Vorsitzende der Original Scheeßeler Trachtengruppe

Katrin und Heiko Klee  über Trachten, Tänze und Traditionen

Sind seit neun Jahren gleichberechtigte Vorsitzende bei der Original Scheeßeler Trachtengruppe: Katrin und Heiko Klee.

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Sie stehen als Schwägerin und Schwager in verwandtschaftlicher Beziehung zueinander, sind beide Anfang Fünfzig. Sie ist Apothekenmitarbeiterin, er Projektleiter in einem großen Hamburger Konzern. Ihre Mission, die sie sich mit so vielen anderen Menschen auf die Fahne geschrieben haben: das überlieferte Kulturgut der eigenen Heimat, die plattdeutsche Sprache, die Trachten und Traditionen, die Musik und die Tänze (Scheeßeler Bunte) zu bewahren, bei Auftritten im In- und Ausland vorzuführen und für die Zukunft zu erhalten. Heiko und Katrin Klee, die beiden Vorsitzenden der Original Scheeßeler Trachtengruppe, leben das Brauchtum – und das nicht nur an diesem Wochenende beim „Scheeßeler Trachtensommer“.

Frau Klee, Herr Klee, glaubt man dem Deutschen Trachtenverband, tragen hierzulande rund eine Million Menschen Trachten ...

Katrin Klee: Ja, und wir in Scheeßel gehören dazu. Ich weiß gar nicht, wie viele Menschen die Scheeßeler Tracht tragen. Mit unserer Gruppe und den Beekscheepers dürften es aber über den Daumen gepeilt wohl so um die 500 sein. Heiko Klee: Nicht zu vergessen: Zum Trachtensommer werden wir von den Originalen mit etwa 100 Leuten vertreten sein, die auf der Bühne in Scheeßeler Tracht auftreten – und das im Alter von drei bis 83.

Sie beide stehen einem Verein vor, in dem verschiedene Kleidungsstücke im Mittelpunkt stehen. Etwas ungewöhnlich, oder?

Heiko Klee: Ist es, ja. Wenngleich die Kleidung nicht wirklich im Vordergrund steht, sondern viel eher das Miteinander im Verein. Darauf kommt es uns an. Da ist die Tracht eher das verbindende Glied, neben der Musik und den Tänzen natürlich.

Was mögen sie an der Scheeßeler Tracht besonders gerne?

Katrin Klee: Die farbliche Vielfalt, die wirklich ins Auge fällt – also das Grün der Wiesen und Wälder, das Schwarz der Moore und Wachholder und das Lila der Heide in ihrer schönsten Blüte. Die Trachten, nebst den vielen Schmuckstücken, wurden übrigens im 17. Jahrhundert angeschafft und noch bis in die 1920er-Jahre hinein bei Brautzügen getragen.

Und diese Brautzüge stellen Sie bei Ihren Auftritten nach?

Heiko Klee: Genau, und das bis ins kleinste Detail. Dazu gehören der Hochzeitsbitter, das Brautpaar mit Elternpaaren, Brautjungfern, Tänzer in Festtags- und Sonntagstracht, Kinder mit ihren Blaudruckschürzen und Musiker der eigenen Trachtenkapelle. Es ist immer wieder bei unseren Auftritten schön zu erleben, wie die Leute applaudieren, wenn sie unsere Trachten sehen, zum Beispiel im Rahmen von Umzügen beim Tag der Niedersachsen oder beim Landestrachtenfest. Nein, das ist schon etwas Besonderes. Sie sind aber auch wirklich ein Hingucker.

Aber sicher doch nicht so luftig, wie man es sich als Träger an heißen Sommertagen vielleicht wünscht ...

Katrin Klee: Man kommt als Frau schon ziemlich ins Schwitzen, das stimmt. Während die Männer ihre Jacke nach den Auftritten problemlos ausziehen können, sieht sich unsereins mit der Tatsache konfrontiert, dass ja alles miteinander verbunden ist. Und die langen Röcke aus dickem Baumwollstoff sind eben nicht leicht vom Gewicht her. Wir ziehen die Tracht morgens an und versuchen abends wieder herauszukommen – notfalls auch mit Hilfe.

Seit neun Jahren sind Sie beiden im Doppel quasi der Antriebsmotor bei den „Originalen“. Wie sind Sie überhaupt zum Tanzen gekommen?

Katrin Klee: Sicher nicht aus dem Grund, weil ich mir nichts Besseres vorstellen kann, als eine Tracht anzuziehen (lacht). Nein, über Freunde, Heiko und ich waren ja noch Teenager. Es gab damals viele in unserem Alter, die gleichzeitig bei den „Originalen“ angefangen haben, wie wir – ja, und so ist man da hineingewachsen, hat über den Verein auch neue Freundschaften geschlossen. Viele dieser Leute sind, wie wir, auch heute noch dabei – die Fluktuation war damals ja noch sehr viel geringer als heutzutage. Heiko Klee: Ein echter Anreiz war es als Jugendlicher ja auch, über die internationalen Kontakte, die der Verein pflegt, mal aus Scheeßel rauszukommen – nicht, wie heute, gleich nach Neuseeland oder Australien. Ich erinnere mich, wie wir in unseren Anfangsjahren hinter den Eisernen Vorhang nach Moskau gereist sind oder ins damalige Jugoslawien – das waren wirklich unglaubliche Erlebnisse, und jede Menge Spaß hatten wir natürlich auch dabei. Katrin Klee: Dadurch, dass man bei Gastfamilien untergekommen ist, waren die Kosten ja auch relativ gering. Klar, man hatte die Busfahrten zu bezahlen, und den Rest konnte man sich vor Ort als Schüler auch noch leisten.

Erleben Sie die Begeisterung auch heute noch bei den Kindern?

Katrin Klee: Nicht mehr in diesem Ausmaß. Früher haben wir uns sofort angemeldet, wenn es wieder hieß, man reise dorthin oder dorthin. Wir waren innerhalb des Vereins eine eingeschworene, reiselustige Gemeinschaft. Heute muss man schon mal hinterhertelefonieren, ob nicht das eine oder andere Kind Lust habe, mitzukommen. Wir haben schon längst nicht mehr diesen jugendlichen Kern. Mit zwölf, 13 Jahren etwa ist für viele wieder Schluss. Aber bei anderen Traditionsvereinen sieht es mit dem Nachwuchs auch nicht anders aus, da sind wir nicht allein. Heiko Klee: Im Großen und Ganzen sind wir mit unserer Nachwuchsarbeit aber zufrieden. Aktuell haben wir knapp über 20 Kinder im Verein. Es könnten natürlich aber immer noch mehr sein.

Trachtenvereine setzen auf Tradition. Was hat sich bei Ihnen gewandelt im Vergleich zu früher? Gibt es da überhaupt Platz für Neues?

Heiko Klee: Das ist bei einem Verein, der ja gerade auf den Erhalt des alten Brauchtums wert legt, natürlich schwierig. Nein, die Trachten sollen so bleiben wie sie sind. Plötzlich rosa Socken anzuziehen oder weiße Handschuhe zur Tracht zu tragen – das wollen wir auch gar nicht. Man kann nur das Drumherum ein bisschen moderner gestalten – und so sind auch wir in den sozialen Netzwerken aktiv. Oder man findet einen neuen „Scheeßeler Bunten“ dazu – in diesem Jahr ist es das Bier. Das hat aber natürlich nichts mit der Tradition an sich zu tun.

Oder man verpasst seiner eigenen Veranstaltung einen neuen Namen, wie jetzt bei der 17. Auflage geschehen.

Heiko Klee: „Internationale Trachtenbegegnung“, der alte Begriff, erschien uns im Festausschuss zuletzt zu sperrig. Wir wollten einfach mal etwas Neues ausprobieren. Katrin Klee: Was sich angesichts der vielen Namensvorschläge als gar nicht als so einfach herausgestellt hat. Wir waren schon kurz davor, es beim Alten zu belassen. Am Ende konnten wir uns aber auf den „Scheeßeler Trachtensommer“ einigen, wenngleich einige Mitglieder den alten Namen lieber beibelassen hätten.

Wie schafft man es, so einen Verein, der ja in Konkurrenz mit vielen anderen Freizeitangeboten steht, am Leben zu halten?

Heiko Klee: Mit genau solchen Projekten wie dem „Trachtensommer“, bei dem wir alle an einem Strang ziehen. Eine gemeinsame Aufgabe tut einem Verein wirklich gut, da sind alle voll bei der Sache und da tanzen auch fast alle wieder mit. Vor wenigen Tagen haben wir auf dem Festplatz das Aufmarschieren geübt – 60 Leute waren gekommen. Das finde ich toll – und das hält den Laden zusammen. Ansonsten machen wir Jahr für Jahr auch noch unseren Scheeperabend, veranstalten eine vereinsinterne Fahrradrallye oder wir lassen die Kinder außerhalb Scheeßels an Veranstaltungen teilnehmen, wo sie sich in Trachten der Öffentlichkeit präsentieren können. Man muss eben Aktivitäten zeigen.

Zurück zum „Trachtensommer“: Sieben Gruppen, darunter aus Estland, Ungarn, Zypern und den Niederlanden, sind an diesem Wochenende in Scheeßel zu Gast. Wie treffen die „Originalen“ eigentlich die Auswahl?

Katrin Klee: Das geschieht, wenn wir die Gruppen nicht eh schon selbst kennen, über Empfehlungen. Natürlich muss man immer aufpassen, dass die Gästeliste auch zu unserer Veranstaltung passt. Davor, über das Jahr verteilt, kann man sagen, dass wir so um die 20 Ensembles einladen – das geschieht also nicht in einem Rutsch. Pro Einladungsphase schreiben wir zwischen fünf und acht Gruppen an – in weiser Voraussicht, dass es immer auch wieder Absagen gibt. Ja, und so kommen wir am Ende dann auf unser gesetztes Limit von acht Gruppen.

Was ist für Sie persönlich das Tolle an so einer Begegnung?

Katrin Klee: Die Ankunft der Gruppen, das Kennenlernen und das sich Wiedersehen, das Tanzen untereinander und vor großem Publikum – das ist immer wieder schön. Auch die Leute, die unsere Gäste beherbergen, sind begeistert, wie ich immer wieder zu hören bekomme: Man öffnet sein Haus für Fremde und verabschiedet sich als Freunde voneinander. Es finden immer wieder nette und auch sehr witzige Begegnungen statt.

Volles Programm

Mit dabei beim „Scheeßeler Trachtensommer“ sind 140 Aktive aus fünf Ländern, die dem Publikum an diesem Wochenende Einblicke in ganz unterschiedliche Brauchtümer geben. Gastgruppen aus Estland, Zypern, Ungarn und den Niederlanden präsentieren auf dem Scheeßeler Meyerhof Tänze und Musik ihrer Heimat. Hinzu kommen deutsche Ensembles aus dem baden-württembergischen Dusslingen sowie aus dem oberfränkischen Effeltrich. Und natürlich sind auch die Gastgeber selbst dabei. Showtime ist heute Abend ab 19 Uhr sowie morgen ab 11 Uhr zum Frühschoppen und ab 14 Uhr zum Bühnenprogramm (zweiter Teil). Tickets gibt es direkt vor Ort zum Preis von sieben Euro für Erwachsene und 2,50 Euro für Kinder. Wer in traditioneller Tracht zur Veranstaltung kommt, hat freien Eintritt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Maas ruft nach Auschwitz-Besuch zu mehr Zivilcourage auf

Maas ruft nach Auschwitz-Besuch zu mehr Zivilcourage auf

Verein „Rumänische Findelhunde“ feiert Sommerfest in Daverden 

Verein „Rumänische Findelhunde“ feiert Sommerfest in Daverden 

„Tag der offenen Tür“ im Industriegebiet Nord 

„Tag der offenen Tür“ im Industriegebiet Nord 

Freudentränen und Geschenke: Koreaner feiern Wiedersehen

Freudentränen und Geschenke: Koreaner feiern Wiedersehen

Meistgelesene Artikel

Maisfeldfete ein großer Erolg

Maisfeldfete ein großer Erolg

Senior tötet Wespen mit Gasbrenner

Senior tötet Wespen mit Gasbrenner

Erfolgsgeschichte: Rotenburg kommt beim Stadtradeln auf Platz eins

Erfolgsgeschichte: Rotenburg kommt beim Stadtradeln auf Platz eins

Kommentare