Eine stille Stunde

Künstler Gunter Demnig verlegt Stolperstein für ein Scheeßeler Euthanasieopfer

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Gunter Demnig (r.) beim Verlegen des Stolpersteins auf dem Gehweg vor Anna Katharina Meyers Geburtshaus. 

Scheeßel - Von Wieland Bonath. Mitten auf dem Bürgersteig, genau vor dem reetgedeckten Fachwerkhaus, Schulstraße 5, dem Gemeindekindergarten: Hier weist, eingeprägt in eine zehn mal zehn Zentimeter kleine Messingplatte, ein kurzer Satz auf eine der unzähligen Gräueltaten der Nazizeit hin: „Hier wohnte Anna Katharina Meyer, Jg. 1901, Eingewiesen 22.8.1934 Heilanstalt Lüneburg, ,verlegt‘ 12.5. 1941 Hadamar, ermordet 12.5.1941 ,Aktion T 4‘.“ Einer von inzwischen mehr als 70 000 Stolpersteinen in vielen deutschen Städten und in zahlreichen Gemeinden und in insgesamt 23 europäischen Ländern, wo die Machthaber des Dritten Reiches Menschen verfolgten, quälten und töteten.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig (71) hat das Erinnern an die Opfer zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Er war am Dienstag nach Scheeßel gekommen und hatte im Beisein von rund 60 Besuchern den Stolperstein für Anna Katharina Meyer, Tochter des Zimmermeisters Adolph Cord Meyer und dessen Frau Anna Maria, gesetzt. Eine bewegende und stille Stunde für das Euthanasieopfer. Der erste Stolperstein im Landkreis außerhalb Rotenburgs, wo Demnig bereits vor Jahren für die Familie Cohn und zwei Mitarbeiter, für drei Bewohner der Rotenburger Anstalten und zwei zwangssterilisierte Frauen im Diakoniekrankenhaus Stolpersteine verlegt hat.

So unauffällig wie Gunter Demnig in seinem Peugeot-Transporter gekommen war, vollgepackt mit zahlreichen Stolpersteinen für andere Orte, mit Handwerksgeräten, mit Mörtel, Wasserwaage und Knieschonern, so rasch war er auf dem Weg zum nächsten Stolpersteineziel. Ein Mann, der von seiner Mission erfüllt scheint, 1992 den ersten Stolperstein vor das Kölner Rathaus legte, Anfeindungen aushalten musste, sehr viel Hochachtung erntete, mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde und in Europa bekannt ist.

Der Dank von Bürgermeisterin Käthe Dittmer-Scheele (CDU) wird Demnig vermutlich über den inzwischen in Fintel lebenden gebürtigen Scheeßeler Ralf Ahlers (66) erreichen, der die Forschungsarbeit ungeklärter Schicksale von Naziopfern in Gemeinden des Kreises Rotenburg auf seine Fahnen geschrieben hat und der vor einiger Zeit zu ihm Kontakt aufgenommen hat. Ahlers, der am Dienstag von dem aus Lauenbrück stammenden Lehrer Heinz Promann vertreten wurde, ist sich sicher: Unterstützt durch das geänderte Archivgesetz wird es ihm, ähnlich wie bei Anna Katharina Meyer, möglich sein, das Schicksal anderer Menschen aus Gemeinden der näheren Umgebung aufzuklären.

Die Bürgermeisterin begrüßte unter anderem zwei Angehörige von Meyer, nämlich die Großnichte Meike Bénet aus Scheeßel und den Großneffen André Eggert aus Hetzwege. Außerdem hieß Dittmer-Scheele Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Institutionen, darunter der Stiftung Cohn-Scheune aus Rotenburg willkommen. Unter den Gästen war außerdem die Leiterin der „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg, Dr. Carola Rudnick.

„Der Stolperstein als Mahnmal macht betroffen über das persönliche Schicksal eines Menschen aus unserer Gemeinschaft und wird das Erinnern über Generationen hinweg wachhalten“, so die Bürgermeisterin. „Es ist notwendig zu wissen: Hier an diesem Ort hat ein Mensch gelebt, dem Unrecht widerfahren ist. Es ist wichtig, darüber ins Nachdenken und ins Gespräch zu kommen.“ Dittmer-Scheele fuhr fort: „Der Zufall will es, dass Anna Katharina Meyer in diesem Gebäude aufgewachsen ist, das seit 1981 im Eigentum der Gemeinde Scheeßel ist und durch unsere Gemeinde seit Jahren als Kindertagesstätte genutzt wird.“

Es bewege sie sehr, sagte die Bürgermeisterin, dass es Ralf Ahlers gelungen sei, in Scheeßel einen Schicksalsweg eines Opfers des Nationalsozialismus, eines Euthanasieopfers, konkret aufzuzeigen. Sie bedanke sich für Ahlers‘ Engagement sowie bei allen, die sich in der Stiftung und darüber hinaus dazu beigetragen haben, die Stolpersteinverlegung zu machen.

Gemeindearchivar Dr. Karsten Müller-Scheeßel, pensionierter Direktor der Eichenschule, und Carola Rudnick versuchten, unterstützt von Archivmaterial, einen möglichst lückenlosen Überblick über das Leben, Leiden und Sterben von Anna Katharina Meyer zu geben.

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