Rahmen gewöhnen. Das wird wohl eine Woche dauern. Da wir vor Ort keine Projekte veranstalten können, gucke ich, wer mich anruft.

Wie kann man Sie kontaktieren, wenn man sich einbringen möchte?

Krampitz: Noch haben wir hier kein Telefon. Sobald das der Fall ist, informieren wir die Gemeinde. Die gibt unsere Nummer dann weiter. Der kürzeste Weg wäre also, dort anzurufen.

Der Gedanke eines offenen Hauses und Kontakt mit Bürgern einerseits, der Sicherheitsgedanke andererseits – wie kann das funktionieren?

Krampitz: Vom Prinzip her ist es ein offenes Haus. Aber: Wir sind als Betreiber verantwortlich für die Menschen hier. Deswegen soll der Erstkontakt über uns laufen. Auch hier ist es die Kommunikation, die den Raum erweitert. Die Leute hier leben nicht im Gefängnis. Ich möchte auch wissen, wer sich hier ehrenamtlich engagiert. Wir machen dann einen Termin für ein Gespräch, was derjenige machen möchte oder was es für Möglichkeiten gibt – wie ein Gartenbauprojekt. Außerhalb der Sprechzeiten für die Bewohner haben wir immer ein offenes Ohr, auch, wenn jemand mal so vorbeikommt.

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