INTERVIEW AM WOCHENENDE Reinhard Knipp aus Scheeßel ist ein SPD-Urgestein

„Ich habe einfach immer gemacht“

Zwischen ihnen liegt ein Altersunterschied von 46 Jahren: Claudia Kröger, Vorsitzende der SPD Scheeßel, überreicht Reinhard Knipp im Namen des Ortsvereins als Anerkennung für seine Verdienste einen Ehrenbrief.
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Zwischen ihnen liegt ein Altersunterschied von 46 Jahren: Claudia Kröger, Vorsitzende der SPD Scheeßel, überreicht Reinhard Knipp im Namen des Ortsvereins als Anerkennung für seine Verdienste einen Ehrenbrief.
  • Lars Warnecke
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Scheeßel – Auch wenn die Kräfte nicht mehr so wollen, wie er es will: Reinhard Knipp ist und bleibt eine norddeutsche Frohnatur. 81 ist der Scheeßeler alt, einen Großteil seines Lebens, seit dem Jahre 1968, begleitet ihn nun schon eine gewisse „alte Tante“. Nicht mehr auf Schritt und Tritt, wie früher einmal. Aber ja: Auch heute fühle er sich seiner Partei, der SPD, sehr verbunden. Das sagt einer, der den Ortsverein wie kaum ein Zweiter über so viele Jahre mitgeprägt hat. Über die kleine und große Politik im Wandel der Zeit und über denkwürdige Begegnungen mit Helmut Schmidt und Gustav Heinemann haben wir uns mit ihm unterhalten.

Herr Knipp, erstmal herzlichen Glückwunsch zum 55. Hochzeitstag.

Danke, meine Frau Irene und ich hatten eine wundervolle Feier zu Hause. Sogar meine alten Freunde vom Männergesangsverein waren da, um uns zur Juwelenhochzeit ein Ständchen zu bringen. Ja, und die Gäste haben beim Kuchen natürlich ordentlich reingehauen.

Haben Sie auch über Politik gesprochen?

Natürlich, mir würde sonst auch etwas fehlen. Kommunalpolitik – das war mein ein und alles, das habe ich immer gerne gemacht.

Warum sind Sie nicht bei der CDU gelandet?

Das ist eine gute Frage, die sich gar nicht so leicht beantworten lässt. Meine Gesinnung ging wohl schon immer in die sozialdemokratische Richtung. Allein schon durch die Gewerkschaft, in die ich 1955 als junger Mann eingetreten bin. Ich weiß noch, dass meine Mutter damals fürchterlich entsetzt darüber war, dass ihr Junge, der gerade ein Jahr eine Lehre zum Maschinenbauer machte, so etwas tun konnte. Ich würde doch eh schon so wenig Geld verdienen, lauteten ihre Worte, wie könne ich das dann auch noch für die Gewerkschaft ausgeben? Tja, 13 Jahre später, am 1. Mai ‘68, bin ich dann dem SPD-Ortverein hier in Scheeßel beigetreten, was natürlich ganz klassisch mit Maibowle begossen werden musste.

Haben Sie seitdem nie über einen Parteiaustritt nachgedacht?

Ach wissen Sie, ich bin noch einer vom alten Schlag. So etwas kam für mich überhaupt nicht in Frage. Gut, dass ein oder andere gefällt einem nicht unbedingt, aber das wird es immer und überall geben.

Was hat Ihnen denn an Ihrer SPD missfallen?

Personelle Angelegenheiten in der Öffentlichkeit auszutragen – das war mir schon immer zuwider. Gott sei Dank hat sich das aber inzwischen geändert.

Reden wir über ihre aktive Zeit als Vize-Vorsitzender, zunächst an der Seite von Johnny Kröger und später von Detlef Steppat. 20 Jahre haben Sie dieses Amt bekleidet.

Ich habe einfach immer gemacht. Für mich war wichtig, dass ich mitarbeite – und da war ich selbst als Stellvertreter, was man nicht meinen möchte, tüchtig gefordert.

Inwiefern?

Meine Aufgabe bestand darin, Parteiveranstaltungen zu organisieren, was mir auch richtig Spaß gemacht hat. Wir haben früher einmal im Monat in der Gaststätte Behrens ein öffentliches Ortsvereinstreffen abgehalten mit wechselnden Themen, zum Beispiel über Kirche und Politik. In dem Zusammenhang war es mir immer ein Anliegen, auch junge Leute für die Partei zu gewinnen – ganz ohne Hintergedanken habe ich solche Sachen, zu denen auch regelmäßige Tanzabende und Seniorentreffen gehörten, nämlich nicht auf die Beine gestellt. Aber das waren schon tolle Veranstaltungen, muss ich sagen, bei denen sich hin und wieder auch mal Politprominenz blicken ließ.

Wer denn zum Beispiel?

Ich erinnere mich noch gut an den Besuch von Heinz Ruhnau, dem damaligen Hamburger Innensenator. Im Publikum saß als Gast auch dessen ehemaliger Klassenlehrer, ein alter Ostpreuße. Der machte irgendwann den Mund auf und fragte: „Herr Minister, was halten Sie von den Rockers?“ Mensch, was haben wir daraufhin gelacht! Und dann, das war aber noch vor meiner Zeit, hatten wir den Gustav Heinemann, den späteren Bundespräsidenten in Scheeßel. Da war er aber noch Justizminister. Der Saal war knüppeldickevoll, als plötzlich das Licht ausging. Heinemann sagte daraufhin nur ganz trocken: „Lassen wir es aus, ich kann auch ohne Licht reden und muss nicht unbedingt gesehen werden. Hauptsache ich bin zu hören.“ Viele Jahre später habe ich ihn bei einem Arbeitsessen wiedergetroffen. Ich war damals Teil einer Gruppe, die unser damaliger heimischer Bundestagsabgeordneter Karl Ahrens nach Bonn eingeladen hatte. Als der Präsident uns empfing, benahm der sich zu meiner Überraschung aber gar nicht staatstragend, sondern wie ein Genosse. Später saßen wir alle zusammen am Tisch und schwiegen uns an. Was Heinemann irgendwann die Frage entlockte: „Wollen wir uns nur angaffen oder möchtet Ihr auch mit mir noch über irgendwas reden?“

Gibt es jemanden unter den SPD-Persönlichkiten, den Sie besonders bewundern?

Helmut Schmidt, das ging auch gar nicht anders. Wir haben uns mal vor langer Zeit – er war damals noch Hamburger Bürgermeister – im Hansatheater getroffen. Er saß zwei Reihen vor mir. „Hey Helmut, du auch hier?“, habe ich ihm zugerufen. In der Pause sind wir dann noch nett ins Plaudern gekommen. Ich weiß noch, als es hieß, im Fernsehen dürfe nicht mehr geraucht werden. Woraufhin er nur meinte: „Wenn Ihr mich nicht mehr in euren Sendungen haben wollt, ist es ja gut. Ich rauche trotzdem, ganz egal, wo ich bin,“

Kommen wir zurück auf Ihre kommunalpolitischen Tätigkeiten. Sie saßen von 1972 bis 1984 auch im Scheeßeler Gemeinderat.

Eine tolle Zeit, die ich nicht missen möchte. Wir als Fraktion, die über die Jahre von ursprünglich drei, später auf fünf und am Ende auf neun Mitglieder angewachsen war, hatten damals viele gute Ideen. Unter anderem wollten wir seinerzeit schon einen Busringverkehr, ähnlich mit dem heutigen Bürgerbus vergleichbar, in der Gemeinde einführen – nur das der von einem Taxiunternehmen betrieben worden wäre. Leider haben wir uns damit aber nicht durchsetzen können. Im Prinzip lief es oft so ab: Die SPD machte Vorschläge, die nach ein paar Monaten Ruhezeit von anderer Seite in abgeänderter Form wieder auf den Tisch kamen. Nur dann war es plötzlich nicht mehr unsere Sache. So hatten wir dann eigentlich nur die Wahl zwischen Zustimmung und Zustimmung.

Wenn Sie die Arbeit im Ortsverein Scheeßel, wie Sie sie mitgestaltet haben, mit der heutigen vergleichen – was hat sich geändert?

Die Aktivitäten sind ganz anderer Art. Heutzutage hat man das Internet, über das sich im Vorstand sicher auch viel ausgetauscht wird. Das gab es zu meiner Zeit noch alles gar nicht – da war das persönliche Gespräch noch gefragt. Das wollten die Leute auch so. Heute drückt man auf die Tasten, damals musste man noch losgehen, auch zum Beispiel, um Wahlplakate zu kleben. Unser Garten war zu gegebener Zeit immer voll mit denen.

Wie bewerten Sie das Engagement der SPD Scheeßel aus der Ferne? Macht die junge Generation einen guten Job?

Auf ihre Art macht sie das ganz ordentlich.

Mit Claudia Kröger und Marc Ostrowski gibt es im Verein seit kurzem eine neue Doppelspitze.

Und dagegen habe ich überhaupt nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil, waren Frauen in politisch höheren Ämtern doch schon immer knapp. Nein, ich finde, das geht schon so in Ordnung.

Ein Hans Dampf in allen Gassen

Reinhard Knipp, der von seiner Frau Irene (75) nur „Olli genannt wird, kam 1939 in Heiligenbeil im damaligen Ostpreußen zur Welt. Als Kriegsflüchtling war er mit Mutter und zwei Geschwistern nach Scheeßel gekommen, wo er später in der Firma Adolf Müller eine Lehre zum Maschinenbauer machte. Nach dem Grundwehrdienst arbeitete Knipp bei Blohm & Voss in Hamburg im Turbinenbau. Ab 1961 war er wieder bei Müller tätig, bevor er 1984 als Betriebsleiter zur Kläranlage der Gemeinde Scheeßel wechselte, wo er bis zum Ruhestand 2002 blieb. Neben seinem politischen Engagement im Rat und im SPD-Ortsverein war das Gewerkschaftsmitglied zeitweise auch Betriebsratsvorsitzender, Vorstandsvorsitzender der AOK Rotenburg, stellvertretender Vorsitzender im Männerchor Scheeßel und wirkte im Scheeßeler Briefmarkenverein mit. Das Ehepaar hat einen Sohn und eine Enkeltochter.

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