Mit dem Kriegsende kamen die Flüchtlinge / Gemeindearchivar erinnert an ein Stück Zeitgeschichte

Eine veränderte Lebenssituation

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Die Baracken in Scheeßel waren lange das Zuhause vieler Flüchtlinge.

Scheeßel - Von Karsten Müller-Scheeßel. Hätten Sie gewusst, dass sechs der elf zur Gemeinde Scheeßel gehörenden Dörfer ihre größte Einwohnerzahl 1946 gehabt haben? Können Sie sich vorstellen, dass ein Dorf wie Wester-esch mit heute etwas mehr als 500 Einwohnern in der Lage wäre, innerhalb eines Jahres problemlos 225 Flüchtlinge aufzunehmen? Oder Scheeßel mit heute etwa 6700 Einwohnern 3000? Und das ohne auch nur ein neues Haus zu bauen? Das genau war die Situation vor 70 Jahren am Ende eines mörderischen Krieges nicht nur in Westeresch und Scheeßel.

Daran zu erinnern ergibt Sinn in einer Zeit, in der die Aufnahme von vergleichsweise sehr wenigen Asylbewerbern landauf landab zu Unruhe und lautstarkem, ja gewalttätigem Protest führt. Und das, obwohl die Unterbringung der Asylbewerber in eigens von den Kommunen angemieteten Wohnungen, Häusern oder großen Gemeinschaftsunterkünften erfolgt.

Am Ende des Krieges wurde seinerzeit nicht gefragt, ob jemand bereit ist, Flüchtlinge in sein Haus aufzunehmen. Es wurde zugewiesen und mit Zwangsmaßnahmen gedroht, wenn man sich weigerte. Denn willkommen waren die Menschen, deren Wohnungen in den benachbarten Großstädten durch Bomben zerstört worden waren und die als Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten kamen, auch hier nicht. Obwohl es sich um deutsche Landsleute handelte.

In Bartelsdorf, Hetzwege, Ostervesede, Sothel, Westerholz und Westervesede war die Einwohnerzahl 1946 größer als heute. Den kargen, häufig sandigen Böden unserer Gegend war das tägliche Brot nur mit saurer Arbeit abzuringen. Groß dimensionierte Bauernhäuser waren selbst auf Vollhöfen eher eine Seltenheit. Schon ohne die unterzubringenden Flüchtlinge war es eng in ihnen.

Die Schulchronik von Lehrer Ludwig Meyer in Westeresch und die gut gemachte Wohlsdorfer Chronik von 2002 vermitteln uns einen Eindruck davon, welchen Belastungen die Bewohner beider Dörfer ausgesetzt waren. Sie führen die Namen der Flüchtlinge, ihre Herkunftsorte und die Häuser, in denen sie untergebracht wurden, auf. Obwohl in Wohlsdorf am 21. April 1945 14 von 40 Häusern abgebrannt waren, hatten die Wohlsdorfer zusätzlich zu ihren obdachlos gewordenen Dorfnachbarn zwischen 1945 und 1948 insgesamt mehr als 170 Flüchtlinge zu beherbergen. Von 370 BewohnernWestereschs waren 1946 25 Ausgebombte der benachbarten Großstädte und 140 Ostflüchtlinge. Von den insgesamt 19 Höfen in Westeresch und Wenkeloh hatten alle bis auf einen Einquartierung – und das teilweise über viele Jahre.

Ein persönliches Beispiel: Zusammen mit meinen Eltern und zwei Geschwistern zogen wir im Sommer 1945 auf die Domäne Luhne und bezogen das dortige Guts-haus. In meinen Kindheitserinnerungen wurde es im Haus bis etwa 1947 immer enger. Allein acht Verwandte aus dem Osten wurden aufgenommen, ein weiterer Bruder wurde geboren. Jeder Zuzug war mit der Abgabe weiteren Wohnraums verbunden. Der Höchststand der Belegung des Hauses war 1947 mit 57 Personen erreicht. Das Haus steht noch. Sehen Sie es sich an. Dann haben Sie eine Vorstellung, in welchen beengten Verhältnissen man sich einrichten musste. Für uns Kinder übrigens war das herrlich. Zum Spielen war immer jemand da. Für „Indianerbanden“ und Fußballmannschaften reichte es jederzeit.

Wie auch heute Flüchtlinge nach Möglichkeit mit Familien und Landsleuten schon der Sprache wegen am liebsten zusammenbleiben, so war es auch zu Kriegsende. Ganze Dörfer hatten sich zu Trecks zusammengetan und kamen auch hier bei uns gemeinsam unter. Die zahlreichen Schlesier in Scheeßel stammten zu einem großen Teil aus dem Kreis Hirschberg. In Westeresch fanden zahlreiche Ostpreußen aus dem Kreis Johannisberg ein vorübergehendes neues Zuhause. Ein besonderes Schicksal hatte eine größere Gruppe aus dem Kreis Leipe in Westpreußen erlitten, waren sie doch als Deutsche aus Bessarabien erst zu Beginn des 2. Weltkrieges nach Westpreußen umgesiedelt worden. Auch sie kamen in Westeresch unter.

Es kann nicht verwundern, dass die plötzlich für alle Beteiligten dramatisch veränderte Lebenssituation mit katastrophalen Wohnverhältnissen, Hunger, Mangel an Arbeitsplätzen und fast allen Dingen des täglichen Bedarfs zu Spannungen und Konflikten zwischen Einheimischen und Flüchtlingen führen musste. Küchen, hygienische Einrichtungen und das Wenige, was an Lebensmitteln da war, mussten mit Fremden geteilt werden. Die Einheimischen hofften, dass ihre ungebetenen Gäste bald wieder ausziehen würden, und die Flüchtlinge träumten davon, in ihre Heimat zurückkehren zu können.

Relativ stark schottete man sich in der Regel auch gegeneinander ab. Es dauerte, bis es die ersten Heiraten zwischen Einheimischen und Flüchtlingen gab, bis die ersten Flüchtlinge in den Kirchenvorstand gewählt wurden oder in Vereinen Verantwortung übernahmen. In Scheeßel übrigens waren Flüchtlinge an der Gründung der Eichenschule 1947 beteiligt. Sie hatten in besonderer Weise erfahren müssen, dass man alles verlieren kann, aber nicht eine gute Ausbildung.

Doch allen Spannungen und Konflikten zum Trotz gab es immer noch ein einigendes Band: Man zeigt sich froh, dass der Krieg zu Ende war. Und dass man lebte. Und alle waren sich bewusst, dass es nur bergauf gehen konnte, wenn man gewillt war kräftig anzupacken und die Katastrophe als Chance für einen neuen Anfang begriff.

Die Flüchtlingssituation entspannte sich nach der Währungsreform und in den fünfziger Jahren. Viele Menschen zogen wieder in die industriellen Zentren, wo es Arbeitsplätze gab. Wer blieb, hatte hier Arbeit gefunden und baute sich ein Haus. In Scheeßel geschah das zum Beispiel mit dem Bau der Scheeßeler Ostlandsiedlung 1951 und der Siedlung an der Berliner Straße.

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