BUNDESTAGSWAHL Munsteraner peilt erneut das Direktmandat für die SPD an

Lars Klingbeil: Richtung Runde vier

Lars Klingbeil vor dem Eingangstor zum Eichenring
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Lars Klingbeil will zum vierten Mal in Folge in den Bundestag.

Scheeßel – Es regnet. Mal in Nieseltröpfchen, mal etwas heftiger, sodass im letzteren Fall die Schritte schnell zu einer Remise ins Trockene führen. „Wir haben typisches Hurricane-Wetter“, sagt Lars Klingbeil. Wir treffen den SPD-Bundestagsabgeordneten und Kandidaten für den Wahlkreis Rotenburg I-Heidekreis auf dem Scheeßeler Eichenring. Dort, wo vor Corona jedes Jahr die Motorräder des MSC Eichenring ihre Runde drehten – und natürlich, wo in Hochzeiten bis zu 78 000 Festivalgänger beim Hurricane feierten.

Mit Renn- und Feierstimmung sieht es seit Beginn der Pandemie auf dem Gelände derzeit mau aus. Dennoch ist Klingbeils Wahl für einen Gesprächsort auf den Eichenring gefallen. Ein Ort, der, wie er sagt, „zu mir passt und an dem ich mich wohlfühle“. „Das Hurricane-Festival und die Musik sind für mich die Verbindungen in den Landkreis Rotenburg“, sagt der Munsteraner. „Hier war ich schon, bevor ich wusste, dass ich was mit Politik machen möchte.“

Aber auch in den folgenden Jahren sei er immer wieder hier unterwegs gewesen, um mit Rettungskräften und Veranstaltern zu sprechen – und um sich Bands anzuhören. „Bei Deichkind hatte ich mal das Glück, für ein paar Minuten oben am Bühnenrand zu stehen, als sie mit einem Gummiboot über die Masse geglitten sind“, erinnert er sich, während der Spaziergang langsam einmal um die Wettkampfbahn des MSC führt – vorbei an verwaisten Zuschauertribünen.

Seit 2009 durchgängig im Bundestag

Bereits 2005 sitzt er für nicht ganz neun Monate als Nachrücker im Bundestag, seit 2009 durchgängig. Die Atmosphäre allerdings, so Klingbeil, hat sich verändert – vor allem mit dem Einzug der AfD ins Parlament vor vier Jahren. „Der Ton ist anders geworden, ruppiger.“ Die Entscheidung für die Arbeit als Abgeordneter stellt er allerdings nicht infrage. Die darf er seit der Wahl 2017 per Direktmandat ausüben, jetzt geht es um eine vierte Legislaturperiode. Für die ist er zur Zeit er viel unterwegs, nicht nur als Kandidat in seinem Wahlkreis, sondern auch in seinem Amt als SPD-Generalsekretär: Zwei Tage in Bayern, dann ein Stop zu Hause, weiter nach Berlin, nach Hessen und wieder in den Wahlkreis, Termine in Sottrum, in Scheeßel, ein Treffen in Visselhövede. Allerdings sorgt Corona dafür, dass der Wahlkampf deutlich anders ausfällt als die vorherigen. „Es fehlt einfach Vieles, beim letzten Mal gab es oft Grillfeste und Hausbesuche. Das geht erst jetzt wieder allmählich los, wenn auch noch viel im Internet stattfindet.“

Dort, auf Instagram, gibt es für ihn gerade „ganz gut was auf die Nase“, wie Klingbeil sagt. Auslöser ist ein Beitrag, in dem er sich zu der Evakuierung der in Kabul verbliebenen Deutschen und der Ortskräfte äußerte. Die Kritik ist heftig und bezieht sich oft auf einen Antrag der Grünen, in dem diese schon im Juni die Evakuierung gefordert hatten. „Solche Anträge der Opposition sind Show-Anträge. Wir waren da schon dabei, Evakuierungsmaßnahmen vorzubereiten. Niemand hat damit gerechnet, dass die Taliban so schnell in der Lage sind, Afghanistan wieder einzunehmen. Da haben auch die Geheimdienste komplett andere Berichte abgegeben.“ Ihm sei es bei dem Beitrag darum gegangen, zu erzählen, was ihn in diesen Stunden bewegt habe.

Gegen graue Flecken

30 Millionen Euro für die Breitbandförderung in den Landkreis Rotenburg gewuppt, einen Riegel vor Fracking-Vorhaben geschoben und Versenkbohrungen zugemacht sowie die Mobilität im ländlichen Raum weiter angeschoben – diese Punkte sieht der 43-Jährige in seiner bisherigen Bilanz auf der Haben-Seite. Auch, wenn sich immer noch bei ihm Menschen melden, für die schnelles Internet nach wie vor graue Theorie ist. „Da kommt jetzt das Graue-Flecken-Programm“, verspricht er.

Das Wichtigste aus dem Landkreis Rotenburg: Immer samstags um 7:30 Uhr in Ihr Mail-Postfach – jetzt kostenlos anmelden.

Und dann ist da noch seine Arbeit als Generalsekretär: „Es ist eine Herausforderung. Es waren vier verrückte Jahre“, sagt Klingbeil. Vier Jahre, in denen er acht SPD-Vorsitzende erlebt hat – die kommissarischen nach dem Rückzug von Andrea Nahles eingeschlossen. Die Organisation der Groko-Abstimmung 2018, Koalitionsverhandlungen mit Peter Altmaier in dessen Wohnzimmer – er, der Junge vom Dorf, der jetzt Generalsekretär der ältesten Partei Europas sein dürfe: „Ich habe wahnsinnig viel erlebt, und es ist eine große Ehre, dass ich so ein Amt haben darf.“ Er ist zuversichtlich, dass sich 2017, als die Umfragewerte der SPD nach einem Hoch im schlechtesten Ergebnis aller Bundestagswahlen mündeten, nicht wiederholen wird. „Ich bin weit davon entfernt, mich schon zu freuen, aber wir sind jetzt 36 Tage vor der Wahl, wir sind knapp hinter der CDU, Olaf Scholz hat überragende Persönlichkeitswerte. Es fühlt sich gut an, wenn man sieht, dass die Dinge, die wir machen, gesehen werden.“

Irgendwann muss man den Zeitpunkt zum Aufhören abpassen. Aber der ist nicht jetzt. Politik macht mir Spaß, und da habe ich auch noch ein bisschen was vor.

Lars Klingbeil

Um den Kopf freizubekommen hilft ihm seit kurzen neben etlichen Gitarren auch eine Ukulele, die er von seiner Frau bekommen hat. „Ein paar Sachen bekomme ich darauf schon ganz gut hin“, sagt er mit einem Lachen. Ansporn sieht er auch im aktuellen Wahlkampf: „Die letzte Bundestagswahl und das Direktmandat sind da für mich die Messlatte“, sagt er. „Und für einen nächsten Schritt hilft das Direktmandat.“ Wie der aussieht, ob es vielleicht ein potenzieller Kabinettsposten ist, lässt Klingbeil allerdings offen. „Ich bin bis Dezember gewählter Generalsekretär, und mein ganzes Denken und alle Planungen sind auf den 26. September, 18 Uhr, ausgerichtet. Den Job will ich jetzt gut machen, alles andere kommt danach.“ Ein Leben lang Politik – das will er nicht: „Irgendwann muss man den Zeitpunkt zum Aufhören abpassen. Aber der ist nicht jetzt. Politik macht mir Spaß, und da habe ich auch noch ein bisschen was vor.“

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