Kita-Streik: Eltern ergreifen in Stemmen die Initiative und übernehmen die Betreuung der Kinder selbst

Aus der Not eine Tugend machen

+
Die Kinder der Stemmer „Zwergenhöhle“sind überglücklich: Endlich können sie wieder gemeinsam toben und spielen.

Stemmen - Von Lars Warnecke. „Bist du morgen auch wieder da?“, fragt die vierjährige Luisa. Alexandra Dreyer schüttelt den Kopf. „Morgen nicht, aber am Freitag.“ Luisa nickt und geht wieder zum Toben in die Turnhalle. Sie weiß, warum in der nächsten Zeit Mütter und Väter auf die Kinder der Kita „Zwergenhöhle“in Stemmen aufpassen: „Weil die Erzieherinnen mehr Geld verdienen wollen.“

Mehrere Warnstreiktage mussten Familien bisher hinnehmen, seit knapp drei Wochen währt nun schon ein unbefristeter Arbeitskampf des kommunalen Kita-Personals für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Der Ausstand stellt viele berufstätige Eltern vor erhebliche Probleme – auch in Stemmen. Den Nachwuchs zu Hause zu betreuen oder gar in fremder Umgebung unterzubringen, das gefiel nicht allen Mamas und Papas.

Daher haben die beiden Elternvertreterinnen der „Zwergenhöhle“, Alexandra Dreyer (33) und Yvonne Kreidner (39), jetzt zur Selbsthilfe gegriffen. „Statt zu meckern, wollten wir handeln, weil wir sowieso ein bisschen Zeit haben“, erklärt Dreyer, selbst Mutter eines drei Monate alten Kindes. Zunächst wollten die beiden Frauen ihren ehrenamtlich betriebenen Notdienst direkt im Kindergarten auf die Beine stellen. „So hätten wir kein Spielzeug rüberschleppen oder privat organisieren müssen.“ Das, sagt sie, sei jedoch aus Versicherungsgründen nicht machbar gewesen. Also fand die Elterninitiative im benachbarten Sporthaus ein vorübergehendes Quartier.

Seit Anfang dieser Woche ist der Plan in die Tat umgesetzt. Jeden Tag sind zwischen 8 und 12 Uhr zwei von den insgesamt derzeit sechs eingespannten Eltern da, um die Kinder zu betreuen – drei Stunden weniger, als bei der regulären Betreuung. „Wir wechseln uns ab, die Einteilung für diese Woche steht schon, für nächste Woche überlegen wir dann neu“, sagt Kreidner.

Nicht nur berufstätigen Eltern, auch den Jungen und Mädchen selbst komme das Angebot zugute, wie die 39-jährige Stemmerin erzählt: „Die Kinder waren zuhause schon ziemlich unterfordert. Uns war es wichtig, ihnen wieder einen Rhythmus zu geben.“ Und Alexandra Dreyer ergänzt: „Irgendwann sind die Kinder auch traurig, dass sie ihre Freunde nicht mehr so oft sehen – auch deswegen machen wir das hier.“

Von den 14 Kindern, die sonst in der „Zwergenhöhle“ betreut werden, sind heute zehn gekommen – die wenigsten von ihnen befinden sich im Krippenalter. „Einige Mütter von Kleinstkindern behalten ihren Nachwuchs lieber zu Hause, da sie uns nicht den Stress aufbürden wollen“, so Dreyer.

Der gewohnte Tagesablauf mit Morgenkreis, gemeinsamem Frühstück, Spiel im Freien sowie Abschlusskreis wurde beibehalten. Die beiden Mütter sind überrascht, dass es so gut läuft. Bisher habe es noch keinen Streit und keine Schramme gegeben. „Heute haben die Kinder unter Aufsicht des TV Stemmen in der Turnhalle das Kartoffel-Spiel gespielt“, berichtet Alexandra Dreyer.

In einem sind die beiden Frauen sich einig: „Diese Initiative schweißt uns zusammen und wir Eltern lernen uns noch besser kennen.“ Allerdings sei es auch gar nicht so einfach Vorschulkindern zu erklären, was ein Streik überhaupt ist. „Einerseits finden die Kleinen es toll, dass ihre Eltern als Kindergärtner arbeiten, andererseits vermissen viele ihre Erzieher schon und fragen, ob sie etwas falsch gemacht hätten“, so die zwei Stemmerinnen, die wie ihre Mitstreiter aus der örtlichen Elternschaft nun auf ein ganz schnelles Ende des Kita-Streiks hoffen.

Mehr zum Thema:

Germanwings-Jahrestag: Lubitz-Vater bezweifelt Alleinschuld

Germanwings-Jahrestag: Lubitz-Vater bezweifelt Alleinschuld

Fünf Rückkehrer beim Werder-Training am Freitag

Fünf Rückkehrer beim Werder-Training am Freitag

Neue Tragödie im Mittelmeer

Neue Tragödie im Mittelmeer

Grippewelle 2017: Ende zeichnet sich langsam ab

Grippewelle 2017: Ende zeichnet sich langsam ab

Meistgelesene Artikel

Schüler erteilen Rassismus einen Platzverweis

Schüler erteilen Rassismus einen Platzverweis

Schüler des Ratsgymnasiums und der BBS beim „Management Information Game“

Schüler des Ratsgymnasiums und der BBS beim „Management Information Game“

Westervesede: Noch jede Menge Müll vom Hurricane-Festival 2016 

Westervesede: Noch jede Menge Müll vom Hurricane-Festival 2016 

16-jährige Radlerin stirbt bei Unfall

16-jährige Radlerin stirbt bei Unfall

Kommentare