Lehrer sehen eine Zukunft für die Handschrift / Tastatur bietet wenig Vorteile

Ein Ausdruck der Persönlichkeit

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Tippen, Wischen und Klicken statt Schreibschrift lernen – an den Grundschulen im Landkreis undenkbar.

Rotenburg/Scheeßel - Von Jessica Ginter. Die Handschrift stirbt aus! Immer mehr Kinder haben massive Probleme, Geschriebenes auf Papier zu bringen! Die Schlagzeilen der vergangenen Wochen in Sachen früher Bildung ähneln sich. In Finnland sollen Grundschüler ab Herbst nur noch die Druckschrift lernen und anschließend für das Tippen am Computer fit gemacht werden. Die Verantwortlichen an den Schulen der Region halten das für falsch.

„Die Tastatur ist nicht unbedingt ein Fortschritt“, betont Deutschlehrer Volker Evers vom Rotenburger Ratsgymnasium. Er macht deutlich: „Die Handschrift ist ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Wenn sie aussterben und vollständig durch Technik ersetzt werden würde, wäre das ein Kulturverlust.“ Aber wird sie das nicht schon längst? Dass viele dank E-Mails auf Briefe und Postkarten verzichten und den Einkaufszettel einfach als Notiz im Smartphone speichern, erkennt Evers. Braucht der digitale Mensch den Stift in der Hand nicht mehr, weil er stattdessen wischen, tippen und klicken kann? „Nein! Die Handschrift kann allein deshalb nicht aussterben, weil man gar nicht mehr unterschreiben könnte“, erklärt er.

In den Grundschulen im Kreis lernen Kinder zuerst Druck-, dann Schreibschrift – die sogenannte vereinfachte Ausgangsschrift. „Die lateinische Ausgangsschrift wurde vor rund 15 Jahren abgeschafft“, erklärt Catrin Cramme, Direktorin der Rotenburger Kantor-Helmke-Schule. Seitdem lernen die Jungen und Mädchen dort und auch an der Grundschule in Scheeßel ab Anfang der zweiten Klasse die vereinfachte Ausgangsschrift, nachdem sie im ersten Jahrgang die gedruckte Variante beigebracht bekommen. Generell würden Lehrer in Scheeßel viel Wert auf die Schrift der Schüler legen, sagt Grundschul-Direktorin Meike Nerding-Ehlbeck. „Wir diskutieren nicht, die Schreibschrift abzuschaffen.“

Obwohl die Einrichtungen noch auf „alte Formen und Regelungen“ setzen, was die Schrift anbelangt, gibt es sowohl in Rotenburg als auch in Scheeßel schon seit mehreren Jahren Computerräume und vereinzelt Klassenräume sowie Bibliotheken, die mit PCs ausgestattet sind. Diese seien allerdings nicht für den alltäglichen Unterricht gedacht, sondern vor allem als Ergänzung mit Lernprogrammen in Deutsch und Mathe. Im Förderunterricht würden die Lehrer vermehrt auf die Arbeit am Computer setzen, da das Erlernen und Einprägen der Rechtschreibung an der Tastatur leichter fallen und besser funktionieren würde, erklärt die Scheeßeler Grundschulleiterin. Zumindest bei einigen: „Gerade Jungs fühlen sich von Technik angesprochen und strengen sich mehr an, wenn es an die PCs geht.“

Auch an der Rotenburger Kantor-Helmke-Schule gibt es Kinder, die Probleme mit dem Erlernen der Schreibschrift haben. Häufig seien feinmotorische Schwierigkeiten der Grund: „Diejenigen dürfen weiterhin in Druckschrift schreiben. Wir versuchen, sie zu fördern, können aber nichts erzwingen, was nicht funktioniert“, erklärt Cramme. In diesem Zusammenhang sei nur wichtig darauf zu achten, dass die Kinder schnell genug schreiben, denn: „Mit der Druckschrift ist man nicht so schnell wie mit der Schreibschrift, da man nach jedem Buchstaben absetzen muss.“

Während es an den Grundschulen vom Lehrplan her festgelegt ist, dass ab der zweiten bis zur vierten Klasse nur noch die Schreibschrift gelehrt wird, ist es den Jugendlichen am Ratsgymnasium ab der fünften Klasse selbst überlassen. Dass viele zur Druckschrift wechseln, wissen der 16-jährige Bjarne Lill und die 15-jährige Janne Winsemann. „Die Druckschrift sieht bei mir einfach besser aus“, gibt Lill zu. Probleme mit der Schnelligkeit habe der 16-Jährige jedoch nicht. „Ich bin mindestens genauso schnell, wie diejenigen, die Schreibschrift schreiben.“

Die Gymnasiasten würden es nicht gut finden, wenn sie von nun an nur noch an Tastaturen schreiben würden. Und das hat mehrere Gründe: Obwohl die Jugendlichen zugeben, dass sie ihr Smartphone und den Computer häufig bedienen, schreiben sie auch gerne mit der Hand. „Schnell etwas notieren oder Tagebuch führen“, da greift die Gymnasiastin lieber zu Stift und Papier, erklärt Janne Winsemann. Außerdem erkennt die 15-Jährige auch einen Vorteil des Mit-der-Hand-Schreibens: „Wenn ich etwas abschreibe, verbinde ich damit einen motorischen Akt und das fördert den Lernprozess, weil ich mir die selbst geschriebenen Dinge besser merken kann.“

Als drittes Argument, das gegen die Abschaffung und das Aussterben der Handschrift spricht, nennen die Schüler die Erkenntnis, dass Technik nicht lebenslänglich hält und kaputt gehen kann. Daten würden verloren gehen und das Geschriebene sei auf Papier definitiv sicherer.

Trotz allem profitieren sowohl Scheeßeler als auch Rotenburger von so genannten Whiteboards. Am Ratsgymnasium gehe der Trend ganz klar zu den digitalen Tafeln, erklärt Evers. Dort werden immer mehr Kreidetafeln ersetzt.

Und was halten die Grundschulleiterinnen von dem technischen Fortschritt? „Es hat Vor- und Nachteile. An der Kreidetafel kann man wahnsinnig schnell Dinge sammeln, aber auch wieder ändern“, erklärt Nerding-Ehlbeck. Obwohl sie die klassische Variante bevorzugt, sieht die Rektorin Vorteile in der Technik: „Mit Bildern und Texten lässt sich am Whiteboard wundervoll spielen.“ Der Nachteil sei allerdings, dass immer nur ein Kind das Board bedienen könne – an der Tafel wären mehrere gleichzeitig beschäftigt und würden so gemeinsam das Tafelbild entstehen lassen. „Um Filme zu zeigen, Präsentationen, die die Schüler selbst erarbeitet haben, und für Geometrie kann man es super nutzen“, berichtet auch Cramme. Der Nachteil: „Die Schrift auf den Whiteboards ist durch die Verpixelung nicht so vorbildlich, wie man sie für Grundschüler braucht.“

„An einigen Schulen ist es bereits so, dass die Kinder mit Tablets arbeiten“, stellt Nerding-Ehlbeck fest. Für die Scheeßeler Grundschule keine Idee. „Wir sind dafür, dass bei uns eine Grundlage gelegt werden sollte. Dazu gehört das Schreiben, und nicht das Wischen und Tippen.“

Und dies scheint auch gut zu funktionieren, denn: Volker Evers stellt fest, dass man bei den Fünftklässlern merke, „wie gut an den Grundschulen gearbeitet und wie viel Wert auf eine zufriedenstellende Handschrift der Kinder gelegt wird“.

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