Günter Brunkhorst wird nach 22 Jahren als Pastor in Scheeßel verabschiedet

„Kirche mit neuen Augen gesehen“

Die letzten Wochen im Pfarrhaus-Büro: Anfang November zieht es Günter Brunkhorst in die alte Heimat.
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Die letzten Wochen im Pfarrhaus-Büro: Anfang November zieht es Günter Brunkhorst in die alte Heimat.

Scheeßel – Noch ist im Arbeitszimmer von Pastor Günter Brunkhorst alles beim Alten. Nur die Karten und einige Geschenke auf dem Beistelltisch – selbst gemachte Marmelade und Likör, ein Blaudrucktuch, eine Zeichnung von der Kirche – deuten darauf hin, dass der 63-Jährige in gut einer Woche gesundheitsbedingt in den Ruhestand geht. Für uns zog er Bilanz über seine berufliche Laufbahn und 22 Jahre in Scheeßel.

Herr Brunkhorst, wenn man schon jetzt die Abschiedsgrüße und -worte sieht, fällt der Abschied da nicht schwer?

Ja, da sind schon bewegende Worte dabei, vor allem bei den Grußworten im Gemeindebrief. Davon habe ich vorher nichts gewusst und ich war überrascht, wer sich alles zu Wort gemeldet hat. Einige Beiträge haben mich zum Lachen gebracht und andere haben mich zu Tränen gerührt.

Im Gemeindebrief sind Sie ja mit allerlei Attributen bedacht worden: bodenständig, lustig, warmherzig, geerdet, ein spritziger Stürmer, der „Löwe aus Südafrika“… fühlen Sie sich da gut beschrieben?

Generell haben sie mich schon gut getroffen – sie stammen ja fast durchweg von Menschen, mit denen ich länger zu tun hatte und die mich gut kennen. Mich als „Löwe von Südafrika“ und „spritzigen Stürmer“ zu beschreiben, ist natürlich übertrieben, allerdings spiele ich beim Hallenfußball gern vorn mit und Tore schieße ich auch gerne.

Ist Ihnen der Entschluss, Scheeßel den Rücken zu kehren und in Ihre Heimat Sittensen zurückzuziehen, schwergefallen?

Nach 22 Jahren zu gehen, das fällt schon schwer. Wir haben uns in Scheeßel von Anfang an wohlgefühlt. Wir sind mit offenen Herzen aufgenommen worden. Ich hatte bis dato ja nur in Südafrika gearbeitet und von den Aufgaben in einem Pfarramt in Deutschland wenig Ahnung. Meine beiden Kollegen Johannes Drömann und Ulrich Wilke haben mir geholfen und mir am Anfang oft den Rücken freigehalten und gemeint: „Fass erstmal Fuß!“ Für den Umzug zurück nach Sittensen gibt es zwei Gründe: Erstens haben wir dort ein Haus und noch viele Bekannte und es gibt sogar noch Freundschaften aus der Jugendzeit. Und zweitens halte ich es für besser, wenn man als Pastor im Ruhestand nicht vor Ort bleibt.

Wird es denn einen Nachfolger geben?

So weit ich weiß, möchte der Kirchenvorstand meine 50-Prozent-Stelle neu besetzen und hat sie wieder ausschreiben lassen.

Zurück zu Ihren Anfängen hier: Sie deuteten schon an, dass sich Leben und Beruf von Südafrika unterschieden, wo Sie 13 Jahre als Pastor waren.

Die größte Herausforderung war erstmal die Arbeit mit Konfirmanden. Ich hatte ja keinerlei Material, da diese Aufgabe in Südafrika von Laienpredigern übernommen wurde. Dort hatte ich vielmehr die Aufgabe, Mitarbeitende zu schulen. Ich war viel unterwegs, um die Gemeinden, die viele Jahre vakant gewesen waren, wieder aufzubauen. Ich habe Gottesdienste abgehalten, mit Kinder- und Erwachsenentaufen, Konfirmationen und Abendmahl. Wenn der Pastor nur alle vier Wochen in einer Gemeinde sein kann, gibt es auch viel zu besprechen. So folgte nach jedem Gottesdienst eine kleine Gemeindeversammlung. Die Gemeindeleben wurden aber vor allem dadurch attraktiv, dass sich viele Ehrenamtliche engagiert haben. Und eine meiner Hauptaufgaben war es, diese zu betreuen und zu unterstützen.

Das klingt so, als ob sich einige Gemeinden in Deutschland davon eine Scheibe abschneiden könnten?

Ach wissen Sie, ich halte nichts davon, zwei ganz unterschiedliche Kirchen miteinander zu vergleichen, nämlich die Freiwilligenkirche mit kleinen, überschaubaren Gemeinden dort und die Volkskirche hier. Damit wird man beiden Seiten nicht gerecht. Was mich in Südafrika allerdings beeindruckt hat, war die Treue, mit der die Gemeindemitglieder zum Gottesdienst kamen. Wenn zum Beispiel eine Frau Bopi nicht kommen konnte, schickte sie eine Entschuldigung mit dem Grund ihrer Verhinderung.

Haben Sie noch Kontakt dorthin?

Das ist nicht ganz so leicht. Viele Afrikaner nehmen nicht mal eben den Stift in die Hand und schreiben einen Brief. Wenn man aber dort ist, wie meine Frau und ich zuletzt 2011, dann ist es, als wäre keine Zeit vergangen und man wäre nie weg gewesen.

Hat sich dort viel verändert?

Natürlich hat auch dort die Technik Einzug gehalten. Fast jeder oder jede hat ein Smartphone. Das Wertegefühl ist aber das Gleiche geblieben. Bei Krisen, persönlichen wie gesellschaftlichen, fragt man: „Was haben die Älteren gemacht?“ Das geht hin bis zu den Ahnen. Meine Frau scherzt manchmal, wenn ich von Afrika träume: „Die Ahnen haben gerufen!“ Wo wir als moderne Menschen meinen, man muss den Glauben an die Ahnen vom christlichen Glauben trennen, schütteln sie verständnislos den Kopf. Für sie sind die Verehrung der Ahnen und der christliche Glaube kein Gegensatz. Und es ist ja auch eine Wertschätzung den vorhergehenden Generationen gegenüber. Im Westen schaut man eher nach vorn, in Afrika eher zurück.

Haben Sie ein Stück von dieser Anschauung für sich übernommen?

Ich glaube, in Bezug auf meine Pensionierung bin ich sehr afrikanisch. Anstatt Pläne zu schmieden, sage ich: Sehen wir mal. Ich will erstmal ankommen. Vielleicht helfe ich später als Pastor auch mal aus. Aber ich gehe ja in den Ruhestand, weil ich nicht mehr gesund bin. Es gibt schon erste Anfragen für Predigten und Jubiläen, aber ich nehme erstmal nichts an.

Ein einschneidender Moment in Ihrer Laufbahn war sicherlich, als Ende 2010 nacheinander Ihre beiden Kollegen in kürzester Zeit Scheeßel verließen und Sie hier der einzige Pastor waren?

Dass Ulrich Wilke gehen würde, stand ja schon auf dem Plan, aber als Johannes Drömann ihm noch zuvorkam, war das erstmal ein Schock. Als ich gefragt wurde: „Wie siehst du das?“, habe ich gesagt: „Nützt ja nichts!“ Ich staune heute noch, dass ich damals die Herausforderung ganz ruhig angegangen bin.

Aus Gottvertrauen?

Ich wusste ja inzwischen, wie es in der Gemeinde läuft und was zu tun ist. Und dann kam schon bald mit Gunda Handrich eine erfahrene Pastorin, die ganz unkompliziert ihre Arbeit aufnahm – das war sehr wohltuend. Im Gebetskreis, der sich damals zusammensetzte, wurde jede Woche für einen Nachfolger gebetet – und die Gebete wurden erhört. Im Februar 2011 kam Jens Ubben in die Gemeinde. Ich habe damals den beiden gesagt: „Ihr seid eine Gebetserhörung!“

Was macht die Gemeinde Scheeßel aus?

Manche Kollegen mögen keine großen Gemeinden, die arbeiten lieber allein. Ich habe die Arbeit mit drei Pastoren mit ganz unterschiedlichen Begabungen als Geschenk empfunden. Ulrich Wilke hatte seine Stärken im Kinder- und Jugendbereich, im Konfirmandenunterricht hat er die Arbeit mit Teamern aufgebaut. Johannes Drömann konnte gut organisieren und gab öfter neue Impulse. So war er maßgeblich an der Gründung der Stiftung beteiligt. Mir hat die Arbeit im Bauausschuss Spaß gemacht. Die größte Herausforderung in den Jahren war die Kirchenrenovierung. Das war ein sehr anstrengendes Projekt, aber ich habe dadurch unsere St.-Lucas-Kirche mit neuen Augen sehen gelernt und mich in diese Kirche verliebt.

Es war also keine Liebe auf den ersten Blick?

Ganz im Gegenteil. Im Vergleich zu den schlichten Kirchen in Südafrika wirkte sie auf mich ziemlich überladen. Zuerst habe ich gedacht: Meine Güte, ist die aber voll! Nachdem ich mich mit ihrer Geschichte und den vielen Details eingehend befasst hatte und die Kirche nach der Restauration der Innenausstattung 2008 wieder im „alten Glanz“ erstrahlte, bin ich von ihr begeistert.

Teilen Sie den Eindruck, dass es immer weniger Ehrenamtler gibt?

Sie werden nicht unbedingt weniger, aber immer älter! Junge Erwachsene für das Ehrenamt zu begeistern, wird zunehmend schwieriger. Aber das ist nicht nur in der Kirche so, sondern auch im gesellschaftlichen Leben. Man kann zwar noch Mitarbeitende für bestimmte „Events“ gewinnen, aber langfristig binden wollen sich nur wenige.

Müsste sich Kirche ändern, um junge Menschen einzubinden?

Ich weiß nicht, ob das etwas ändern würde, wenn Kirche sich ändert. Für Scheeßel sehe ich eher die Chance, dass die beiden jungen Pastoren, die jetzt hier sind, mit ihren Familien den Zugang zu Altersgenossen finden und sie dafür begeistern können, sich zu engagieren.

Sie selbst haben den Zugang zu Menschen, gerade auf den Dörfern, ja oft durch Gespräche auf Platt gefunden.

Ja, das ist meine Muttersprache. Obwohl einige, wenn sie mich hören, sagen: „Du bist aber nicht von hier!“ (lacht). Ich spreche nun mal das Sittenser Platt. Bei persönlichen Kontakten ist man in Gesprächen öfter mal ins Platt gefallen, bei Veranstaltungen eher sporadisch: bei den Gottesdiensten zum Schützenfest in Ostervesede, beim Gottesdienst zum Beekefestival oder auch mal einer plattdeutschen Hochzeit, öfter bei Andachten zu Geburtstagen und Jubiläen.

Was würden Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg geben wollen?

Ich bin nicht jemand, der anderen sagt, was sie tun sollten. Da muss jeder selber seinen Weg finden und nach seinen Begabungen arbeiten.

Schmerzt Sie, dass die Verabschiedung unter Corona-Bedingungen stattfindet?

Ja, die Begrenzung auf etwas über 100 Teilnehmer, die zum Gottesdienst in der Kirche Platz finden können, das ist schon sehr schade. Was noch mehr schmerzt, ist, dass nicht gesungen werden darf. Singen ist eine der wichtigsten Säulen im Gottesdienst. Was mich aber freut, ist, dass dafür der Posaunenchor bei der musikalischen Gestaltung dabei ist. Mit dem Posaunenchor verbinden mich viele gemeinsame Veranstaltungen, besonders auch auf den Dörfern: Gottesdienste, Missionsfeste und Gedenkfeiern.

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