„Beispiel für Nächstenliebe“

Im Interview: Lauenbrücks Pastor Lars Rüter zum Martinsbrauchtum 

Sankt Martin reitet wieder und teilt seinen Mantel mit dem Bettler.
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Sankt Martin reitet wieder und teilt seinen Mantel mit dem Bettler.

Lauenbrück – In Nordrhein-Westfalen ist es sogar als immaterielles Kulturerbe anerkannt worden: das Martinsfest. Doch nicht nur im katholisch geprägten Rheinland hat das Fest am 11. November eine fest verankerte und lange Tradition. Auch im Kreis Rotenburg gibt es rund um den Stichtag Jahr für Jahr Laternenumzüge, Martinsspiele und Weckmänner. Einer, der sich mit dem Brauchtum auskennt, ist Pastor Lars Rüter aus Lauenbrück. Seit 1999 richtet seine Kirchengemeinde im Landpark Lauenbrück ein Martinsfest aus – bei uns in der Region übrigens das größte seiner Art. Im Interview erzählt er unter anderem, wer der Heilige Sankt Martin war und warum der Martinstag allgemeinhin als der Tag der Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft gilt.

Herr Rüter, der heilige Martin lebte vor mehr als 1 600 Jahren, dennoch kennt jeder seine Geschichte. Wie ist das zu erklären?

Was man vom heiligen Martin vor allem kennt, ist natürlich die Begebenheit, die sich der Überlieferung nach in seiner Soldatenzeit abgespielt haben soll: An einem kalten Wintertag traf Martin auf einen frierenden Bettler, und da er außer den Sachen, die er am Leibe trug, nichts bei sich hatte, schnitt er kurzerhand mit seinem Schwert seinen Mantel in zwei Teile und gab dem Bettler einen davon. Diese Begebenheit ist sicherlich eines der eindrücklichsten Beispiele für die Nächstenliebe, die uns als Christenmenschen aufgetragen ist.

Weiß man, wie viel von dieser Geschichte wahr ist und wie viel Legende?

Die Geschichte lässt sich zwar historisch in seiner Soldatenzeit als römischer Offizier in Amiens verorten, aber in der ältesten Lebensbeschreibung, die Sulpicius Severus verfasste, der Martin von Tours persönlich sehr gut kannte, kommt sie nicht vor. Und sie fügt sich ja in eine Vielzahl von Geschichten, die Martin von Tours als bescheidenen, demütigen und vor allem wohltätigen Menschen zeigen.

Stimmt dann auch, dass er sich vor seiner Wahl zum Bischof im Gänsestall versteckt hat und von Geschnatter der Tiere verraten wurde? Angeblich gibt es deshalb Gänsebraten.

Dass Martin, der von der Bevölkerung der Stadt Tours gebeten wurde, ihr Bischof zu werden, sich in seiner Bescheidenheit dafür für nicht würdig hielt und sich versteckt hat, halten die Historiker für durchaus wahrscheinlich. Aber dass die schnatternden Gänse ihn verraten hätten, ist wohl eher im Bereich der Legende anzusiedeln. Eine andere Legende erzählt, Gänse wären in die Kirche gewatschelt, hätten Martin bei der Predigt gestört und seien zur Strafe geschlachtet worden. Vielleicht gibt es eine näherliegende Erklärung, wie die Gänse zu Martin beziehungsweise Martin zu den Gänsen gekommen ist: Mit dem Martinstag wurde früher die Gänsemast beendet, und es begann die 40-tägige Fastenzeit vor Weihnachten – was lag näher, als vor Beginn der Fastenzeit mit einem Gänsebraten noch einmal ordentlich zu schlemmen?

Pastor Lars Rüter

In den Bräuchen gibt es aber noch mehr Elemente der Großzügigkeit, oder?

Zum Martinsbrauchtum gehört auch, dass nach den Umzügen süßes Gebäck an die Kinder verteilt wird. Bei unserem Martinsfest im Landpark sind es die traditionellen Weckmänner aus Hefeteig, die unsere Kirchenvorsteherin Inge Baden in großer Zahl backt, woanders kennt man die Martinsbrezel.

Das Martinsfest wird ja vor allem in der katholischen Kirche gefeiert. Welchen Stellenwert nimmt es unter den Protestanten ein?

Kein anderer Heiliger der katholischen Kirche hat sich seinen Platz im Leben der evangelischen Kirche so erobert wie Martin. Oft ist es auch eine schöne Gelegenheit zur ökumenischen Gemeinsamkeit wie zum Beispiel der Martinszug, der in jedem Jahr in Rotenburg von der Stadtkirche zur Corpus-Christi-Kirche oder umgekehrt stattfindet. Der Martinstag 11.11. ist der Tauftag Luthers: Er wurde am 10. November 1483 geboren, am Folgetag getauft und erhielt den Namen des Tagesheiligen Martin. In manchen evangelischen Gegenden, etwa in Ostfriesland, hat sich im 19. Jahrhundert der Brauch des Martinisingens entwickelt, dessen Lieder sich dann auf Martin Luther bezogen.

Was steckt eigentlich hinter den Laternenumzügen?

Dafür gibt es mehrere Erklärungen: Der Martinstag, der 11. November, geht auf den Tag der Beisetzung Martins im Jahr 397 zurück. Schon in alter Zeit waren Lichterprozessionen üblich, mit denen Heilige anlässlich ihres Gedenktages geehrt wurden. Eine andere Erklärung zielt darauf ab, dass mit dem Martinstag das bäuerliche Wirtschaftsjahr endete. An diesem Tag wurden als Dank für die Ernte auf den Feldern Feuer entfacht, und die Kinder entzündeten daran Fackeln aus Stroh und Papier, und daraus entwickelten sich dann die Laternenumzüge, wie wir sie heute kennen, auf denen neben den bekannten Laternenlieder auch Martinslieder gesungen werden, die die Geschichte von der Mantelteilung erzählen.

Wenn wir jetzt die großzügigen Taten des Soldaten Martin von damals in die heutige Zeit holen, was kann man davon konkret mitnehmen? Was empfehlen Sie uns als Geistlicher?

Die Frage, die Martin von Tours stellt, ist bleibend aktuell: Lassen wir uns unser Herz von der Not anderer anrühren und zum Helfen bewegen? Wie ernst nehmen wir das Wort Jesu „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“? Wenn wir an Martin von Tours denken, werden wir daran erinnert, wie wichtig Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Teilen für unser Zusammenleben sind – und auch unser eigener Beitrag dazu.

Was schätzen Sie persönlich an dem Brauchtum?

Zum einen, dass der wesentliche Teil des Martinsbrauchtums, die Laternenumzüge mit einem Martinsreiter, sich an die Kinder richtet. Zum anderen finde ich schön, dass in die trüben Novembertage, in denen wir ja an unsere Verstorbenen denken und damit zugleich an unsere eigene Endlichkeit erinnert werden, mit den Martinslaternen sozusagen schon ein kleines Licht von Weihnachten herüberleuchtet.

Am Samstag Martinsfest im Landpark Lauenbrück 

Nach einer coronabedingten Pause im vergangenen Jahr steigt am Samstagabend im Landpark Lauenbrück ab 18 Uhr wieder das traditionelle Martinsfest. Der Eintritt ist frei. Den Auftakt macht ein stimmungsvolles Martinsspiel. Das Stück erzählt die Geschichte des Heiligen Martin, der seinen Mantel in der Mitte teilt, um die Hälfte einem Bedürftigen zu geben. Danach gibt es einen Laternenumzug durch den Park und zum Abschluss werden selbst gebackene Weckmänner „to go“ angeboten. Wie die Organisatoren vom Landpark und von der Lauenbrücker Martin-Luther-Kirchengemeinde mitteilen, gelten die aktuellen Corona-Regeln.

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