Ex-Mitarbeiter erhebt schweren Vorwurf

„Human Care“ kündigt Mietvertrag für Haus in Jeersdorf

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Derzeit steht die Immobilie am Wohltkamp leer, in dem „Human Care“ nur für wenige Monate ein Kinder- und Jugendheim betrieben hat.

Jeersdorf - Von Lars Warnecke. „Human Care“, ein Name, der den Anwohnern des Jeersdorfer Wohltkamps inzwischen allen ein Begriff sein dürfte. Im Frühjahr eröffnete die in Sottrum ansässige Firma, eine Tochtergesellschaft der K&S-Unternehmensgruppe, in Haus Nummer zehn ihr erstes Kinder- und Jugendheim – ein stationäres Angebot, das es so aber schon gar nicht mehr gibt.

Seit November steht das von Grund auf renovierte Gebäude leer. Warum? Ein Informant, der selbst einmal für „Human Care“ gearbeitet hat, seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen möchte, meint, die Gründe zu kennen.

Nein, leicht hatte es die Nachbarschaft den Betreibern von Anfang an nicht gemacht – regte sich doch schon kurz nach Bekanntwerden der Nachricht, dass in ihrer Straße bis zu acht junge Menschen ab acht Jahren eine psychosoziale Rund-um-die-Uhr-Betreuung erfahren sollen, massiver Widerstand. 

Dass sie neben einer Flüchtlingsunterkunft nun – nur ein Haus weiter – auch zusätzlich noch ein Heim mit womöglich auch noch verhaltensauffälligen Kindern vorgesetzt bekommen, trieb manchem „Wohltkamper“ die Sorgenfalten auf die Stirn. Auch, wurde damals gegen „Human Care“ der Vorwurf laut, weil man letztendlich, ohne vorab das Gespräch gesucht zu haben, vor vollendete Tatsachen gestellt worden sei.

Wohl sehr viel Geld versenkt

Das liegt nunmehr über ein Jahr zurück. Das Mietverhältnis für die Flüchtlingsunterkunft hat die Gemeinde längst aufgekündigt. Und auch das Haus mit der Nummer zehn, welches „Human Care“ gemeinsam mit dem Vermieter nach Vorgaben des Landesjugendamtes aufwendig für seine Bestimmung als Heim herrichten ließ, ist verwaist.

„Die haben dort unter Berücksichtigung aller Kosten sehr viel privates Geld versenkt“, berichtet der ehemalige Mitarbeiter, der lieber anonym bleiben möchte. Ohnehin, behauptet er, sei sein einstiger Arbeitgeber, ihm zufolge ein bundesweit agierendes Unternehmen, welches seit rund 30 Jahren im Bereich der Flüchtlingsbetreuung unterwegs sei – neuerdings zusätzlich auch in dem der Jugendhilfe –, „ziemlich naiv“ an das Wohltkamp-Projekt herangegangen. „Die haben wohl gedacht, noch mal schnell das Geld obendrauf machen zu können.“

Vor dem Hintergrund, dass der Markt generell hart umkämpft sei, meint er: „Es ist schon größenwahnsinnig, hier überhaupt etwas Neues aufzubauen.“ So würde das Jugendamt Rotenburg, wenn es um die Belegung geht, beispielsweise grundsätzlich auf seine etablierten Einrichtungen zurückgreifen. „Derjenige, der neu hinzukommt, muss sich natürlich hinten anstellen“, weiß er zu berichten. Daher sei „Human Care“ auch in der Zwangslage gewesen, selbst Akquise für sein Kinder- und Jugendheim zu betreiben – und dies ebenso bei überregionalen Jugendhilfen. 

Projekt habe sich nicht gerechnet

„Eine Kunst, die man aber erst einmal beherrschen muss.“ Am Ende, führt er weiter aus, habe sich das ganze Projekt bei acht angemeldeten Plätzen für den Träger überhaupt nicht gerechnet. Dem siebenköpfigen Team, bestehend aus Pädagogen, Psychologen, Ernährungsexperten sowie einer Hauswirtschaftskraft, habe in den wenigen Monaten, in dem das Heim in Betrieb gewesen sei, nur ein einziger zugewiesener Schützling gegenübergestanden – laut dem Informanten ein zehnjähriger Junge aus Hamburg.

Was er erfahren haben will und für seine Verhältnisse einem Skandal gleiche: „Die ließen den wohl schwersterziehbaren Jungen rund um die Uhr durch einen Sicherheitsdienst bewachen, weil die Betreuer es selbst nicht gewuppt bekommen haben.“ Ein Verfahren, welches seinen Worten nach aber verboten sei, für das man auch keine Erlaubnis bekommen würde.

Dass dem in der Tat so gewesen sein soll, widerspricht Sabine Henkel. Sie ist bei „Human Care“ für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. „Einen Bedarf hat es hierfür nie gegeben“, betont sie auf Nachfrage. „Richtig ist, dass wir den jungen Menschen rund um die Uhr nach den rechtlichen Vorgaben betreuten.“ Auch weist sie darauf hin, dass es zeitweise noch drei weitere Bewohner gegeben habe. Wegen einem sei für drei Tage dem pädagogischen Personal ein Begleitschutz zur Seite gestellt worden. Henkel: „Dies geschah, da wir zunächst eine Eskalation nicht ausschließen konnten, diese Befürchtung hat sich dann aber nicht bestätigt.“

Gespräche mit anderen Anbietern laufen

Ja, der Mietvertrag des Hauses in Jeersdorf, übrigens niedersachsenweit das einzige, in dem das Sottrumer Unternehmen stationäre Angebote vorgehalten habe, sei gekündigt worden, bestätigt die Sprecherin. „Grundlage dafür ist die Entscheidung, zukünftig regional wie überregional ausschließlich die ambulante Kinder- und Jugendhilfe weiterzuführen und auszubauen – hier besteht nach unserer Erfahrung ein hoher Bedarf.“

Derzeit befinde sich „Human Care“ in Gesprächen mit einem anderen Anbieter, der das Haus am Wohltkamp als Kinder- und Jugendheim weiter betreiben möchte. „Allen unseren dort eingesetzten Mitarbeitern haben wir angeboten, an anderer Stelle weiter für uns tätig zu bleiben“, so Henkel, „vor allem in der ambulanten Kinderhilfe.“

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