1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Rotenburg
  4. Scheeßel

Hurricane-Infield wächst – „Zaungäste“ aus Scheeßel werden umgeleitet

Erstellt:

Von: Ulla Heyne

Kommentare

Die Landesstraße zwischen Campingplatz und Eichenring ist beim Hurricane bislang immer offen gewesen. Dieses Jahr ändert sich das.
Die Landesstraße zwischen Campingplatz und Eichenring ist beim Hurricane bislang immer offen gewesen. Dieses Jahr ändert sich das. © Heyne

Scheeßeler, die kein Ticket haben, schauen auch gerne mal beim Hurricane vorbei. Das bunte Treiben fasziniert, und ein wenig von den Bühnen bekommt man vom Zaun aus noch mit. Jetzt wird das erschwert, die Landestraße am Eichenring wird gesperrt.

Scheeßel – Mit Spannung wird es erwartet, das diesjährige Hurricane. Nicht nur die knapp 78.000 Besucher des fast ausverkauften Festivals freuen sich auf den Neustart nach zwei Jahren Pandemiepause, sondern auch Einwohner der umliegenden Ortschaften. Viele Scheeßeler und Westerveseder genießen den Spaziergang über die „Flaniermeile“, wie die Landstraße am Eichenringgelände im Volksmund heißt, um Atmosphäre zu schnuppern, mit Besuchern in Kontakt zu kommen oder durch die Lücken der Banner an den Bauzäunen einen Blick auf die Bühne zu erspähen.

Genau diese Anblicke bleiben den „Zaungästen“ dieses Jahr allerdings verwehrt, denn: Die Landesstraße 131, so der offizielle Name der Flaniermeile, wird erstmals nicht nur für den Kraftfahrzeugverkehr, sondern auch für Fußgänger und Radfahrer gesperrt.

Verbindung bleibt bestehen

Dies war bereits in früheren Auflagen, zuletzt 2020 im Gespräch gewesen. Damals hatte die seinerzeit amtierende Bürgermeisterin Käthe Dittmer-Scheele (CDU) eine Sperrung der Straße und damit die potenzielle Abschottung der Einwohner vom Festivalgeschehen kategorisch abgelehnt. Ihre Nachfolgerin Ulrike Jungemann (CDU) hat diesen Rat, den ihr ihre Amtsvorgängerin mit auf den Weg gegeben hatte, beherzigt. Denn: Es wird auch weiterhin eine Verbindung zwischen den beiden Orten und somit über das Festivalgelände geben – allerdings unter anderen Voraussetzungen, verläuft der Interimsweg doch in einem mehrere hundert Meter längeren Bogen um das nunmehr auf die andere Straßenseite erweiterte Infield.

Für Veranstalter FKP Scorpio hat sich somit ein Traum erfüllt: Das Gelände, auf dem sonst die Open-Air-Disco zu finden war, ist nicht mehr abgekoppelt, sondern ist als „Infield Süd“ für Besucher ohne wie sonst erforderliche zusätzliche Einlasskontrollen erreichbar. Diese Änderung birgt für Organisatoren wie Besucher (abgesehen von dem rund 300 Meter längeren Weg zum neuen Eingang) zahlreiche Vorteile: weniger einzuzäunende Fläche, eine übersichtlichere Verkehrsführung, bei der Behördenfahrzeuge die Einsatzzentrale seitlich ohne Queren des Geländes erreichen können und den Wegfall der sonst zuweilen zeitraubenden „Binnenkontrollen“.

Dies ist aber nicht der Hauptgrund für das neue Layout. Vielmehr nennt Festivalleiter Jasper Barendregt im Gespräch die Konkurrenz, die sich in der Vergangenheit das Zelt der „White Stage“ und die Bühne mit der Open- Air-Disco gemacht hätten. „Wir wollten das Geschehen wieder auf einige wenige Schauplätze konzentrieren.“ Die Zeltbühne hat indes nicht nur die Seiten gewechselt, sondern ist immens gewachsen, nämlich von der Sechs-Master-Version auf gigantische 15 Masten, wie Barendregt nicht ohne Stolz verkündet.

Mehr Platz für Bühnen

Die fußballfeldgroße Fläche von 60 mal 90 Metern bietet bis zu 10.000 Gästen Platz. Mit dem Wegfall des Zeltes auf dem Rennbahngelände eröffne sich auch vom Wall aus ein freier Blick – bei erwarteten 78 .000 Zuschauern ein smarter Schachzug, um das Geschehen vor den Bühnen zu entzerren und mit Sitzplätzen für Entzerrung gerade bei „Großkapellen“ auf der „Forest Stage“ (früher Green Stage) zu sorgen, denn: Es wird voll.

Doch was bedeutet das für die Anwohner und ihren „kurzen Draht“ zum Festival? Deren Erlebnisse sollen laut Barendregt und Inga Rossbach (Festival Production), abgesehen von einer ungleich längeren Strecke, nicht getrübt werden. Sie sind davon überzeugt, dass sich auf der rund 40 Meter breiten und mit Platten ausgelegten Trasse über die Wiese „ebenso viel Leben abspielt“ wie sonst auf der Landstraße direkt am Eichenring, so Rossbach. Dafür würden unter anderem die dort angeordneten Merchandising-Stände sorgen. Der Unterschied: Mussten bisher alle Festivalisten den Weg passieren, die vom südlichen Zentrum mit Verpflegungsständen und der offenen Bühne zum Infield wollten, ist die neue Trasse eine reine Verbindung zwischen Infield und Campingplätzen.

Täglich um 18 Uhr per Mail: Unser Newsletter aus der Region, für die Region – hier kostenlos anmelden!

Bürgermeisterin Jungemann hatte keine Bedenken, dem Plan zuzustimmen: „Die Behörden haben alle grünes Licht gegeben“ – und wenn dies zur Entzerrung beitrage und dem Veranstalter nütze, sei das zu begrüßen: „Der will ja auch schwarze Zahlen schreiben.“ Auch Einwände aus Westervesede habe es nicht gegeben. Bei einer Nachfrage bei Ortsbürgermeister Ralf Jürges reagiert dieser jedoch überrascht: Er sei in die neuen Pläne bis dato nicht eingeweiht worden. „Wir hätten eh keinen Einfluss darauf gehabt.“ Gleichwohl hätte er es begrüßt, „wenn dem am nächsten gelegenen Ort mit den größten Einschränkungen im Hinblick auf Lärm und Straßensperrungen die Informationen nicht vorenthalten worden wären.“

Kommentar: Auf dem Holzweg

Mehr Übersichtlichkeit, weniger Kontrollen und eine durchgehende Feierfläche: Der neue Geländeplan mit der Straßenverlegung ergibt durchaus Sinn – zumindest für Besucher und Veranstalter. Ob der Charme des Festivals indes für die Anwohner bleibt, die sich als wohlwollende „Zaungäste“ mit dem Festival identifizieren und trotzig dessen Ruf in der Region hochhalten? Andere musikalische Mega-Events wie Wacken leben es vor: Friedliches Miteinander, von dem alle profitieren– auch der Ort.

Sicherlich, auch Veranstalter müssen heute mehr denn je auf die Finanzen schielen. Mammutfestivals müssen auch Gewinn abwerfen dürfen – das ist nicht verwerflich, schon um sie zukunftsfähig zu machen.

Doch spätestens mit der Einführung eines Supermarkts auf dem Gelände fielen Festivalisten im Ortsbild und damit ein wichtiger Teil der Berührungspunkte weg. Das fehlende Bunt im Straßenbild – der erste Schritt zur Entfremdung? Die Identifikationsmöglichkeiten derer, die auch ohne Bändchen gern „Teil vom Ganzen“ sind und die Nachteile wie Verkehrssperrungen und Lärm gern in Kauf nehmen, nehmen immer weiter ab.

Dabei ist ein Großteil der Scheeßeler nach wie vor stolz auf „ihr“ Festival; die Frage ist nur: Wie lange noch? Bleibt zu hoffen, dass sie angesichts des „verrückten Durchgangs“ nicht auf der Strecke bleiben. Was bleibt, ist die tröstliche Gewissheit: Als Feuerwehrleute, Sanitäter, Seelsorger oder ehrenamtliche Aufräumer sind sie stets gern gesehen.

Ulla Heyne

Auch interessant

Kommentare