Lehrer und Dokumentarfilmer Christoph Schuhmann im Interview

„Diese Schulen bieten Inspiration“

Freies Lernen bedeutet auch, beim Drehen spontan als Kameramann einzuspringen, wie hier in Puerto Rico.

Scheeßel - Von Ulla Heyne. Schulen, in denen jeder nur dann lernt, wenn er Lust dazu hat und auch nur das, was er will: Kann das funktionieren? „Ja“, meint Lehrer Christoph Schuhmann.

Christoph Schuhmann zeigt seinen Film am Mittwoch im Scheeßeler Hof.

Mehrere Jahre lang hat der Dokumentarfilmer sich mit freien Schulen in der ganzen Welt auseinander gesetzt, Schulen in sechs Ländern besucht und die Ergebnisse im Film festgehalten. Darin kommen Schüler und Ehemalige, Schulleiter aus Deutschland, England, Israel und Puerto Rico, aber auch Bildungsexperten zu Wort. Wir sprachen mit dem Scheeßeler über sein unkonventionelles Projekt.

Herr Schuhmann, können Sie das Kernkonzept der in Ihrem Film „Schools of Trust“ gezeigten Schulen in einem Satz zusammenfassen?

Christoph Schuhmann: Der Grundgedanke dieser Schulen ist, von dem auszugehen, was Kinder begeistert und wirklich interessiert und das zu unterstützen, damit dieser „Neugiermuskel“ gestärkt wird. Wenn jemand erfährt, dass Lernen etwas Positives ist, hat er eine ganz andere Einstellung zum Lernen und Leben. Die Neugier und Begeisterung der Schüler wie ein Feuer zu entfachen, das ist eine ganz andere Herangehensweise als in der Regelschule. Die ist darauf ausgerichtet, die Defizite und Lücken von Schülern zu schließen, die sie im Vergleich zum Lehrplan aufweisen.

Wann und wie sind Sie mit solchen Schulen in Berührung gekommen?

Schuhmann: Das war während meines Referendariats. Nach der Tätigkeit an einer Gesamtschule kam ich ans Gymnasium und war zuerst begeistert, wie motiviert die Schüler lernten. Spätestens nach zwei, drei Wochen habe ich gemerkt: Es geht nur um Noten. Die lernen nicht aus Lust, sondern, um den Autoritäten zu gefallen. Parallel habe ich viel über unser Schulsystem nachgedacht und per Fernstudium Psychologie studiert. Dabei war ich viel im Internet unterwegs und bin dabei irgendwann auf die freien Schulen mit selbstbestimmtem Lernen gestoßen. Zuerst war ich skeptisch, dann habe ich alle verfügbaren Bücher dazu gelesen. Das machte Sinn, auch psychologisch betrachtet.

Sie zeigen im Film einzelne Erfolgsstorys. Gibt es dazu auch Statistiken?

Schuhmann: Es gibt keine groß angelegten Studien, was aus den Leuten geworden ist. Es gibt Schulinspektionen, zum Beispiel von der englischen Summerhill School oder der amerikanischen Sudbury School. Und es gibt viele Interviews mit Absolventen.

Anders gefragt: Funktioniert das deswegen, weil nur eine bestimmte Art von Eltern ihre Kinder dort hinschicken? Würde es auch in bildungsfernen Schichten funktionieren?

Schuhmann: In Puerto Rico funktioniert das, wie unser Film zeigt, auch mit Straßenkindern. An bestehenden freien Schulen in Deutschland sind viele Kinder nicht dort, weil die Eltern so intellektuell bewandert sind, sondern weil sie verzweifelt sind, weil ihre Kinder an der Regelschule gescheitert sind. Man hat einen großen Anteil an Hochbegabten und einen großen Anteil an denen, die von der Schule frustriert sind und erstmal ihre Ruhe haben wollen. Das dauert einige Zeit – das können ein paar Wochen sein oder auch Jahre.

Meinen Sie, dass das von Ihnen durch die Auswahl der interviewten Absolventen gezeigte Bild realistisch ist?

Schuhmann: Das hängt von der Schule ab. Es mag auch freie Schulen geben, die mehr Probleme haben. Das hat aber nichts mit dem Konzept zu tun, sondern damit, wie die einzelnen Menschen es vor Ort umsetzen.

Wenn das Konzept so außergewöhnliche Ergebnisse erzielt, wie im Film suggeriert wird, warum hat es sich nicht weiter durchgesetzt?

Schuhmann: Es ist gerade dabei, sich weiter durchzusetzen. Vor der Erfindung des Internets wussten die einzelnen Schulen auf der Welt nichts voneinander. Erst danach haben viele festgestellt: Da gibt’s ja was Ähnliches! Auch Summerhill ist nicht tot, wie viele glauben, sondern existiert noch. Allein in Europa gibt es 40 solcher Schulen. In den letzten 20 Jahren sind, ganz ohne staatliche Subventionen, 20 bis 30 Schulen entstanden. Nicht alle davon sind basis-demokratisch – in anderen gibt es Lehrer, das sind so was wie „gute Könige“. Alle haben aber gemeinsam, dass die Schüler selbst bestimmen können, was, wann und wie sie lernen wollen.

Ist das deutsche Regelschulwesen auf so etwas eingestellt oder bekommen die Kinder spätestens an der Schnittstelle Abitur ein Problem? Ist eine akademische Laufbahn überhaupt möglich?

Schuhmann: Die Tatsache, dass man an solchen Schulen nicht direkt das Abitur erwerben kann, liegt an der starken Reglementierung des deutschen Schulsystems. Es gibt aber Abitur-Projekte wie Methodos in Freiburg. Dort haben Schüler selbst einen Verein gegründet, Lehrer eingestellt und bereiten sich so auf das externe Abi vor. Da sind die Schüler gleichzeitig Vorstandsvorsitzende und die Finanzchefs und machen alles selber.

Nun ist die Angst der Eltern ja, dass „Laissez faire“ zu Analphabetentum führt. Gibt es dazu Studien?

Schuhmann: Diese Schulen sind keine „Laissez faire“-Schulen, weil sie den Schülern neben Freiheit auch zwischenmenschliche Wärme und Inspirationen bieten. Es gibt viele Studien, die besagen, dass mit der Erhöhung der extrinsischen Motivation die intrinsische in gleichem Maße zerstört wird. Das gilt insbesondere für kreative Aufgaben und die Aneignung neuen Wissens. Es ist wissenschaftlich belegt: Wenn ich das Gefühl von Selbstwirksamkeit stärke, wirkt sich das positiv auf Konzentration, Ausdauer, Selbstkontrolle, Selbstorganisation und Disziplin aus. Solche Leute haben ein besseres Sozialverhalten, bessere intellektuelle und emotionale Fähigkeiten – all das, was für akademische Leistungsfähigkeit wichtig ist.

Wie kamen Sie darauf, einen Film daraus zu machen?

Schuhmann: Ich wollte damals selbst mit einem Kumpel eine „Schule des Lebens“ gründen. Die Verhandlungen mit einem anderen Dokumentarfilmer um Rohmaterial für einen eigenen Infoclip kamen ins Stocken, da habe ich selbst zur Kamera gegriffen. 2012 habe ich bei einer EUDEC-Konferenz (European Democratic Eduction Conference, Anm. d. Red.) in Freiburg 30 Stunden Interviews gedreht und mit anderen Filmern Material ausgetauscht. Später haben wir festgestellt: Das reicht nicht. Dann haben wir Schulen besucht, in Deutschland, Israel und Puerto Rico und Leute für Interviews angeschrieben, die populär sind und Meinungen vertreten, die damit harmonieren. Ein paar E-Mails, nachhaken, hinterher telefonieren: Das war einfacher als gedacht, auch ohne Connections.

Hatten Sie denn Erfahrung mit dem Filmen? Hatten Sie das Konzept im Kopf?

Schuhmann: Das hat sich entwickelt. Die Frage war: Wie können wir das Thema so darstellen, dass normale Bürger das verstehen, also nicht die, die nicht eh schon unkonventionell denken und sich mit der Idee schon befasst haben? Der Film sollte so sein, dass man ihn sich abends mit Popcorn angucken kann. Ich wollte auf keinen Fall einen Verriss über das Regelschulsystem machen, sonst würden viele Menschen nach fünf Minuten ausschalten. Wir wollten nicht gegen, sondern für etwas argumentieren.

Wie haben Sie das Projekt finanziert?

Schuhmann: Zuerst aus eigenen Mitteln. Eine Filmausrüstung bekommt man für unter 1000 Euro. Das Crowdfunding kam, als wir merkten, wir müssen das Ding schneiden und vertonen. Ende 2013 habe ich aufgrund des Materials angefangen, ein Konzept zu schreiben. Dann haben wir uns zu viert getroffen und überlegt, was fehlt und dann Szenen nachgedreht.

Wo soll der Film laufen?

Schuhmann: Zuerst wird er über DVDs vertrieben, später soll er auch über Youtube freigegeben werden.

Wie haben Sie Ihre Mitstreiter gefunden?

Schuhmann: Das ergab sich aus einem Gespräch mit einem Bekannten über Schulen. Nach anfänglicher Ablehnung war er ziemlich begeistert. Zwei Wochen später hatte ich eine E-Mail mit Entwürfen für Logos für die Schule des Lebens. Dann hab ich ihn angerufen und gefragt: „Was soll denn das, gründen wir jetzt eine Schule oder wie?“ Er sagte: „Ja, darüber hatten wir doch gesprochen!“ Dann haben wir drei Monate am Konzept und der Homepage gearbeitet und Gründer in ganz Deutschland interviewt, wie man eine Schule gründet. Er hat mich später auch zur EUDEC-Tagung begleitet. Ein Freund von ihm war BWL-Student und interessiert. Er hatte ganz blauäugig mit seinen damals 21 Jahren gesagt: „Ich mach dann die Geschäftsführung!“. Er ist dann später auch der Einladung eines Schulleiters nach Puerto Rico gefolgt. Ich war verhindert, weil ich damals an der Neuen Schule Hamburg gearbeitet habe, die von Nena gegründet wurde.

Wo ist der Film denn schon gelaufen und wie waren die Reaktionen?

Schuhmann: Weltpremiere hatte er auf der EUDEC 2015 in der Nähe von Warschau vor 300 Leuten. Dort ist er dann noch mehrfach gezeigt worden, mit englischen und auch mit polnischen Untertiteln. Die Deutschland-Premiere war beim Bundestreffen des Bundesverbands freier alternativer Schulen. Dann wurde er mehrfach von Schulgründungs-Initiativen gezeigt.

Was wollen Sie mit dem Film bewirken?

Schuhmann: Die Leute sollen wissen, dass es solche Schulen gibt und dass die Leute, die sich das für ihre Kinder vorstellen können, dann auch das Notwendige tun, um dies möglich zu machen, indem sie bestehende Schulen verändern oder selbst mit anderen neue Schulen gründen. Das ist wie mit der Erfindung des Rades: Wenn man erst mal eins gesehen hat, kann man anschließend auf dem Konzept aufbauen.

Es klang ja schon an: Haben Sie in dieser Hinsicht selbst auch Pläne?

Schuhmann: Wir haben in der Nähe von Hamburg die „Schule des Lebens“-Initiative gebildet, die ich, obwohl ich inzwischen nach Scheeßel umgezogen bin, weiterhin unterstütze. In den vergangenen Wochen haben sich voneinander unabhängig drei Personen bei mir gemeldet, die – inspiriert durch meinen Film – in Deutschland solche freien Schulen gründen möchten.

Christoph Schuhmann, geboren 1984, wuchs in Scheeßel auf. Schon während seiner Schulzeit an der Eichenschule drehte er erste Kurzfilme. Später studierte er Psychologie, absolvierte eine Ausbildung zum Schauspieler und beschäftigte sich mit Coaching. Nach seinem Lehramtsstudium in Wien mit den Fächern Physik und Informatik kehrte er nach Norddeutschland zurück, wo er zunächst an einer freien Schule in Hamburg arbeitete. Gegenwärtig ist der Familienvater als Lehrer an der Kooperativen Gesamtschule in Sittensen angestellt und gibt einige Stunden Unterricht an der Eichenschule in Scheeßel. Parallel hält Schuhmann Vorträge über innovative Formen des Lernens, wie unlängst an der Technischen Universität Harburg im Rahmen der TEDx-Talks. Sein Film „Schools of Trust“ ist am Mittwoch ab 20 Uhr im Scheeßeler Hof zu sehen. Weitere Informationen und den Trailer gibt es online unter www.schoolsoftrust.com.

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