Sechs kostbare Fläschchen Vakzin für Scheeßeler Praxis

Hausärzte beginnen mit dem Impfen

Hausarzt Jan Gerlach präsentiert die leeren Vakzin-Fläschchen.
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Hausarzt Jan Gerlach hat die ersten sechs Fläschchen vom kostbaren Vakzin verimpft.

Es geht endlich los: Die erste langersehnte Impfstofflieferung ist auch im Landkreis Rotenburg bei den Hausärzten eingetroffen. Doch bei aller Freude darüber, die Impfung ist mit einem hohen Aufwand für alle Seiten verbunden.

  • Impfstart in den Praxen der niedergelassenen Ärzte.
  • Scheeßeler Hausarzt Jan Gerlach impft bis 22 Uhr.
  • Die Bürokratie könnte für viele Praxen ein Hindernis sein.

Scheeßel – Eigentlich haben Hausarzt Jan Gerlach und sein Praxisteam gerade ihren wohlverdienten Urlaub, nachdem sie monatelang – auch an den Weihnachtsfeiertagen und über Silvester – durchgearbeitet haben. Dennoch sitzen sie in der Praxis. Denn am Dienstagmittag um halb 12 ist die langersehnte erste Impfstofflieferung eingetroffen – der Startschuss für das dezentrale Impfen der niedergelassenen Ärzte ist gefallen. Die Freude darüber ist Gerlach anzumerken, denn „die Geschwindigkeit muss erhöht werden“, sagt er ganz deutlich. Dafür haben sie am Dienstag bis 22 Uhr geimpft – bis auch die letzte Dosis des Biontech/Pfizer-Vakzins weg war. „Das ist Ehrensache“, meint der Arzt.

Die Motivation ist klar: Die Menschen sehnen sich nach einem normalen Alltag, der Weg dahin führt über Impfen, Testen und das Einhalten der AHA-Regeln. Sechs kleine Fläschchen mit jeweils sechs Dosen Vakzin hat Apotheker Erik Hagemeister von der Meyerhof Apotheke dem Arzt übergeben, unter besonderen Vorkehrungen. Der Impfstoff muss nicht nur kühl gelagert werden, sondern unbedingt stoßfrei ankommen. Der Transport findet in Kühlboxen statt, die mit einem Temperaturmesser versehen sind. Auch im Kühlschrank darf nichts umkippen. Hagemeister hat bereits vorgesorgt und im Keller einen großen, neuen Kühlschrank aufgestellt – in der Hoffnung, dass dieser bald voller Impfdosen ist. Das Impfbesteck erhalten die Praxen ebenfalls. Fünf Tage lang kann das Biontech-Vakzin ab dem Beginn des Auftauprozesses genutzt werden. Ein Grund mehr, es auch direkt zu verimpfen, so Gerlach.

Nächste Woche soll eine weitere, pro Praxis vorerst überschaubare Menge von Biontech/Pfizer kommen, in der Woche danach Astrazeneca. Das größte Problem ist und bleibt die Impfstoffknappheit. Ob es in den kommenden Wochen an Fahrt aufnimmt? Gerlach hofft es, fest dran glauben kann er noch nicht. Die Praxen impfen ebenfalls nach Priorisierung, aktuell Stufe zwei. Anrufen brauche niemand, die Praxen informieren diejenigen, die dran sind. Und auch ein „Wettkampf der Krankheiten“ sei nicht das Ziel des Hausärzte-Impfens. Denn die ersten hätten bereits versucht, sich per E-Mail nach vorne zu bugsieren.

In Kühlboxen kommt der Impfstoff von Apotheker Erik Hagemeister zu den Praxen.

Gerlach wäre gerne früher eingebunden gewesen ins dezentrale Impfen. Die Hausärzte haben einen Heimvorteil: Sie kennen ihre Patienten, können die Unterlagen wie den Anamnesebogen schneller durcharbeiten, wissen, welche Medikamente ihre Patienten nehmen. Aber er sagt auch: „Die Impfzentren haben viel Pionierarbeit geleistet“, von der er sich beispielsweise bei der dezentralen Impfaktion in Lauenbrück einiges abschauen konnte. Und Gerlach und sein Team sind bereit, noch mehr zu leisten „für den Weg in die Freiheit“.

Doch ein großer Brocken ist die Bürokratie. Alles muss akribisch dokumentiert, jede Impfung am selben Tag gemeldet werden. Allein das Merkblatt umfasst vier Seiten. Dass das nicht alle Praxen mitmachen, könne sich Gerlach vorstellen. Aber gerade die moderneren, größeren Praxen werden es tun. „Es wird erwartet, und es gibt keine Alternative.“ Aber: Der hohe Aufwand, so hoch wie bei keiner anderen Impfung, müsste so nicht sein. Deutschland habe in vielen Bereichen eine „hohe Qualität, aber eine eingeschränkte Bewegungsfreiheit“.

Mehr Tempo, mehr Flexibilität

Auch Gerlach ist geimpft – mit Astrazeneca. Was er als Zweitimpfung erhält, weiß er noch nicht. Es ist momentan rundum ein Planen von Woche zu Woche. Ob der Impfstoff in dieser Woche kommt, wusste Gerlach nicht – entsprechend hat er seine Patienten erst anrufen lassen, als dieser da war. Die meisten hätten mit der Kurzfristigkeit keine Probleme gehabt – der Impf-Wille sei groß. „Ein paar haben sogar geweint, das zeigt die Symbolik des Ganzen“, merkt Tanja Gerlach an. Natürlich könne man sich nach wie vor anstecken, aber der Schutz vor schweren Verläufen ist gegeben.

Auch die Testzentren sind weiter als Ergänzung unabdingbar. Um die unangenehmen Nasen- und Rachenabstriche zu vermeiden, hat Gerlach die kürzlich zugelassenen „Lolli-Schnelltests“ angeschafft – insbesondere für Kinder eine Alternative. Sie zeigten mit großer Genauigkeit, ob jemand ansteckend ist.

Einige Fragen müssten in den kommenden Monaten geklärt werden, was jetzt noch niemand sagen kann: Wie lange ist der Schutz gegeben? Wie oft muss künftig geimpft werden? Und wie entwickelt sich das Virus weiter? Aber einen Traum, den hat das Paar: Impf-Happenings, zum Beispiel für das Hurricane. „Wir brauchen mehr Flexibilität und unkompliziertes Denken und Handeln aller Beteiligten“, sagt Tanja Gerlach. Sollte es im aktuellen Tempo weitergehen, sei das Impfen frühestens im April 2022 abgeschlossen. „Das jetzt ist ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung.“

9294 Menschen im Landkreis vollständig immunisiert

Im Landkreis Rotenburg haben mittlerweile 28 263 Menschen wenigstens eine Impfdosis bekommen. Im Verlauf der vergangenen Woche sind den Angaben des Gesundheitsamts zufolge rund 1 900 Personen dazu gekommen, die zum ersten Mal geimpft wurden. Die zweite Dosis haben rund 1 000 Landkreis-Bewohner in dieser Zeit erhalten, sodass insgesamt 9294 Menschen vollständig immunisiert sind. Insgesamt wurden in dieser Woche laut Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) 90000 Impfstoffdosen an die Arztpraxen geliefert, in der nächsten Woche sollen es 97000 und in der letzten Aprilwoche 300000 Dosen sein. Die Teilnahmebereitschaft unter den Praxen sei hoch, das Meldeverfahren zur Meldung der Impfungen an den Bund wurde stark vereinfacht. „Allerdings sind die Impfaufklärungen sehr umfassend; es sind von den Patienten mehrere Dokumentationsbögen zu unterzeichnen, die dann von den Ärzten kontrolliert werden müssen. Es sind auch verstärkt Rückfragen wegen möglicher Nebenwirkungen und Risiken der Impfstoffe zu erwarten“, so Sprecher Uwe Köster. Die Impfhotline des Landes beantwortet montags bis samstags in der Zeit von 8 bis 20 Uhr unter der Nummer 0800 / 9988665 Fragen zur Impfung. Das Bürgertelefon des Landkreises stehe für alle Fragen zum Thema Coronavirus zur Verfügung. Es ist montags bis freitags von 9 bis 13 Uhr unter der Nummer 04261 / 983 983 erreichbar.  faw

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