„Ich vermisse die Wertschätzung“

Steinmetz Werner Kölkes restauriert alte Grabsteine

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Werner Kölkes in seiner Werkstatt am Veerser Weg. Seit 52 Jahren arbeit der Scheeßeler im Steinmetz-Handwerk – einem der ältesten Berufe der Welt.

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Der Friedhof – ein Ort des ganz persönlichen Gedenkens. An eine geliebte oder eine geschätzte Person. Aber auch ein Rückzugsort für Menschen, die die Stille lieben. Gräber anschauen, das kann die Fantasie beflügeln.

Begräbnisplätze wie der Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg oder der Wiener Zentralfriedhof zählen sogar als Sehenswürdigkeit ihrer Stadt. Doch seit einigen Jahren befindet sich die Bestattungskultur im Wandel. Das bekommt auch Werner Kölkes, Steinmetz- und Steinbildhauermeister aus Scheeßel, zu spüren.

Eine Werkstatt am Veerser Weg. Eine Werkstatt, wie es tausende gibt. Grauer Boden, graue Wände. Ein Radio dudelt gegen den Lärm des kleinen Pressluft-Meißels an. Überall liegen Steine und Werkzeug. Kölkes, 68 Jahre alt, stapft rüber ins Büro und flucht über den Staub, der jedem, der durch die Werkstatt geht, an den Füßen klebt. „Ja, der verdammte Staub“, sagt er. 

Was man da machen könne? „Nichts.“ Schulterzucken, ein Grinsen. „Schuhe gut abklopfen.“ Wo gehobelt wird, fallen Späne und wo Steine zersägt und behauen werden, da fällt eben Staub. Feinster Steinstaub. Von Granitstein aus Indien. „Die meisten Grabsteine auf deutschen Friedhöfen kommen inzwischen aus dem asiatischen Raum“, sagt er. Naturstein ist längst ein globales Handelsgut.

Betrieb besteht seit 65 Jahren

Kölkes Betrieb besteht schon seit 65 Jahren. 1952 von Richard Pape gegründet, hat er das Unternehmen 1982 übernommen. Gelernt hat Kölkes sein Handwerk Mitte der 1960er-Jahre in Oberhausen. Anschließend Meisterschule, dann verschlug es ihn irgendwann nach Scheeßel. „Ich hatte mal drei Mitarbeiter“, sagt er. Heute steht nur noch ein Geselle in der Werkstatt.“

Und noch etwas hat sich gewandelt. Liegt das Hauptgeschäft mittlerweile nur noch auf dem Friedhof, hat Kölkes früher auch Kirchen restauriert. „Man will ja heute möglichst viel Substanz erhalten.“ Fast kein Gotteshaus in der Region, in dem der heutige Endsechziger nicht schon seine Finger im Spiel gehabt hätte – angefangen von der St.-Antonius-Kirche zu Fintel über den Dom in Nienburg bis hin zu St. Viti in Zeven und der Rotenburger Stadtkirche. „Mehr als 30 Kirchen dürften es wohl gewesen sein“, schätzt Kölkes.

Er weiß: Grabsteine begleiten Familien oft über Generationen. „30 Jahre sind für die Steine noch längst kein Alter.“ Je nach Material und Gestaltung bräuchten sie aber Pflege, damit sie auch nach Jahrzehnten noch ansehnlich sind.

Altes Grabmal wieder fast wie neu

So wie ein mit Ornamenten verziertes Grabmal aus dem Jahr 1890. „Die Familie hat sich entschieden, es restaurieren zu lassen“, erzählt Kölkes. Nachdem der Stein von Flechten, Moosen und Schmutz befreit worden war, er einen Stilbogen und ein neues stählernes Kreuz bekommen hat und die Inschrift nachgetönt wurde, steht er inzwischen wieder auf seinem angestammten Platz auf dem Stemmer Friedhof – fast wie neu.

Früher war die Devise: Je größer der Stein, desto größer das Prestige. Diese Einstellung habe sich jedoch grundlegend verändert, sagt der Scheeßeler. Überhaupt würden viele nichts mehr mit dem Gottesacker verbinden. 

Friedhofsverwaltungen führten alte Grabsteine oft dem Schreddern zu und der gewonnene Bruch werde mitunter beim Bau von Straßen verwendet, meint Kölkes. Gut findet er das nicht, aber was soll man machen. „Man erkennt einfach nicht mehr die Wertigkeit des Inhaltes jenes Menschen, dem der Stein gewidmet ist, ich vermisse aber auch die Wertschätzung für jene Menschen, die ihn mal mit viel Liebe gefertigt haben.“

Die Bestattungskultur befindet sich im Wandel. Heute gibt es viele verschiedene Beisetzungsmöglichkeiten, bei denen auf Grabsteine mitunter auch gänzlich verzichtet wird. Dabei habe es seiner Meinung nach durchaus einen tieferen Sinn, eine Grabstelle mit einem Stein zu versehen, der individuell auf den Verstorbenen „zugeschnitten“ ist. 

„Am Grab können die Angehörigen Blumen und Kerzen als Trauergrüße ablegen – das vermissen viele Menschen, die vor einer Urnenwand stehen oder auf einer Wiese und nicht wissen, wohin mit der Trauer.“

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