„Redakteur vs. Leser“: Im Duell gegen DJ PatRock ist musikalisches Allgemeinwissen gefragt

Kampf der Poptitanen

Erbitterte Gegner: Unser Redakteur Lars Warnecke (l.) und Patrick Hollmann alias DJ PatRock müssen genau hinhören, um als Sieger aus dem Wettkampf hervorzugehen. - Fotos: Ginter

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Was macht einen fähigen DJ aus? Klar, er muss die schwitzende Tanzmeute bei Laune halten, im richtigen Moment die richtige Musik auflegen. Eine Kunst, die Patrick Hollmann (23) beherrscht. Seit elf Jahren schon dreht der Hemsbünder als DJ PatRock an den Klangreglern, bedient von HipHop bis Housemusic die ganze Bandbreite. Ein Job, der eine gehörige Portion Musikaffinität verlangt. Oder weiß er am Ende doch nicht, was er da spielt? Hollmann behauptet: „Ich kann jeden Song, den man mir vorspielt, beim Namen und Interpreten nennen!“ Wetten, dass ich ihn nach unserem „Redakteur vs. Leser“-Duell ganz schön alt aussehen lassen werde?

Das ist zumindest mein Plan. Getreu dem Westernstreifen „High Noon“ verabreden wir uns um Punkt 12 Uhr mittags zum melodieseligen Schlagabtausch in Scheeßel. Die Sonne brennt vom Himmel. Statt staubiger Straße und verrauchtem Saloon hält die Skateranlage als Schauplatz her. Anstelle von bleihaltigen Revolvern müssen heute Smartphone (sein Teil) und USB-Stick (mein Teil, da bin ich noch ein bisschen von gestern) als Waffe herhalten. Auf beiden Geräten enthalten: Je 16 Musikstücke, eingeteilt in acht Genres.

Zugegeben, ein wenig einschüchternd wirkt das von meinem Kontrahenten mitgebrachte Equipment schon. Ein mobiles Lautsprechersystem inklusive Mega-Bass – Patrick Hollmann fährt alles andere als kleine Geschütze auf. Aber anmerken lasse ich mir nichts, letztendlich kommt es in dieser Schicksalsstunde nicht auf Technikprotzerei, sondern auf musikalisches Allgemeinwissen an. Ob er wohl schon jemals etwas von Europe oder Johann Strauss gehört hat?

Mit knallharter Miene trete ich dem Turntable-Pistolero gegenüber. Zwischen uns: Jessica Ginter, 18 Jahre jung, im normalen Leben Redaktionspraktikantin, heute Schiedsrichterin. „So Jungs, nun hört mal gut zu“, durchbricht sie die angespannte Stimmung. „Euch erwarten acht Runden á zwei Songs. Wer mir den Titel und Künstler beider Stücke nennen kann, bekommt für die gewonnene Runde jeweils einen Notenschlüssel von mir.“ Denkbar einfach diese Spielregeln, die erst durch jene Tatsache so richtig interessant werden, dass ich meinem Herausforderer die Lieder ausgesucht habe – wie mein Herausforderer im Übrigen auch für mich. „Mensch, wird der sich an denen die Zähne ausbeißen!“, denke ich mir im Stillen.

Es steht viel auf dem Spiel, sehr viel. Sollte der DJ gewinnen, bekommt er von uns das E-Paper-Abo unserer Zeitung zum Nulltarif geschenkt. Mache ich das Rennen, wovon ich noch ausgehe, werde ich morgen meinen Kollegen in der Redaktionskonferenz mit stolzgeschwellter Brust vom Sieg berichten können. Die gedrückten Daumen von ihnen habe ich zumindest schon einmal sicher.

Die Spannung steigt. Nachdem per Münzwurf ausgelost wurde, wer zuerst die Ohren spitzen muss, heißt es endlich: Ring frei für Runde eins. Und die widmet sich gleich einer Kategorie, die meinem Geschmack nach scheußlicher nicht sein könnte: dem Schlager.

Schiri Ginter drückt das Knöpfchen. Meine Wenigkeit ist als erstes an der Reihe. Die ersten Takte dröhnen aus der Box. Verdutzt blickt eine Gruppe jugendlicher Skater zu uns herüber. „Was hören die denn da für nen Quatsch?“, wundert sich einer. Das frage ich mich auch. Ich kenne die Melodie, klar. Ein echter Evergreen. Aber wie heißt er nur gleich noch? Ich warte bis zum Refrain. „Wenn die Rosen erblühen in ...“ – ja, was denn nun? „Barbara“? Ach: „Malaga“! Meine Vermutung: Mary Roos. Nein? Dann Peggy March. Auch nicht? Hätte nicht nur Cindy, sondern auch ihr Bert in diesem Lied gesungen, wäre ich wohl noch auf das Paar gekommen.

„Das nächste kennste bestimmt, das haben wir früher immer zu später Stunde auf Partys gespielt“, macht mir DJ PatRock Mut. Okay, dann mal los. Es schnulzt an allen Ecken und Enden. „Carpendale!“ Falsch. „Nino de Angelo“! Wieder falsch. „Wenn mich deine Hand berührt, und ich deine Wärme spür‘“, singt der ... ja, wer denn nun eigentlich?“ Wie gerne würde ich jetzt die Musikerkennungs-App auf meinem Handy zu Rate ziehen. Auf Peter Maffay mit „So bist du“ bin ich nicht gekommen. Wie auch, der klingt heute ganz anders!

Nun ist Hollmann an der Reihe. Das Problem: Die Schlagersongs müssen auf meinem Stick irgendwie verschütt gegangen sein. Dann heißt es eben: Improvisieren und selber singen. „Ein bisschen Frieden, ein bisschen...“ – der 23-Jährige runzelt die Stirn. Kennt er nicht, gut so. Im Gegensatz zum von mir inbrünstig intoniertem Ballermann-Hit „Rotes Pferd“. 1:0 die Runde geht an ihn.

Schlag auf Schlag geht es weiter. Die Hip-Hop-Rubrik bestreiten wir noch mit einem „Unentschieden“, ebenso bei House treffen wir uns auf einer Augen- beziehungsweise Ohrenhöhe. „Irgendwann muss ich doch jetzt mal endlich einen Punkt einfahren“, denke ich mir.

Es folgt Pop/Rock der 80er. Endlich, ich wittere meine Chance. Wer wie ich in dieser Dekade als Kind quasi das Laufen, Schwimmen und Fahrradfahren erlernt hat und gegen einen Rivalen antritt, der erst Anfang der 90er-Jahre das Licht der Welt erblickte, dürfte doch wohl klar im Vorteil sein.

Punktlandung bei Reo Speedwagon

Ein schneller Plastik-Beat erklingt. Wie oft habe ich zu diesem Song schon wilde Nächte gefeiert – ohne mich wirklich mit dem Lied näher auseinandergesetzt zu haben. Diese Blamage kommt mir jetzt teuer zu stehen. Dafür, dass ich nicht auf „Dead oder Alive“ mit „You Spin Me Round (Like a Record)“ gekommen bin, geht mir der nächste wichtige Punkt flöten. Den kassiere ich erst bei Reo Speedwagons Schmusehit „Can’t Fight This Feeling“. Wie schön.

Noch besser gefällt mir natürlich die Tatsache, dass mein Herausforderer mir weder den Interpreten vom „Lambada“ beim Namen nennen kann, noch die Band, die im Jahrzehnt der schlechten Frisuren den „Final Countdown“ besang. Aus Großherzigkeit gebe ich dem DJ einen Tipp: „Kontinent auf Englisch.“ – „Africa?“, „Asia“, „America?“ Falsch, falsch und nochmals falsch. „Europe“ ist des Rätsels Lösung. Runde gewonnen. So kann es weitergehen.

Tut es aber nicht. Bei den aktuellen Charts ziehe ich den Kürzeren. Wenig verwunderlich eigentlich, interessiert mich der neumodische Kram nicht die Bohne. Aber dann: Runde sieben steht an. Dieses Mal geht‘s um Klassik. Was hat Hollmann eigentlich nicht daran verstanden, populäre Stücke auszusuchen? Mozarts Waisenhaus-Messe und Haydns Symphony No 94 in G major gehören jedenfalls nicht dazu. Entsprechend mit leeren Händen gehe ich auch aus diesem Wettkampf raus. Dass mein Wiedersacher anschließend aber noch nie etwas von Ravel‘s „Bolero“ und dem weltberühmten Strauss-Walzer „An der schönen blauen Donau“ gehört haben will, verwundert mich dann aber doch ein wenig.

Eine Stunde später steht der Sieger fest. Gefühlt war es eine knappe Kiste. Die Schiedsrichterin verkündet das Ergebnis: Zwei der acht Runden gingen unentschieden aus; bei zweien machte PatRock das Rennen, vier Kategorien gingen an mich. Die eingangs erwähnte stolzgeschwellte Brust habe ich am nächsten Tag übrigens tatsächlich den Kollegen gezeigt. Das ist aber nun nicht wörtlich zu nehmen.

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