Neuntklässler der Eichenschule setzen Klassiker „Andorra“ in aktuellen Bezug

Klassiker mit Bierdosen und fliegenden Stühlen

Eindrucksvolle Szene: Auch der Klerus (Sophie Meyer als Pater) hat sich am Tod des Halbbruders und Geliebten von Barblin (Anna Schneider) versündigt. - Foto: Heyne

Scheessel - Von Ulla Heyne. Andorra – für unzählige Schülergenerationen war und ist der Klassiker von Max Frisch Unterrichtsthema. Dass es bei der Geschichte um den Jugendlichen Andri (auch angesichts langer Monologe textsicher und spielstark: Lea Reibiger), der als vermeintlicher Jude zum Außenseiter abgestempelt wird, durchaus um ein aktuelles Lehrstück handelt, machten die von den Schülern selbst entwickelten, immer wieder eingeschobenen Szenen bei der Premiere am Dienstagabend im Theatersaal deutlich.

Gleich vorweg die Ansage des „Einsatzkommandos“ der in Weiß gekleideten Schüler, die mal Mob, mal Polittalk verkörpern (herrlich überspitzt: Hannah Indorf als Gutmensch): „Andorra ist kein Ort, sondern ein Modell“, für Rassismus, Feigheit und Konformismus.

Eine kluge Entscheidung von Spielleiterin Susanne Rünger, das Bühnenbild in Schwarz-Weiß zu halten – das symbolisiert nicht nur die vermeintlich heile Gesellschaft unter Gleichen, sondern lässt auch viel Raum für das Agieren, Mimik und Gestik der Schüler des Wahlpflichtkurses der Neuntklässler. Und damit sparen sie nicht: Ausdrucksstark und voller Körpereinsatz, sogar der ein oder andere veritable und erstaunlich professionelle Stunt ist dabei. Wer in der ersten Reihe sitzt, sollte nicht zart besaitet sein, hagelt es im Laufe des eineinhalbstündigen Stücks doch nacheinander Stühle (zwei) Brot (eins, teils geschnitten), Koffer (einer), Bierdosen (viele) und eine fremde Señora (wacker: Lara Hay), die vom Mob kurzerhand von der Bühne geworfen und weggeschleift wird.

Beklemmend authentisch gelingen die Szenen der Ausgrenzung auf beiden Ebenen – den Bewohnern des Kleinstaates in ihrer Ablehnung „des Juden“ genauso wie dem Deutschlandfähnchen schwenkenden Pöbel. Diese Einschübe verleihen dem zuweilen sperrigen Stoff durch den Bezug zum aktuellen Geschehen eine neue Dimension. Im Laufe des Stücks sollen diese beiden Ebenen sich zunehmend vermischen.

Verstörend nicht nur die Blutlache, mit der die Spirale der Zerstörung eines jungen Lebens endet, sondern auch die Authentizität des Spiels einiger Akteure, etwa Ole Scherz als Soldat und Vergewaltiger.

"Zum Beispiel Andorra"

Die Symbolkraft der Farben tut ihr Übriges: Das Rot, als Barblin (Anna Schneider), nach dem gewaltsamen Tod von Vater und Halbbruder in den Wahnsinn getrieben, das ach so reine, nun vom Blut des Bruders befleckte Image des weißen Andorra versucht wieder rein zu tünchen. Es sind Bilder, die im Kopf bleiben, wenn im Fernsehen wieder einmal „Ausländer raus!“ skandiert wird.

Das Stück ist am Donnerstag noch einmal um 19.30 im Theatersaal der Eichenschule zu sehen.

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