Immer schön der Reihe nach

Selbstversuch im Querstapeln: Unser Redakteur greift nicht nur zu einer Bierkiste

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Teamarbeit ist eben doch alles – diese Erkenntnis gewann unser Redakteur Lars Warnecke (r.) beim Bierkisten-Querstapeln in aller Deutlichkeit.

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Dass es nicht bei jedem Wettkampf mit Bierkästen auch immer ums Bier-Trinken gehen muss, das haben Matthias Rathjen und seine Kumpels schon mehrfach gezeigt. Und wenn man so will, aufs Meisterliche, hält die illustre Männergruppe, besser bekannt als Werkstatt-Club Scheeßel (WCS), aktuell einen Guinness-Weltrekord – nicht im Hochstapeln, auch nicht im Tiefstapeln.

Nein, die neun Herren sind gemeinschaftlich Weltmeister im Bierkistenquerstapeln. Unser Redakteur war einen Abend lang beim Training an der Friedrichstraße dabei, packte selbst mit an – und machte, obwohl der Rekord nicht geknackt werden konnte, die Erfahrung seines Lebens.

„Sieht doch pupsleicht aus“, das war schon immer mein Gedanke, der mir als erstes durch den Kopf schoss, wenn ich Rathjen und seiner Truppe beim Stapeln zugesehen habe – entweder live und in Farbe, auf dem Meyerhof etwa oder als Teilnehmer bei der jährlich ausgetragenen Deutschen Meisterschaft in Rotenburg, oder auf dem Fernsehbildschirm, wie anno dazumal bei Stefan Raab oder im ZDF-Fernsehgarten.

Altersspanne reicht von 38 bis 60

Mit vereinter Manneskraft lässt sich nun mal einiges bewältigen – und wenn es auch nur ein paar Dutzend leere Getränkekisten sind, die auf Höhe der eigenen Gürtellinie aneinandergereiht werden müssen. Ein Kinderspiel, selbst für einen „Bürohengst“, wie mich – davon war ich überzeugt. Natürlich werde ich auf Rahtjens Hof, nach meinem Selbstversuch, eines Besseren belehrt, tropft mir der Schweiß doch spätestens schon nach Kiste Nummer fünf gehörig von der Stirn, werden die Arme erbarmungslos länger und länger, wächst der psychische Druck in mir, nicht für ein vorzeitiges Aus verantwortlich zu sein, ins schier Unermessliche. Denn obwohl wir zu fünft im Team sind, so schreiben es die Statuten vor, erfordert das Querstapeln nicht nur ordentlich Armmuckis, nein, auch Konzentration ist gefragt – und das in wirklich jeder einzelnen Sekunde.

Aber von Anfang an. Der Werkstatt-Club, das sind neben Rathjen Hans-Werner Meyer, Brian Kröger, Thorsten Rencken, Udo Henning, Kevin Weger, Frank Dreyer, Martin Schlißke und Ulli Zabel. Nach und nach trudeln die Jungs in der Friedrichstraße ein. So unterschiedliche Typen aufeinandertreffen – die Altersspanne reicht von 38 bis 60, ein jeder, wenn er nicht schon im Ruhestand ist, übt einen anderen Beruf aus, beispielsweise als Bürochef, als Dachdecker, als Schlosser oder, wie Ratjen, als Gemeindemitarbeiter beim Fachdienst Straßen und Grün, merke ich: Hier haben sich Freunde fürs Leben gefunden, die stolz ihre dunkelblauen, mit eigenem Logo versehenen Club-Shirts auftragen. „Bei Konzertbesuchen sind wir auch schon mal für Security-Personal gehalten worden“, sagt Rathjen. Wen wundert‘s, bei den kräftigen Oberarmen?

„Immer noch einen draufsetzen“

Als Erstes ploppen nach Feierabend die Kronkorken. „Klar, dass wir unser Training erst mal mit einem kühlen Blonden einläuten“, sagt der Gastgeber und prostet uns getreu dem Motto „Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken“ zu. Mehr als 70 Kisten, mit denen die Jungs beim Querstapeln jonglieren, sind im Laufe der Zeit auf diese Weise entleert worden. Die Dunkelziffer, meint Rathjen, dürfte aber sehr viel höher liegen. Schließlich kämen die Scheeßeler seit 13 Jahren schon zu ihrem Stammtisch zusammen, in schöner Regelmäßigkeit. Anfangs noch wöchentlich, inzwischen alle zwei Donnerstage. „Wir machen so ziemlich alles gemeinsam in unserer Freizeit“, sagt der Team-Chef, in dessen Schuppen die Kisten eingelagert sind. „Im September geht‘s für ein Wochenende nach Malle.“

Auf die Frage, was die viermaligen Weltmeister vom Dorf denn motiviere, immer und immer wieder zur Kiste zu greifen, antworten alle unisono: „Immer noch einen draufsetzen, ist doch klar!“ Ob es wohl durch meine Unterstützung heute gelingen wird, den bisherigen Rekord von 60 quergestapelten Behältern, die darüber hinaus am Ende noch mindestens fünf Sekunden lang in der Luft gehalten werden müssen, endlich zu brechen? Ich will es versuchen. Mehr als grandios scheitern kann ich ja nicht.

Als „Wand“ wächst der Druck

Und los geht‘s. Thorsten Rencken, der Hüne unter den Männern mit den breitesten Schultern, bringt mich in Position. Statt seiner, bin ich selbst nun die „Wand“, also derjenige im Team, der die allererste Kiste aus der Reihe aufhebt, um sie auf den Oberschenkel aufzusatteln. Jetzt kommt Brian Kröger, der sogenannte Vorstapler, ins Spiel: Seine Aufgabe besteht darin, die Kette wachsen zu lassen. Klack, klack klack, macht das Geräusch beim Einrasten – in Windeseile entsteht vor meinen Augen ein schwebendes, leicht schwankendes Konstrukt von gut einem Dutzend Kisten. „Jetzt bloß nicht nachgeben“, denke ich mir, während die Unterbodenkante beginnt, sich schmerzvoll ins Fleisch zu pressen – dem Gegendruck sei Dank.

Der wächst mit der länger werdenden (und bedrohlich immer mehr hin- und herschwankenden) Reihe naturgemäß noch weiter, daran können auch die übrigen drei Stapler nichts ändern, die nach und nach als Stützpfeiler hinzukommen. Ich merke: Das schwächste Glied in der Kette darf man als „Wand“ keineswegs sein.

Nach, wie ich finde, knapp fünf sehr langen Minuten und 43 Kisten ist Schluss. Irgendwo dort hinten, am anderen Ende, hat einer meiner Mitstreiter gepatzt. Krachend fallen unsere Kisten zu Boden. „Macht nichts, versuchen wir es noch mal“, ermuntert uns der Team-Chef. Gesagt, getan.

Perspektivwechsel. Dieses Mal bin ich der Vorstapler. Also, alle Kisten wieder auf die Ausgangsposition gebracht, die geschundenen Arme noch fix wieder locker gemacht – auf ein Neues! Warum die Kisten im hinteren Bereich übereinander deponiert seien, will ich von Kröger, dem Fachmann, wissen. „Das wirst du gleich schon noch merken“, gibt der sich kryptisch.

46, 47, 48 – Krawumm!

Bücken, Aufheben, Anpassen, Einrasten lassen, Gegendrücken – schnell habe ich den Bogen raus, auch wenn das mit dem Einrasten auf Anhieb noch nicht so recht klappen will. Konzentriere dich, Lars! Und bloß nicht bei der nächsten Kiste abrutschen! „Los, das schaffst du!“, höre ich einige Zaungäste mich aus der Ferne anfeuern, während meine Teamkollegen sich gegenseitig irgendwelche Durchhalteparolen zurufen.

46, 47, 48 – Krawumm! Das Ende kommt unerwartet, und dieses Mal ist es mein Verschulden. Einen kurzen Moment lang ertappe ich mich dabei, wie ich mich über den Fehler ärgere. Doch die Erleichterung darüber, dass die körperliche Höchstanstrengung ein Ende gefunden hat, wiegt dann doch ein ganzes Stück mehr.

Ja, ich bin fix und fertig nach diesem Selbstversuch. Und ja: Ich nehme alles, was ich über das Weltrekordeaufstellen des Werkstatt-Clubs gedacht habe, zurück. Darauf stoßen wir nach getaner Arbeit erst mal mit einem Gerstensaft an – und der schmeckt in dieser Runde voller liebenswürdiger Typen gleich doppelt so gut.

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