Frauen an der Spitze

Buchhandlungs-Besitzerin Kerstin Bredehöft beißt sich durch

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Eine, die auch mit Anfang 50 neue Wege geht: „Lesezeichen“-Inhaberin Kerstin Bredehöft.

Scheeßel/Zeven - Als zwei befreundete Musikerinnen zur Eröffnung ihrer Buchhandlung in Scheeßel „She‘s a Supergirl“ anstimmten, war Kerstin Bredehöft schockiert: „Das bin ich doch gar nicht!“

Und auch als Teil der Serie „Frauen an der Spitze“ mag sie sich nicht wirklich begreifen: „Gehöre ich da überhaupt rein?“ Unbestritten: Das tut die 54-Jährige – nicht nur faktisch, als Inhaberin zweier Buchhandlungen in Scheeßel und Zeven mit insgesamt sechs Mitarbeiterinnen. Bereits 1989 eröffnete die gebürtige Sittenserin im zarten Alter von 26 als eine der bundesweit jüngsten Existenzgründerinnen eine Buchhandlung in Zeven, „ohne Geld, Sicherheiten, und von vielen belächelt“. Einen Kredit wollten ihr die Banken damals nicht geben, die 1 000 D-Mark Eigenkapital mussten reichen. So fiel der Bestand in der gemeinsam mit einem Bioladen gemieteten Ladenfläche im Ikea-Regal aus dem heimischen Wohnzimmer zunächst eher schmal aus.

Es folgten Zeiten des Verzichts: „Wenn andere sich eine neue Jeans kauften, habe ich das Geld in Warenbestand investiert“, so die Wahl-Scheeßelerin. Bedauert hat sie diesen Schritt nie, und der Plan ging auf. Zumindest in Zeven, wo ihr „Lesezeichen“ nicht nur floriert, sondern mit Lesungen in Kooperation mit der dortigen Tageszeitung und der Bibliothek sowie mit wöchentlichen Aktionen zum festen Bestandteil auch des kulturellen Lebens gehört. Warum die gestandene Unternehmerin mit der Neueröffnung im Herbst in Scheeßel im gestandenen Alter wieder einmal ein Wagnis eingegangen ist? Ihre salomonische Antwort: „Was ist schlimmer: Zu scheitern oder etwas nicht probiert zu haben?“

Bredehöft ist, auch nach eigenem Bekunden, eine Macherin: „Wenn ein Projekt läuft, scharre ich schon mit den Füßen.“ Als ihr im Jahr 2000 von ihrem früheren Chef, inzwischen Geschäftsführer des Carlsen-Verlags, eine Vertriebsstelle angeboten wurde, sagte sie zu – die Leitung des eigenen Ladens musste nebenbei laufen. Die fünf Jahre im Außendienstjob, mit Hotelzimmern und Buchhändlern, die sie im Harry-Potter-Hype um Kontingente der Erfolgsromane anflehten: „Das war Rock’n Roll!“ Eine Phase, die sie fünf Jahre später aus gesundheitlichen Gründen beendete. Gesehen und gelernt hat sie viel in dieser Zeit: In puncto Gestaltung, Sortiment, Führungsstil. Einiges hat sie übernommen, das Fazit ist jedoch: „Jeder Laden hat seinen eigenen Charakter.“ Deshalb sieht sie andere Buchhändler auch nicht als Konkurrenz. Inhabergeführte Geschäfte seien wichtig, auch als kultureller Ort. Zum Beispiel die regelmäßigen Autorenlesungen mit ihren Kooperationspartnern. „Sie sind das Schmankerl.“

Plädoyer zur Vernetzung

Bredehöft plädiert für Vernetzung, gern branchenübergreifend, gern mit Mitstreiterinnen. „Auf das Ding mit der Frauensolidarität stehe ich aber nicht so. Wenn ich mich mit Menschen umgebe, dann bitte mit Substanz, egal, ob Männlein oder Weiblein.“ Diese Maxime funktioniert. Die anpackende Frau hat Menschen um sich, die an sie glauben, wenn sie „ihr Ding“ macht. Diese pragmatische Einstellung erwartet sie auch von ihren langjährigen Mitarbeiterinnen: „Ich höre mir an, was sie zu sagen haben. Jeder im Team ist wichtig. Eine gute Schaufensterdeko funktioniert nur, wenn auch die Scheiben geputzt sind. Diskutiert wird aber nicht lange – einer muss das große Ziel im Blick haben und bestimmen, in welche Richtung gerudert wird“, beschreibt sie ihren Führungsstil. Gleichwohl wurden ihr als Frau früher Steine in den Weg gelegt: Bei Beschwerden bei Verlagen wurde sie in der Anfangszeit nicht ernst genommen: „Das kam erst, als die Umsatzzahlen stimmten.“

In Kerstin Bredehöft vereinigen sich viele Seelen. Neben der Faszination für Bücher – normalerweise liest sie zwei bis drei pro Woche, „in Ferienzeiten auch mal 20“ – liebt sie auch Zahlen und Statistiken. Letztere helfen bei der Auswertung der Umsätze im neuen Geschäft: „Die Wünsche des Publikums sind ganz andere als in Zeven, darauf muss man sich einstellen. Während dort Fantasy gut geht, sind es hier beispielsweise englische Romane.“ Die hatte sie versuchsweise auf einen Kundenwunsch ins Programm genommen.

Dennoch bleibt die bekennende Hundenärrin, bei aller Leidenschaft für das geschriebene Wort, realistisch: Sollte der Versuchsballon Scheeßel mittelfristig trotz Lob und Anerkennung rote Zahlen einfahren, würde sie ohne Zögern die Reißleine ziehen. Doch zunächst dürfen die Scheeßeler wie die Zevener sich nicht nur über das literarische Angebot, sondern auch über jede Menge pfiffige Ideen einer kreativen Unternehmerpersönlichkeit freuen. Die werden sogar in einigen Wochen von höchst offizieller Stelle mit einem Preis bedacht – Einzelheiten darf sie allerdings noch nicht verraten.

Das Leben von Kerstin Bredehöft – es ist und bleibt eben spannend.

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