Corona-Gefahr: So händeln die Pflege- und Altenheime die aktuelle Situation

„Das Leben muss ja weitergehen“

„Zutritt nur für enge Angehörige in Ausnahmen“, ist auf dem Plakat zu lesen, das seit Dienstag im Eingangsbereich zum Beekepark aushängt. Fotos: Warnecke

Scheeßel / Fintel – Wo auch immer man sich umschaut: die Besucherparkplätze der Pflege- und Altenheime – sie sind wie leer gefegt. Seit Dienstag gilt für die Einrichtungen zum Schutze der Bewohner vor dem neuartigen Coronavirus ein generelles Betretungsverbot. Das Landesgesundheitsamt schreibt es vor. Besuche von nahen Angehörigen dürfen nur noch auf das Notwendigste beschränkt werden – „dann nämlich, wenn ein Bewohner im Sterben liegen sollte“, bringt es Renate Pflug auf den Punkt. „Aber diese Ausnahmen gelten dann auch nur unter strengsten Hygieneauflagen.“ Pflug ist Senior-Chefin vom Haus im Garten. Zwei stationäre Einrichtungen, eine in Scheeßel in Bahnhofsnähe und eine in Ostervesede, gehören dazu. Rund 80 Bewohner leben in den beiden Heimen. Und wie es aussieht, wird sich diese Zahl, entgegen der der Neuinfizierten, in den nächsten Wochen auch nicht mehr erhöhen. „Wir haben einen Aufnahmestopp“, so die Leiterin. Noch in den vergangenen Tagen hätten sich Privatleute an das Haus gewendet, man müsse die Mutter oder den Vater unterbringen. Auch mit Krankenhäusern habe sie in Kontakt gestanden. Eigentlich normales Alltagsgeschäft. Aber was ist schon normal in Zeiten der Corona-Krise? „Da hieß es, man müsse Patienten entlassen, wo wir natürlich sagen, dass wir diese Menschen gerade nicht bei uns aufnehmen können – wir habe da eine ganz klare Anweisung, wie Altenheime sich zu verhalten haben.“

Natürlich, sagt Pflug, sei das alles gerade eine „ganz üble Situation“. Nichtsdestotrotz sei die Stimmung unter der Bewohnerschaft wie auch dem Pflegepersonal völlig normal. „Das Leben muss ja irgendwie weitergehen.“ Klar, empfohlene Maßnahmen wie Hygiene und Abstand einhalten würde man natürlich auch in ihren Einrichtungen befolgen. Letzteres, so Pflug, gestalte sich in der Verwaltung natürlich auch einfacher als in der Pflege.

Und doch – etwas sei ihren Worten nach anders in diesen Tagen: „Nicht nur die Bewohner finden es schade, dass sie vorerst nicht mehr von Familien und Freunden besucht werden dürfen, auch umgekehrt ist das so.“ Demnach gebe es viele Menschen, die sonst regelmäßig zur Visite in die Häuser kommen würden, um ihre Liebsten nicht alleine zu lassen. Stattdessen werde nun mehr denn je untereinander telefoniert, um in Kontakt zu bleiben. „Die meisten haben ja eigene Smartphones und kommunizieren so nach draußen.“ Ob auch via Skype, also über Bildtelefon, um so wenigstens auch ein Gesicht vor Augen zu haben, sei ihr nicht bekannt. „Aber wir haben hier einige, die mit der modernen Technik schon bestens vertraut sind.“

Ortswechsel: Auch vor dem Scheeßeler Beekepark herrscht gähnende Leere. Das Leben spielt sich hinter den geschlossenen Türen ab. Im Eingangsbereich weist ein Plakat auf den Ausnahmezustand hin. 64 ältere und/oder pflegebedürftige Menschen haben hier ihre Bleibe gefunden. Auch für sie, sagt Pflegedienstleiterin Nadine Peters, sei das Besuchsverbot eine persönliche Zäsur. „Man ist bei uns schon sehr betrübt; einige Bewohner sagen, es sei ihnen angesichts ihres hohen Alters egal, ob sie sich mit dem Virus anstecken.“ Stattdessen legten sie viel mehr Wert darauf, weiterhin besucht werden zu können. „Aber was will man machen?“, bemüht die Fachkraft eine rhetorische Frage. Diesen Wunsch wird sie bis auf Weiteres nicht erfüllen können.

Gewundert habe sie sich, dass trotz der vorübergehenden Regelung selbst einzelne Angehörige den Verzicht auf persönlichen Kontakt nicht hätten einsehen wollen. Das Telefon habe diesbezüglich in letzter Zeit kaum noch stillgestanden „Die wollen hier unbedingt rein“, so Peters. „Einige standen auch schon demonstrativ vor der Tür.“ Intensivere Händedesinfektion und sonstige Vorsichtsmaßnahmen im Umgang mit der Risikogruppe sei die eine Sache, die Einschränkung ihrer Mitarbeiter von sozialen Kontakten im Privaten eine andere – Peters mit eingeschlossen. „Verbieten können wir es natürlich nicht, viele aus dem Team haben aber schon Privatfeiern abgesagt.“

Ähnlich wird unter dem Personal im Haus Wümmetal verfahren. „Wir haben als Pflegekräfte eine besondere Verantwortung, dessen sind wir uns auch alle bewusst“, sagt Verwaltungskraft Ulrike Thies. Kontakte, die nicht entsprechend notwendig seien, würden unterbunden. Noch sei die Stimmung unter den älteren Menschen im Haus trotz der neuen Verordnung gelöst. „Wir haben schon Schlimmeres erlebt – natürlich ist es nicht schön, aber es ist nun so.“ Und schon klingelt schon wieder das Telefon. Die Schwiegertochter einer Heimbewohnerin ist auf der anderen Seite der Leitung. Thies stellt das Gespräch zu der alten Dame durch. Es wird sicher nicht das letzte Mal sein.

Stationäre Pflege ist die eine Sache, ambulante die andere. Und so muss sich auch die Diakonie-Sozialstation Scheeßel-Fintel, deren Kräfte täglich zu Hausbesuchen ausrücken, um die Kunden medizinisch zu versorgen, in der Krisensituation neu aufstellen und viele Veränderungen vornehmen. Ihre Tagespflege an der Scheeßeler Friedrichstraße ist bereits geschlossen, auch weitere Betreuungsangebote liegen derzeit auf Eis. „Erschwerend kommt für uns hinzu, dass wir 97 Prozent weibliche Mitarbeiter im Betrieb beschäftigen, wovon viele auch Mütter kleiner Kinder sind“, schildert Marianne Kuhn, Geschäftsführerin der gemeinnützigen GmbH, das Dilemma. Da eine Notbetreuung in den Kitas nur für jene Kinder stattfinden würde, deren beide Elternteile in der Daseinsvorsorge beschäftigt sind, sei deren Betreuung nur schwer sicherzustellen. „Wir bemühen uns von Einrichtungsseite, hier Abhilfe zu schaffen“, so Kuhn. „Diese Ressourcen fehlen allerdings an anderer Stelle.“ Solche Probleme führten derzeit zu ständigen Änderungen in der Dienstplanung. Leitungskräfte und Mitarbeiter seien dadurch extrem belastet und kämen langsam an ihre Grenzen. „Wir werden aber weiterhin unsere Kunden versorgen und auch Neuaufnahmen tätigen“, versichert sie.

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