Keine Berührungsängste

Inklusion: Lindenschule kooperiert seit zwei Jahren mit Scheeßeler Grundschule

+
Was ist schon normal? Ob man Linden- oder Regelschüler ist, spielt im Chor keine Rolle.

Scheeßel - Die ersten Klavierklänge bei der Generalprobe zum Konzert ertönen, der Chor singt – ein Mädchen schert aus der ersten Reihe aus und kräht hingebungsvoll. Derweil gibt ein Zweitklässler seinem Nachbarn aus der Vierten den Einsatz mit dem „Boomwhacker“-Klangstab vor.

Kurz zuvor hat Mohammed der Lehrerin Gudula Willers seinen Liedwunsch „Die Affen rasen durch den Wald“ mitgeteilt – nur mit Gestik, sprechen ist für einige der Schüler hier schwierig. Eine ganz normale Chorprobe. Aber: Was heißt schon normal? Seit die Grundschule Scheeßel mit der Lindenschule kooperiert und hier eine Klasse mit dem Förderbedarf „geistige Entwicklung“ beschult wird, wie es im Behördendeutsch heißt, würden viele hier diese Frage anders beantworten – nicht nur Schüler, sondern auch Eltern und Lehrer.

Ursprünglich war die Anfrage einer kooperativen Beschulung, wie sie in Hemslingen, Sottrum und Rotenburg schon seit Längerem praktiziert wird, an die „kleine Schwester“ Hetzwege gerichtet. Als die Räumlichkeiten dort sich als zu eng erwiesen, nahm die damals frisch gebackene Scheeßeler Schulleiterin Meike Nerding-Ehlbeck die Idee einfach mit. 

Sie stieß auf fruchtbaren Boden: Heute werden die sechs „Lindenkinder“, altersmäßig der dritten und vierten Klasse zuzurechnen, an bestimmten Tagen gleich in mehreren Fächern – Mathe, Sport und Chor – gemeinsam mit ausgewählten Klassen, gegenwärtig einer ersten Jahrgangsstufe gemeinsam beschult.

Regelschüler sind vorbereitet worden

Auf die gemeinsamen Stunden und möglicherweise anderen Verhaltensweisen sind auch die Regelschüler vorab vorbereitet worden. „Allerdings kannten sich viele schon aus dem Integrationskindergarten“, so Förderschullehrerin Cathrin Willen. Kommuniziert wird auch per Gestik und Mimik: „Viele Kinder machen das intuitiv und sind sehr hilfsbereit“ festgestellt. 

Für zwei Lindenschüler ist es ein Erfolgserlebnis, wenn sie sich in Mathe melden können. Die Regelschüler haben Vorbildfunktion: „Wenn alle in der Klasse ganz selbstverständlich etwas machen, trauen sich auch unsere Schüler mehr – das färbt ab“, weiß Willen, die gemeinsam mit Kollegin Anne-Katrin Seiler und einer Referendarin die Lindenklasse betreut. Das sei noch so ein Vorteil: Der andere Personalschlüssel kommt auch den Regelschülern zugute.

Indes: Ganz so leicht, wie sich die gemeinsame Beschulung liest, war sie nicht immer. Sie habe viel Gewöhnung erfordert, auch bei den Lehrern. Was geht und was nicht, ist für Sportlehrerin Maren Graf immer wieder ein Akt der Annäherung. „Mal ist auch eine Stunde total in die Grütze gegangen“, gibt sie schmunzelnd zu. Ein Rückschlag? Mitnichten: „Auch wir Lehrer lernen immer weiter dazu.“ – Das sei, schon bei der Unterrichtsvorbereitung , eine ganz andere Herausforderung. 

Ihre Kollegin Gudula Willers schätzt die fachliche Beratung durch die Sonderpädagogen. Nach anfänglichen Hemmschwellen probiert die Chorleiterin gern Neues aus, wie die Einführung von Instrumenten im Chor. „Nach der Rücksprache fühlt man sich bestärkt!.“

Alles geht eben nicht

Dabei sind sich alle einig: Alles geht eben nicht – „immer da, wo es um kognitive oder ausgeprägte motorische Fähigkeiten geht, gehen die Schüler getrennte Wege – überfordert werden soll niemand. Für Nerding-Ehlbeck macht das den großen Vorteil dieses Modells aus: „Es überfordert niemanden, die Lindenschüler haben ihren geschützten Raum. Gleichzeitig ist jederzeit eine Kooperation mit den anderen Grundschülern möglich, die immer wieder angepasst werden kann.“ 

Auch bei den Regelschülern sei mehr Rücksichtnahme, auch untereinander, festzustellen. Als eine Krankheitsvertretung in der Sportstunde der „Koop-Klasse ein Ballspiel vorschlug, waren die Schüler entsetzt: „Das geht doch nicht, das ist doch viel zu schwer für die Lindenschüler“!

Für Karin Benjes, die Mutter der achtjährigen Anna, ist das Modell optimal: „Sie profitiert von der individuellen Förderung mit wenig Schülern in der Klasse. Genauso wichtig ist es aber, sich von anderen Kindern etwas abzugucken.“ Ein schöner Effekt: „Wenn wir im Ort unterwegs sind, wird sie von anderen Kindern freudig begrüßt.“ Für sie wie für die meisten Lindenschüler ist der Mittwoch mit dem gemeinsamen Unterricht ein Höhepunkt im Schulalltag.

Ende der Probe: An diesem Abend werden die Lindenschüler genau wie ihre Mitschüler wie selbstverständlich vor mehreren hundert Eltern stehen. Diejenigen, die nicht singen können, werden mit einem „Boomwhacker“-Klangstab den Takt schlagen. Anne dirigiert mit den Armen, Mohammed tippt in seinen „Talker“: „Ich freue mich: Mittwoch singen.“

Eltern, die sich für diese Form der inklusiven Beschulung interessieren, können mit der Grundschule unter der Telefonnummer 04261 /920527 Kontakt aufnehmen und einen Termin zum Hineinschnuppern vereinbaren.

hey

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Lange Haftstrafen für führende "Cumhuriyet"-Mitarbeiter

Lange Haftstrafen für führende "Cumhuriyet"-Mitarbeiter

Eröffnung der Spargelsaison in Bruchhausen-Vilsen 

Eröffnung der Spargelsaison in Bruchhausen-Vilsen 

Projektwoche an der Grundschule Bücken

Projektwoche an der Grundschule Bücken

Die Neuheiten von der Peking Motor Show

Die Neuheiten von der Peking Motor Show

Meistgelesene Artikel

Feuerfest zieht nach Rotenburg um

Feuerfest zieht nach Rotenburg um

14-Jähriger stürzt vom Fahrrad und stirbt wenig später

14-Jähriger stürzt vom Fahrrad und stirbt wenig später

Wie für Gaucks Tochter die Kindheit in der DDR aussah

Wie für Gaucks Tochter die Kindheit in der DDR aussah

Drei Wochen Weihnachtsmarkt

Drei Wochen Weihnachtsmarkt

Kommentare