Telekom baut letzten Münzfernsprecher in Scheeßel ab

Kein Anschluss unter freiem Himmel

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Die Telefonhaube am Bahnhof war die letzte im Beeke-Ort. Am Dienstag hat die Telekom sie abmontieren lassen.

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Wer sich ohne Mobiltelefon am Scheeßeler Bahnhof aufhält, hat neuerdings kaum noch Chancen, jemanden anzurufen – selbst, wenn ihm ein Zug vor der Nase weggefahren ist. Bisher stand in Höhe der Fahrradanlage noch eine Telefonhaube der Deutschen Telekom bereit – als einziger verbliebener öffentlicher Fernsprecher im Ort. Dieser wurde am Dienstag von einem Subunternehmer der Telekom abgebaut. Einen Ersatz wird es nicht geben.

Was macht man, wenn man spätabends mit dem Metronom am Scheeßeler Bahnhof ankommt, sich ein Taxi rufen möchte und der Handy-Akku ist leer, das Mobiltelefon ging verloren oder wurde gar gestohlen? Bisher konnte man die Telefonhaube aufsuchen, die dort steht, mit dem nötigen Kleingeld die Nummer eines Taxiunternehmens herausfinden und sich dann einen Wagen herbeirufen. Eine solche Situation kommt aber wohl nur noch selten vor. Der pink-graue Münzfernsprecher am Bahnhof jedenfalls rentiert sich für die Telekom als Betreiberin nicht mehr.

Das Unternehmen begründet den Abbau ökonomisch: „Der Unterhalt einer Telefonzelle kostet Geld – etwa für Strom, Standortmiete, Wartung oder Beseitigung von Schäden durch Vandalismus“, sagt Sprecherin Stefanie Halle. Auf den Prüfstand kämen alle Apparate, die einen Umsatz von weniger als 50 Euro monatlich erzielen. „Der Umsatz ist ein klares Indiz dafür, dass der Wunsch nach einer Grundversorgung durch die Bevölkerung hier offensichtlich nicht mehr bestand.“

Bei Bedarf fortlaufend angepasst

Grundsätzlich, sagt sie, würde der Bestand fortlaufend dem Bedarf bei den Bürgern angepasst. Weil aber die Telekom gesetzlich zur Aufrechterhaltung von öffentlichen Kommunikationsstellen verpflichtet sei, könne sie nur dann öffentliche Fernsprecher abbauen und zum Telefonzellenfriedhof transportieren, wenn die betroffenen Kommunen keine begründeten Einwendungen dagegen vorbringen.

Halle: „Wenn die Kommune an einem Standort festhalten möchte, können wir über eine kostengünstige Alternative wie etwa ein Basistelefon sprechen.“ Das habe die Gemeinde Scheeßel aber nicht getan. „Man sieht so gut wie nie jemanden am Bahnhofsfernsprecher telefonieren“, sagt Bürgermeisterin Käthe Dittmer-Scheele. Sie könne die Telekom verstehen – zumal auch ältere Leute heute ein Handy hätten.

Fragt man Kinder, was eine Telefonzelle ist, bekommt man wohl diese Antwort: „Was soll das denn sein?“ Kein Wunder: Schließlich wachsen die Kleinen heute mit dem Handy in der Hand auf und haben möglicherweise noch nie ein Telefonhäuschen, wie es sie in Scheeßel bis vor wenigen Jahren beispielsweise noch am Kohlhofweg/Ecke Harburger Straße oder am Vareler Weg in Höhe der Beeke-Schule gab, von innen gesehen.

Bundesweit noch 20.000 öffentliche Fernsprecher

Die erste Telefonzelle in Deutschland wurde am 12. Januar 1881 in Berlin gesichtet. Ihre Verbreitung erreichte in der Bundesrepublik im Jahr 2007 mit 110.000 Exemplaren den Höhepunkt. Bis heute ist der Bestand auf rund 20.000 zusammengeschrumpft. Dem stehen laut Bundesnetzagentur 114 Millionen SIM-Karten, die für Mobiltelefone genutzt werden, gegenüber. Heute besitzt statistisch gesehen jeder Deutsche mindestens ein Smartphone.

So auch Yvonne Koslowski. Am Bahnsteig wartet sie auf ihren Zug. Die 38-Jährige könne sich durchaus noch an die wahren Lebzeiten des Telefonhäuschens erinnern. „In der Schulzeit war unsere Lieblingsbeschäftigung, Scherzanrufe zu machen. Natürlich von der Telefonzelle aus, damit man die Nummer nicht erkannte“, erklärt sie. „Wir haben dann irgendwelche Leute aus unserer Klasse angerufen und die Stimme verstellt.“ Und auch im Urlaub habe der abendliche Gang zur Telefonzelle immer zum Programm gehört, um der Oma ein Lebenszeichen zu senden oder die Nachbarn zu fragen, ob das Haus noch steht. Und wie war es dann so, das Erlebnis in der Telefonzelle? „Schon irgendwie ekelig“, meint sie. Kaugummis am Telefonhörer, herausgerissene Seiten aus dem Telefonbuch, Graffiti an den Scheiben, verschmierte Telefonhörer, beißender Gestank beim Öffnen der Tür. „Aber bei Regen immerhin winddicht und trocken.“

In kürzester Zeit ist der letzte in Scheeßel verbliebende Fernsprecher abgebaut. Monteure hieven ihn auf einen großen Transporter und weg ist er. Wenn Telefonzellen nicht gerade als Ersatzteillager ausgeschlachtet werden, können sie zu einem festen Preis auch von Privatpersonen gekauft werden und mutiert damit gar zum umgenutzten Kultobjekt. So wie in Ostervesede beispielsweise. Dort ist ein Häuschen zur „Bücher-Box“, zu einer Art selbst organisierten Bücherei für die Dorfgemeinschaft umfunktioniert worden.

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