Jeder rote Punkt ein Rehkitz

Kreisjägerschaft setzt neuerdings Drohnen ein, um Jungtiere vor dem Mähwerk zu retten

Die Jäger suchen ehrenamtlich und mithilfe einer Drohne die Graswiesen von Landwirten ab, um Rehkitze vor dem Tod durch den Mähdrescher zu bewahren.
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Die Jäger suchen ehrenamtlich und mithilfe einer Drohne die Graswiesen von Landwirten ab, um Rehkitze vor dem Tod durch den Mähdrescher zu bewahren.

Scheeßel – Wie ein herannahender Bienenschwarm summt die Drohne, als sie in 50 Metern Höhe über die Köpfe der Männer und Frauen hinwegfliegt. Dennis Ellinghausen sieht sich und seine Mitstreiter in Vogelperspektive auf dem unteren Display. Auf dem oberen Bildschirm zeigt ihnen eine Wärmebildkamera Leben inmitten der Grünfläche an. 30 Hektar haben sie an diesem Junimorgen schon mit dem Fluggerät durchforstet.

Das hoch stehende Gras auf dem Feld soll im Laufe des Tages noch gemäht werden. Um kurz nach vier Uhr in der Früh ist das Team der „Jungen Jäger“, einer Gruppe innerhalb der Kreisjägerschaft, deshalb auf der Fläche nahe Scheeßel gestartet. Seine Mission: Rehkitze vor der ersten Mahd retten – und damit vor dem sicheren Tod.

Wetterbedingt sei die Mähzeit für die Landwirte dieses Jahr ein bisschen später als sonst, berichtet Vorsitzender Marco Soltau, der heute beim Einsatz dabei ist. „Damit fällt sie jetzt aber noch mehr in die Setzzeit der Rehe hinein.“ Die Ricken, weiß der Osterveseder, würden das warme Wetter nutzen und ihre Jungen im dichten Gras ablegen, die dort die ersten zehn bis 14 Tage nach ihrer Geburt regungslos verharren. Die drücken sich, sagt man dazu auch. Zurückkehren zu ihrem Nachwuchs würden die Muttertiere in dieser Phase lediglich zum Säugen, seien aber stets in der Nähe.

Jeden Tag und ehrenamtlich

Sieben Tiere haben Ellinghausen und seine Kollegen nach nur wenigen Stunden mit einer solchen Suchmethode schon entdeckt – nicht nur auf diesem Acker, sondern auch andernorts. Im gesamten Südkreis sind zwei sogenannte Copter-Teams der Kreisjägerschaft in diesen Wochen mit jeweils einer Drohne unterwegs, jeden Tag und ehrenamtlich. Schon in den vergangenen Jahren haben die Waidmänner- und -frauen vor der Mahd nach Rehkitzen Ausschau gehalten, jedoch immer auf eigene Faust und mit dem Hund. Nun erfolgt die Kitzrettung eben erstmals aus der Luft. „Wir sehen es als Ehrensache an, sich in diesem Bereich um den Tierschutz zu kümmern“, sagt Soltau. Behauptungen, man wolle mit solchen Aktionen doch nur bewirken, dass die Jäger im Herbst so mehr Tiere schießen könnten, widerspricht er hartnäckig. „Selbst wenn es so wäre: Nach dem Schuss sind sie sofort tot und müssen nicht mit abgemähten Läufen und aufgerissenen Bäuchen erst qualvoll verenden.“

Die Jungtiere werden beim Mähen schnell übersehen.

Dass die jungen Tiere vor dem Mähwerk gerettet werden, sollte aber auch und vor allem im Interesse der Landwirte und deren Lohnunternehmer liegen, befindet der 53-Jährige. Die würden immerhin die Mähmaschinen bedienen. „Es ist ein Irrglaube, es reiche aus, Jägern Bescheid zu geben, die Flächen mit dem Hund abzusuchen oder eine Vogelscheuche aufzustellen – wir sind da nicht in der Verantwortung, da die Rehe nicht den Jägern gehören, sie sind herrenlos.“ Eine Meise im eigenen Garten, zieht er die Parallele, würde schließlich auch niemandem gehören. „Wer eine Gefahr beherrscht, hat auch dafür zu sorgen, dass andere nicht geschädigt werden.“

Dabei könnten die Landwirte schon im Vorfeld einiges tun, um die Wildtiere vor einer möglichen Gefahr zu warnen – durch das Aufstellen von Kofferradios zum Beispiel. Oder durch Knistertüten, die an einem Pfahl angebracht werden. Aber auch bei der Mahd selbst, erklärt der Chef der Kreisjägerschaft, könnten die Kitze geschützt werden: „Ganz wichtig ist es, von innen nach außen zu mähen – so haben die Tiere wenigstens noch die Chance, rechtzeitig zu flüchten. Mäht man allerdings von außen nach innen, ziehen sie sich immer weiter ins Feld zurück. Wollen sie dann fliehen, wirkt die bereits helle, gemähte Fläche für sie wie ein Zaun – da gehen die instinktiv nicht drauf.“

Appelle verhallen oft

Was Marco Soltau bei aller guten Zusammenarbeit zwischen Jägerschaft und Landwirten sauer aufstößt: Trotz der Appelle würde ein Großteil der Flächenbewirtschafter im Landkreis wie gehabt nach dem Gewohnheitsprinzip von außen nach innen mähen. „Da stellen wir teilweise eine wirkliche Ignoranz fest“, sagt er. Und die könne den Verantwortlichen, sollten sie keine Vorkehrungen getroffen haben und es werden Tiere getötet oder verletzt, durchaus teuer zu stehen kommen, verstoße das doch gegen das Tierschutzgesetz. „Dann müssen sie mit empfindlichen Geldstrafen rechnen.“

Mittlerweile steuert Dennis Ellinghausen die Drohne über die Wiese und achtet mit Argusaugen auf die Wärmebildkamera. Da, ein roter Punkt! Schon wieder einer! Es ist der achte Fund an diesem Morgen. „An guten Tagen haben wir auch schon mal 19 Kitze aufgespürt und gerettet“, berichtet der Rotenburger. Mit den Drohnen sei die Kreisjägerschaft nicht alleine unterwegs. „Soweit ich weiß, gibt es privat hier und da noch eigene Initiativen.“ Auch der Sottrumer Verein Rehkitzrettung sei inzwischen mit den Fluggeräten erfolgreich unterwegs.

Dass die Copter-Teams, in denen sich die Mitglieder entweder zum Drohnenpiloten haben ausbilden lassen oder die Rehkitzsuche als Helfer unterstützen, so früh am Morgen, beinahe noch bei Nacht, die Felder absuchen, sei laut Ellinghausen kein Zufall: „Wenn die Lufttemperatur noch niedrig ist, lässt sich die Wärmesignatur der Tiere am besten finden. So wie die Sonne aber erst mal eine gewisse Höhe erreicht hat, ist es damit vorbei – dann wäre jeder Maulwurfshaufen warm.“

Zwei solcher sogenannten Quadrocopter, die mit Wärmesensoren ausgestattet sind, hat die Kreisjägerschaft zur Kitzrettung angeschafft.

Langsamen Schrittes nähern sich nun zwei Helfer dem im Gras zusammengerollt liegenden Kitz. Gerade einmal einen Tag alt könnte es sein. Mit seinen großen, tiefschwarzen Augen blickt es auf. Vorsichtig stülpt einer der beiden einen Wäschekorb über das Jungtier. Der in der Erde steckende Stab dient zur Erkennung, damit der Landwirt beim Mähen später die Stelle aussparen kann. Die „Jungen Jäger“ werden den Kasten nach dem Mähen wieder entfernen und Mutter und Kind so wieder zusammenführen. Ein Happy End ist somit garantiert.

„Wir helfen gerne mit unseren Drohnen“, sagt der Kreisjägerschaftsvorsitzende, der mit seinen Leuten noch gut zwei Wochen Dienst im Sinne des Tierwohls schieben wird. Danach ist die Wiesenmahd, die in die Brut- und Setzzeit fällt, in diesem Jahr vorbei. Jetzt müssen Soltau, Ellinghausen und ihre engagierten Kameraden aber erst mal wieder alles zusammenpacken. „Wir können nicht ewig fliegen, weil irgendwann ja auch mal die Akkus leer sind“, meint der Copter-Pilot.

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