„Ich freue mich darauf“

Nach 45 Jahren verabschiedet sich Polizeibeamter Detlev Kaldinski in den Ruhestand

Bis auf wenige Ausnahmen hat Detlev Kaldinski die Musikfestivals in Scheeßel seit 1973 begleitet. Hier ein Bild vom Hurricane-Festival 2003.

Scheeßel/Zeven - Von Andreas Kurth. Nach 45 Jahren im Dienste des Landes Niedersachsen und zuletzt dreieinhalb Jahren an der Spitze des Polizeikommissariats Zeven stehend, ist Erster Polizei-Hauptkommissar Detlev Kaldinski in den Ruhestand gegangen. Im Interview erinnert sich der Scheeßeler an die Anfänge seiner Zeit als Polizist und seine ganz speziellen Einsätze in Gorleben.

Herr Kaldinski, Ihre Polizeikarriere hat 1973 in Rotenburg begonnen. Welche Erinnerungen haben sie noch an diese Zeit?

Detlev Kaldinski: 1973 begann es zunächst mit Polizeischule und Bereitschaftspolizei. Wir waren damals als Uniformierte in Rotenburg noch eher eine Verkehrs- und Unfallaufnahmepolizei. Gleich in meiner ersten Nachtschicht am 20. Oktober 1975 ging es zu vier Unfällen, davon zwei mit Personenschäden. In Hellwege starb nachts ein Autofahrer, der gegen das Kriegerdenkmal gefahren war. Da lag ich morgens noch lange wach. Straßen und Fahrzeuge waren damals lange nicht so sicher wie heute. Wir hatten sehr viel mehr Verletzte und Tote.

Irgendwann sind sie zur als ihr Sprecher Stimme der Polizei im Landkreis geworden. Wie ist es damals dazu gekommen?

Kaldinski: Ich war schon in der Schule bei einer Schülerzeitung und im Schultheater dabei. Später jobbte ich in diesem Bereich. Als Anfang der 90er-Jahre die Castoreinsätze geplant wurden, erinnerte man sich daran und ich kam in den Pressestab. 1998 folgte noch eine einjährige Weiterbildung bei zahlreichen Medien, danach wurde ich Pressesprecher der Polizeiinspektion. Es folgten viele Außeneinsätze bei den Chaostagen, in Gorleben und in verschieden Mord- und Sonderkommissionen. Beeindruckend war besonders die Soko Lin Yue, als morgens früh plötzlich über hundert Journalisten aus aller Welt wie aus dem Nichts in Sittensen erschienen. Begleitet wurde das von hunderten von Anrufversuchen auf meinem Handy.

Gorleben hat in ihrem Berufsleben sicherlich einen besonderen Stellenwert. Sie haben dort mehrfach die Pressearbeit begleitet oder gar federführend organisiert. Wie haben sie diese Aufgabe empfunden – auch als politisch aktiver Staatsbürger?

Kaldinski: Als man mich ansprach, war ich schon verwundert. Schließlich war ich meinen Vorgesetzten als Kritiker der Atomkraft bekannt. So sollte ich damals mal so einen kleinen, gelb-roten Aufkleber von meinem Auto entfernen. Als Polizei, und erst recht als Polizeisprecher, vertreten wir aber keine Seite des Konflikts. Wir stehen immer auf der Seite des Rechts. Egal, ob von links oder rechts, Pro- oder Contra-Atomkraft. Ich glaube, dass ich deswegen in Gorleben sowohl mit den Medien als auch den Protestlern gut zurechtgekommen bin.

Die Arbeit als Polizist hat sich in mehr als vier Jahrzehnten im aktiven Dienst verändert. Was ist heute so anders als in den 80er-Jahren?

Kaldinski: Wie gesagt, waren wir als Uniformierte in meinen frühen Jahren mehr eine Verkehrssicherheitspolizei. Das hat sich immer mehr verschoben in Richtung einer Kriminalitätsbekämpfungspolizei. Wichtiger als der Falschparker ist den Bürgern, dass sie von Einbrüchen und Betrügereien verschont bleiben. Gerade Letzteres hat infolge des Internets in den letzten Jahren stark zugenommen. Als Pressesprecher gab es für mich fast keinen Tag, an dem ich nicht vor einer neuen Betrugs-Masche gewarnt habe. Trotzdem gibt es noch viele Internet-Nutzer, die unsere Tipps nicht beherzigen. Da ist noch Luft nach oben.

Sie sind als großer Bücherfreund bekannt, waren lange Jahre Vorsitzender des Büchereifördervereins in Scheeßel. Im Ruhestand werden Sie mehr Zeit zum Lesen haben. Welche zehn Titel liegen in ihrem Bücherstapel ganz oben?

Kaldinski: Vor allem alte Reiseberichte haben neben Krimis für mich einen hohen Stellenwert erlangt. Andrea Wulfs Biographie über Alexander von Humboldt liegt ganz oben, dann folgen einige Weltreise-Berichte von Radfahrern und schließlich die von Bulli-Reisenden nach Indien aus den 60er-Jahren. Krimis höre ich vor allem als Hörbuch im Auto, gerade die dänische Oxen-Trilogie.

Wird die Zeit als Pensionär auch ein noch stärkeres Engagement als Kommunalpolitiker mit sich bringen? Sie sind Mitglied im Scheeßeler Gemeinderat und könnten jetzt zusätzliche Funktionen übernehmen.

Kaldinski: Ich glaube, da bin ich schon ziemlich ausgelastet und in zahlreichen Gremien für die Gemeinde tätig. Es kommen ja noch einige Vereinsämter dazu, zumeist im Bereich Presse. Ich freue mich darauf, diese Arbeit mit mehr Zeit und Ruhe wahrnehmen zu können.

Und dann ist da noch ein Wohnmobil, das bewegt werden will.

Kaldinski: Ja, natürlich ein Bulli – allerdings mit Euro 6. Mit dem war ich schon ganz unten in Kroatien und einmal rund um Italien. Jetzt reizen mich noch Albanien und auch der baltische Osten. Schön ist, dass ich nun nach über 45 Jahren den Urlaub mal ausdehnen kann, wenn mir danach ist.

Die Nachfolge in der Leitung des Polizeikommissariats Zeven ist geregelt?

Kaldinski: Den Zuschlag hat meine bisherige Stellvertreterin und Leiterin des Kriminal- und Ermittlungsdienstes, Kriminalhauptkommissarin Andrea Schürmann, bekommen. Ich freue mich, dass es eine Zevenerin geworden ist. Frau Schürmann kennt Land und Leute und ist bestens vernetzt, auch nach Rotenburg und in die umliegenden Dienststellen.

zz

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