Zum 20. Geburtstag des Hurricane-Festivals: Interview mit Gründervater Koopmans

„Man lernt ja nie richtig aus“

Folkert Koopmans initiierte vor 19 Jahren das Hurricane-Festival und richtet es seither aus. Hier posiert er mit dem Plakat von 1997.

Scheeßel/Hamburg - Von Lars Warnecke. 20 Hurricane-Ausgaben in Scheeßel – wer hätte gedacht, dass ein Festival in einer kleinen niedersächsischen Gemeinde mal zu einem der größten Events seiner Art werden würde? Folkert Koopmans (52) hat nie an dem Erfolg gezweifelt. 

Zum runden Geburtstag sprachen wir mit dem Hurricane-Gründervater über sein Festival, das in den vergangenen 19 Jahren nicht immer so glatt über die Bühne ging, wie er sich das eigentlich vorgestellt hatte.

Herr Koopmans, Sie haben das Hurricane Festival vor 19 Jahren gegründet – sind Sie heute ein bisschen stolz?

Folkert Koopmans: Nicht auf das Hurricane allein. Eher auf das, was wir insgesamt im Festival-Bereich geschaffen haben. Erst letztes Jahr hat Scorpio 25. Firmenjubiläum gefeiert. In dieser Branche eine kleine Ewigkeit, die wir ohne Schiffbruch zu erleiden, erfolgreich gemeistert haben. Das finde ich schon ganz gut.

Sie haben zunächst viele kleine Tourneen und Konzerte gemacht...

Koopmans: ... und auch schon kleinere eintägige Open Airs – mit 3.000 bis 7.000 Leuten, aber noch ohne Camping und Gastronomie. Das Hurricane war 1997 dann unser erstes Festival, das über zwei Tage lief, mit 20.000 Besuchern.

Hätten Sie sich damals träumen lassen, dass sich das Festival so entwickelt?

Koopmans: Ehrlich gesagt habe ich mir darüber gar keine Gedanken gemacht. Kalkuliert hatte ich vor dem ersten Festival mit 12. 000 Besuchern, mit denen ich Geld verdienen könnte. Am Ende waren es 20.000 – und ich verdiente trotzdem kein Geld. Ich hatte damals überhaupt keinen Schimmer davon, welche Kosten auf mich zukommen würden. Von daher hatte die Premiere auch einen guten Lerneffekt für mich.

Sie haben also trotz der anfänglichen Verluste nie ans Aufhören gedacht?

Koopmans: Nein, überhaupt nicht. Ich spürte ja, dass da etwas geht. Dass ich eine Marktlücke füllen würde. Natürlich hatte ich mich auch weitestgehend finanziell abgesichert; wenn etwas schief gegangen wäre, hätte ich auch alles bezahlen können. Am Ende ist es ja auch besser gelaufen, als ich dachte.

Scheeßel ist ein kleines Nest mit rund 13.000 Einwohnern. Warum um Himmels Willen haben Sie Ihr Festival ausgerechnet hier angesiedelt?

Koopmans: Für mich stand von Anfang an fest, dass ich mich im Dreieck Hannover, Bremen, Hamburg niederlassen möchte. Ich hätte damals auch nach Schleswig-Holstein gehen können, auf ein Gelände, wo bereits ganz früher das Jübek-Festival stattfand. Nur: Da das Publikum ausschließlich aus Richtung Hamburg angereist kam, hat es das Festival nicht überlebt. Und die Dänen haben ja ihre eigenen Open Airs. Nein, ich wollte eine relativ große Menge an Leuten erreichen – und da es nicht so viele geeignete Gelände in der Region gibt, bot sich der Eichenring an. Ich bin dann an den Scheeßeler Motorsportclub (MSC) herangetreten, dessen Anlage sich zugleich im Besitz des damaligen Bürgermeisters Hans-Heinrich Miesner befand.

Welches der frühen Hurricane-Jahre würden Sie als entscheidend für den Durchbruch des Festivals bezeichnen?

Koopmans: Das war gleich 1998. Wir hatten im zweiten Jahr mit 40.000 Tickets schon die doppelte Menge absetzen können. Damit war das Hurricane ausverkauft. Das Programm mit den Beastie Boys, Iggy Pop, Garbage und Björk war seinerzeit aber auch sensationell. Da stand für mich fest, dass es funktioniert.

Was macht den Erfolg des Hurricane aus? Warum hat es sich so prächtig entwickelt?

Koopmans: Das Musikprogramm ist schon sehr wichtig, klar. Und dass wir die richtigen Trends zum richtigen Zeitpunkt erkennen. Das zum einen. Zum anderen haben wir das Festival auch immer weiter entwickelt. Ich erinnere mich, da sind wir mit einer einzigen kleinen Bühne und einem noch kleineren Zelt, in das nicht mehr als 1.000 Leute passten, gestartet. Mittlerweile haben wir vier Bühnen, und der Platz ist doppelt so groß. Wir pflegen das Hurricane soweit wir das können. Erst vergangenes Jahr haben wir das Essens- und Getränkekonzept komplett umgekrempelt und neu entwickelt. Außerdem pflegen wir einen guten Kontakt zu den Leuten in den sozialen Netzwerken. All das macht es sicherlich aus, dass das Festival funktioniert – selbst dann, wenn wir wie 2015 einmal ein nicht ganz so gutes Line-Up präsentieren können. Klar, in solchen Fällen verkauft man nicht aus, das Festival selbst war dennoch erfolgreich.

Woran denken Sie nach all den Jahren besonders gerne zurück?

Koopmans: An eine Szene gleich im ersten Jahr. Damals hat sich der bereits verstorbene Wilfried Wahlers, ein Bauunternehmer, der auch im MSC war, sehr für mich in Scheeßel eingesetzt – auch, dass ich viel Land von den Bauern bekam. Nein, der Willi hat damals schon sehr viel Überzeugungsarbeit geleistet, ohne Rücksicht auf die eigene Person. Das lag auch daran, dass viele noch das Rock-Festival von 1977 in böser Erinnerung hatten. Schlussendlich haben wir durch ihn alles so bekommen, wie wir uns das vorstellten. Dann kam der große Tag: Da ein Großteil der Tickets noch über die Tageskasse verkauft wurde, konnten wir die Besucherzahl nur abschätzen. Ich sehe es noch genau vor mir: Willi steht auf einem Feld, das noch nicht einmal abgemäht war, um ihn herum fahren die anreisenden Autos kreuz und quer. Inmitten des ganzen Chaos ruft er mir zu: „Folkert, ich bin so glücklich! Ich bin so glücklich!“ – Ich glaube, ihm waren in diesem Moment ein paar Steine vom Herzen gefallen, dass das alles so geklappt hat. Diese Situation werde ich nie vergessen. Da habe ich auch erst gemerkt, wie nervös er wirklich war, ob ich das auch auf die Reihe bekomme oder es ein Flop wird. Schließlich hatte es ja nach 1977 immer wieder erfolglose Versuche gegeben, Festivals auf dem Eichenring zu etablieren. Bei dem ganzen Chaos mit wild parkenden Autos und kreuz und quer aufgestellten Zelten dachte ich nur: Mensch, hier geht ja gar nichts mehr! Willi aber war es egal, er freute sich wie ein kleiner Junge.

Zu einem Festival gehört immer auch Exzess. Wie muss man sich die größten Katastrophen hinter den Kulissen des Festivals vorstellen?

Koopmans: Nass! Ich erinnere nur an das Hurricane 2006, in dem wir mit dem großen Unwetter zu kämpfen hatten, das es so vorher noch nie gegeben hat. Damals stand das komplette Gelände unter Wasser, der Auftritt von Muse musste infolge dessen abgesagt werden. Es ging einfach gar nichts mehr. Nach anderthalb Stunden war der Spuk wieder vorbei, das Gelände hatten wir bis dahin evakuieren lassen. Nur an die Rollstuhlfahrer hatten wir nicht gedacht, die steckten wie auf einer Insel immer noch auf ihrem Podest neben dem Front-of-House fest – angesichts des komplett zusammengebrochenen Funknetzes ohne Möglichkeit, über das Handy auf sich aufmerksam zu machen. Heute kann man darüber lachen, damals war es für mich aber eine äußerst peinliche Angelegenheit. Da stellt man fest, dass man immer noch nicht ganz ausgelernt hat. Was das Unwetter betrifft, haben wir aber unsere Lehre daraus gezogen.

Auf welchen Künstler sind Sie rückblickend besonders stolz, da er beim Hurricane noch als richtiger Newcomer unterwegs war und mittlerweile sehr bekannt ist?

Koopmans: Man muss Muse nennen. Die haben 1999 für läppische 500 Mark bei uns gespielt – und zwar mittags um zwölf! Wir hatten die Band auch erst ganz spät gebucht, weil wir noch ein Plätzchen im Programm frei hatten. Das ist schon sensationell, wie die Briten sich über die Jahre hinweg entwickelt haben.

Muss man bei Verhandlungen überhaupt noch erklären, was das Hurricane ist?

Koopmans: Nein, bei den Bands überhaupt nicht. Bei anderen Kooperationspartner, die sonst nicht so viel mit Festivals zu tun haben, mitunter aber schon noch.

Wen hätten Sie immer schon gern fürs Hurricane verpflichtet, sind aber bislang immer gescheitert?

Koopmans: Das sind nach wie vor Rage against the Machine. Ich glaube aber nicht wirklich daran, dass die Band irgendwann nochmal bei uns spielen wird. Nächstes Jahr wollen die Jungs zum Beispiel ein anderes Projekt machen – leider ohne ihren Sänger. Aber wie es heißt gleich noch: Wunder gibt es immer wieder.

Kritiker bemängeln einen von Jahr zu Jahr zunehmenden Kommerz. Was sagen Sie denen?

Koopmans: Dass wir ein kommerzielles Festival sind, und dass wir das in dieser Größenordnung auch sein müssen. Natürlich versuchen wir auch ein paar Sachen reinzubringen, die genau das Gegenteil sind, beispielsweise das Viva-con-Agua-Projekt. Wir haben mittlerweile in der Firma hundert Leute angestellt, die monatlich bezahlt werden müssen. Und ich trage die Verantwortung für diese Menschen.

Die Größe des Festivals ist mit 73.000 Ticket seit Jahren unverändert. Ist weiteres Wachstum möglich?

Koopmans: Nicht wirklich, nein. Und wenn, spielt sich das höchstens nur im Tausenderbereich ab. Vom Gelände her wird das Hurricane nicht mehr größer werden können – das haben wir schon geprüft. Was wir in diesem Jahr machen: Die große Bühne wird noch einmal ein Stück weit nach hinten versetzt, weil wir den Artistbereich verlegen. Dadurch entsteht im Infield automatisch ein bisschen mehr Platz.

20 Ausgaben Hurricane-Festival – da halten Sie doch sicher noch die eine oder andere Überraschung parat.

Koopmans: Nein, zumindest nicht die ganz große Überraschung. Wir haben ein gutes Programm gebucht. Das war nach dem eher schwächeren Line-Up vom Vorjahr unser oberstes Ziel. Dass wir nun richtig liegen, hat sich ja schon im Vorfeld gezeigt: Noch nie war das Festival derart schnell ausverkauft. Ansonsten wird es keine wesentlichen Neuerungen geben. Klar, das Food-Angebot ist nochmal verbessert worden, wir haben einen Penny-Supermarkt auf dem Gelände, das Ressort aufgehübscht – das war es dann. In der Hauptsache geht es ja auch um die Musik.

Das Hurricane Festival:

An drei Tagen, vom 24. bis 26. Juni, wird jede musikalische Vorliebe bedient – von Rock und Pop über Metal bis hin zu Elektro. Wer eines der begehrten Tickets für das Event ergattern konnte, beginnt in diesen Tagen mit der Planung seiner Festival-Tage. Mit der Veröffentlichung des Zeitplanes müssen die Besucher bei vier zur Auswahl stehenden Bühnen wie immer einige harte Entscheidungen treffen.

Leaks nach Manchester-Anschlag: Trump verspricht Aufklärung

Leaks nach Manchester-Anschlag: Trump verspricht Aufklärung

„Hoya ist mobil“ 2017

„Hoya ist mobil“ 2017

Treckertreffen in Dreeke

Treckertreffen in Dreeke

Ginsengfest und Mittelalter-Spektakel in Walsrode

Ginsengfest und Mittelalter-Spektakel in Walsrode

Meistgelesene Artikel

A1 bis Mittwoch gesperrt: Sanierung im Gang

A1 bis Mittwoch gesperrt: Sanierung im Gang

A1 nach Unfällen wieder frei

A1 nach Unfällen wieder frei

Familientag zum Jubiläum: Vier Stunden Action pur

Familientag zum Jubiläum: Vier Stunden Action pur

Sperrung auf der A1: Wenn Mama nach dem Essen fragt

Sperrung auf der A1: Wenn Mama nach dem Essen fragt

Kommentare