Natur und Festival - wie geht das zusammen?

Umweltaspekte beim Hurricane: „Wir sind einen ganzen Schritt weiter“

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Bierdosen, Zeltgerüste, Plastikabfall – rund 500 Tonnen Müll hinterlassen die Musikfans auf dem Festivalgelände bei Scheeßel. Müll, der aufwendig entsorgt werden muss.

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Ehrlich gesagt: Nach drei Tagen voller Musik und Party fühlt man sich nicht mehr ganz so toll. Lust aufzuräumen hat man schon gar nicht, stattdessen tritt man verkatert und mit Piepen im Ohr den Heimweg an. Was zurück bleibt nach dem Hurricane-Festival sind Tetrapaks, verbeulte Blechbüchsen, senfverschmiertes Einwegbesteck irgendwelche Zeltfragmente und weiterer Kladderadatsch – im Schnitt 500 Tonnen Müll pro Jahr.

Das kennt man schon. Was weniger bekannt ist: Das weitläufige Festivalgelände grenzt an artenreiche Biotope sowie Schutzgebiete, die es aus Sicht von Umweltschützern und des Veranstalters unbedingt zu schützen gilt. Wie das gelingen soll, darüber sprachen wir mit dem Nabu-Vorsitzenden Roland Meyer und Jasper Barendregt von FKP Scorpio.

Herr Barendregt, Herr Meyer, wie viel Festival verträgt eigentlich die Natur?

Roland Meyer: Da kommen für vier Tage 80.000 Menschen – das entspricht der Einwohnerzahl von Lüneburg – in eine recht kleinteilige Wald- und Wiesenlandschaft, noch dazu mitten in der Brut- und Setzzeit. Dass das nachteilig für die Natur ist, liegt auf der Hand. Aber: Sehr viele Menschen freuen sich Jahr für Jahr aufs Hurricane. Und der Veranstalter konnte uns plausibel erklären, dass eine Verschiebung auf einen aus Naturschutzsicht besseren Termin nicht zu machen ist. Deshalb geht es darum, das Hurricane an den Stellen Stück für Stück naturverträglicher zu machen, wo das möglich ist. Da ziehen mittlerweile viele Kräfte an einem Strang. Dazu gehören Herr Barendregt und seine Leute, die Naturschutzbehörde, die örtliche Jägerschaft und eben der Nabu. Wir alle sprechen vorher und im Nachgang miteinander, was wir erreichen wollen, wie das funktionieren kann und ob es geklappt hat.

Jasper Barendregt (Mitte) ist Mitveranstalter des Festivals.

Jasper Barendregt: Der große Bedarf an Ressourcen für die Realisierung einer Freiluft-Musikveranstaltung gestaltet den ökologischen Fußabdruck eines jeden Open-Air-Festivals grundsätzlich in einem kritisch hohen Bereich. Diesen Fußabdruck durch verschiedene Maßnahmen, wie beispielsweise die kostenfreie Anreise für den Gast mit der Bahn, möglichst geringzuhalten, ist dabei die Herausforderung für einen jeden Festivalveranstalter. FKP Scorpio stellt sich dieser gemeinsam mit seinen Partnern durch verschiedene Maßnahmen.

Von welchen Belastungen mit Blick auf das Hurricane sprechen wir genau?

Barendregt: Die Kernthemen hierbei sind sicherlich die CO2-emissionsreiche An- und Abreise der Gäste, das Abfallaufkommen während der Festivaltage sowie die Strom- und Wasserversorgung sowie der Gesamtbedarf an Flächen, die es für ein Festival dieser Größenordnung bedarf. Natürlich gilt es hier noch viele weitere Themen zu beachten, dies sind jedoch die allen vorangehenden Schlüsselthemen, denen es sich zunächst zu stellen gilt.

Roland Meyer ist Vorsitzender des Nabu-Verbandes im Kreis Rotenburg.

Meyer: Ich möchte noch einmal betonen: 80.000 Menschen, viele davon mit Autos, dazu laute Musik und viel Beleuchtung haben Auswirkungen auf alle Lebensräume in dem Gebiet. Das fängt bei der fast gleichzeitigen Mahd und der Nutzung der Wiesen durch so viele Menschen an. Deshalb zäunt der Veranstalter zum Beispiel Feuchtbiotope ein und hält Abstand zur Beeke, zur Veerse und zu den Hauptgräben. Deshalb sollen die Wälder nicht betreten werden und sind mit Zäunen geschützt. Und ein von Scorpio bezahlter Biologe guckt nach Fledermausquartieren und kümmert sich darum, dass sie nicht angestrahlt werden. Das alles sieht auch die Naturschutzbehörde so und macht entsprechende Auflagen. Darüber sprechen wir im Vorfeld miteinander.

Was unternimmt der Veranstalter darüber hinaus?

Barendregt: Grundsätzlich halten wir uns sehr umfänglich an die an uns gerichteten, geltenden Auflagen und stellen diese Informationen stets vollumfänglich für eine Prüfung zur Verfügung. Selbstverständlich verschaffen sich sowohl Umweltschützer sowie Behörden jedes Jahr aufs Neue einen Überblick über die Umsetzung der Auflagen und das Einhalten dieser vor Ort. Neben den geforderten Regeln, die es einzuhalten gilt, sind wir auch aus eigenem Interesse mit zusätzlichen Projekten und Maßnahmen vor Ort aufgestellt. Hierzu zählt unter anderem unser Müllpfand- und Becherpfandsystem, die kostenfreie Anreise mit dem Metronom, unser mittlerweile sehr komplex entwickeltes Recyclingprojekt, die Grüner-Wohnen-Campingflächen und unsere umfangreiche, festivaleigene Müllabfuhr.

Hurricane Festival: Aufbau beginnt 

Reichen solche Maßnahmen aus, Herr Meyer?

Meyer: So viel Trubel Mitte Juni mitten in der Landschaft kann nicht gut für die Natur sein. Auflagen und freiwillige Maßnahmen helfen aber, das Festival verträglicher zu machen. Sehr erfreulich ist, dass Herr Barendregt und sein Team an einigen Stellen über die Auflagen hinausgehen und zum Beispiel die Zäune an manchen Waldrändern von sich aus noch verstärken. Dazu gehört auch ein schnelles Reparaturteam, welches die Zäune dort schnell wieder flickt, wo Besucher sie geöffnet haben. Und dazu gehören auch die Gelben Karten, mit denen FKP Scorpio diejenigen zum Nachdenken bringt, die gegen die Spielregeln verstoßen und erwischt werden. Schließlich sind die Auflagen kein Jux, sondern sollen die Natur schützen.

Welchen Stellenwert hatte der Umweltaspekt aus Veranstaltersicht zu Beginn, welchen hat er heute?

Barendregt: Die Aufmerksamkeit auf das Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung hinzugewonnen. Dies entnehmen wir, FKP, jedoch nicht nur aus den an uns gestellten Auflagen, sondern dies sehen wir als unseren eigenen Anspruch. Gerade die Themen Abfall, An- und Abreise der Gäste, Wasser- und Stromversorgung sowie das generelle Thema der Sensibilisierung unserer Gäste für Themen einer nachhaltigen Entwicklung haben wir per se auf unserer Agenda und versuchen, diese Themen auf all unseren Veranstaltungen umzusetzen und einzubinden.

Und dennoch bleibt heute wie damals tonnenweise Müll zurück. Müll, der doch sicher nicht zu hundert Prozent wieder eingesammelt wird, oder?

Meyer: Der viele Müll erschreckt mich auch. Zum Festival kommen doch überwiegend junge Menschen, die noch lange auf dieser Erde leben wollen. Da sollten Ressourcenschonung und Müllvermeidung vor Bequemlichkeit gehen.

Barendregt: Selbstverständlich ist unser Anspruch, 100 Prozent des Mülls wieder einzusammeln. Bei einem 200 Hektar großen Gelände klappt dies in der Regel nicht in einem Durchlauf. Je nach Witterung reinigen wir deshalb noch ein drittes, viertes oder gar fünftes Mal, wenn zum Beispiel im Herbst durch fehlendes Laub neuer Müll sichtbar geworden ist. Ziel ist, 100 Prozent des Mülls einzusammeln – das Ziel zu erreichen, ist aber nicht leicht. Außerdem stellen wir mit unserem Recyclingprojekt und unseren gemeinsamen hierfür einstehenden Partnern sicher, dass eine möglichst große Menge an Abfällen sortiert wird und somit als Wertstoffe wieder in den Wertstoffkreislauf zurückgelangen kann. Hierfür arbeiten wir mit verschiedenen Anbietern sowie Sortier- und Entsorgungsanlagen zusammen.

Also finden sich keinerlei Plastikrückstände im Boden oder in den umliegenden Gewässern, die dort zu Belastungen führen könnten?

Barendregt: Für die Abfallentsorgung auf dem Hurricane-Festival engagieren wir seit Jahren einen zertifizierten Entsorgungsfachbetrieb, der die Geländeflächen stets pünktlich und vollumfänglich reinigt. Dies geschieht in mehreren Durchgängen, zuletzt mit einer Hundertschaft an Reinigungspersonal, die händisch jeden einzelnen Kronkorken oder Ähnliches aus den Wiesen sammelt.

Meyer: Gewässer sind nach unserer Wahrnehmung inzwischen gar nicht oder sehr wenig betroffen. Nach meiner Wahrnehmung ist Herr Barendregt ernsthaft bemüht, das Gelände möglichst sauber zu hinterlassen, und ich gehe davon aus, dass auch die Genehmigungsbehörden aus Rotenburg und Scheeßel darauf ein Auge haben. Manches ist aber, wie Herr Barendregt schon sagte, auch erst im Herbst zu sehen, wenn die Büsche ihr Laub verloren haben.

Mit der Aktion „Grün rockt“ appelliert der Veranstalter an die Vernunft der Besucher. Sie sollen kein Glas auf den Zeltplätzen mitführen, sollen selbst ihre vollen Müllsäcke an den Recycling-Stationen abgeben, ihre Vorräte abspecken und Zelte wieder mit nach Hause nehmen. Glaubt der Veranstalter ernsthaft, dass dieser Appell Früchte trägt?

Barendregt: Wir glauben, dass es eine Vielzahl an jungen Gästen gibt, die durchaus auch auf einem Festival wie dem Hurricane Themen wie Müllentsorgung und ein achtsames Umgehen mit der Umwelt ernstnehmen. All denen, die dies an diesem Wochenende nicht ganz so wichtig finden, helfen wir ein wenig mit beispielsweise unserer Müllpfandauflage auf die Sprünge. Unserer Ansicht nach hat diese Maßnahme durchaus einen recht wirkungsvollen Effekt. An all diejenigen, die sich diesem Thema nicht annehmen wollen, das heißt, ihre Abfälle einfach liegenlassen und nicht entsorgen, können wir nur den Appell aussprechen, dies zu ändern und ihnen dabei durch verschiedene Angebote zusätzlich entgegenkommen. Insgesamt versuchen wir, zusätzlich positiven Einfluss zu nehmen, jedoch ohne den mahnenden Zeigefinger: Durch Gewinnspiele und andere Mitmachaktionen versuchen wir den Gast zu animieren, unsere „Grün-Rockt“-Themen zu beachten und hierbei mitzuwirken.

Bis vor zwei Jahren waren noch freiwillige Helfer, die sogenannten Lotsen, während des Festivals im Einsatz, die sich nicht nur, aber eben auch um das Einsammeln von Müll und Glas kümmerten. Warum hat der Veranstalter dieses Projekt auf Eis gelegt?

Barendregt: Das Sammeln von Müll und vor allem das Verarbeiten von Müll in den Recyclingstationen hat sich leider an mancher Stellen als gefährlich dargestellt – zum Beispiel das Handling von Glas und Metall. Darum haben wir davon Abstand genommen. Es war für die Außendarstellung ein tolles Projekt, aber seitdem wir riesige Mengen Müll durch die Sortieranlage jagen, ist die Quote des recyclingfähigen Materials viel höher geworden und dies ist somit ein Gewinn für die Umwelt.

Kommen wir vom reinen Müll-Aspekt auf ein anderes Thema zu sprechen, dem Mähen der Flächen durch die Landwirte. Offenbar hat man hier immer noch keine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung finden können, oder?

Meyer: Auch in diesem Bereich können wir uns über deutliche Verbesserungen freuen. Nach unseren Beobachtungen haben alle – bis auf einen Landwirt – die vom Veranstalter zur Verfügung gestellten akustischen Wildwarner benutzt. Die Zusammenarbeit mit der Jägerschaft hat auch in den meisten Fällen dazu geführt, dass am Vorabend des Mähens eine aktive Verscheuchung des Wilds durch Mensch und Hund stattgefunden hat. Etliche Landwirte haben statt von außen nach innen zumindest von links nach rechts gemäht oder umgekehrt. Somit hatten eventuell zurückgebliebene Tiere zumindest die Möglichkeit, zur anderen Seite zu fliehen. Hoffen wir, dass die restlichen Landwirte dem guten Beispiel ihrer Kollegen dann wenigstens nächstes Jahr folgen.

Hand aufs Herz, Herr Meyer: Was stört Sie, den Naturschützer, am Festival, trotz aller Versuche, es noch „grüner“ zu machen, am meisten?

Meyer: Die Frage stellt sich nicht. Man wird nicht erfolgreich Naturschutz gegen die Mehrheit der Menschen machen können. Deshalb stellen wir uns nicht gegen das Hurricane und die Besucher, sondern informieren und werben um Rücksicht auf die Natur. Da sind wir – Veranstalter, Behörde, Jäger und Nabu – unterm Strich in den vergangenen Jahren wirklich einen ganzen Schritt vorangekommen. Aber wenn ich mir etwas wünschen dürfte: Alle wissen, dass das Festival selbst bei Einhaltung aller Auflagen zu Belastungen für die Tier- und Pflanzenwelt führt. Wenn jeder Teilnehmer als freiwilligen Ausgleich dafür nur 50 Cent spenden würde, würden Jahr für Jahr 40.000 Euro zusammenkommen. Damit könnte man Maßnahmen finanzieren, die der Natur in der Region etwas zurückgeben.

Das hört sich doch nach einer guten Idee an, oder, Herr Barendregt?

Barendregt: Wir denken mal darüber nach, ob und wie so was in Zukunft möglich sein kann. Einfach Spenden zu sammeln halte ich für die falsche Herangehensweise. Das Publikum will verstehen, wieso es was spenden soll. Die Idee muss dem Gast einleuchten und nachvollziehbar sein. Dann kommen wir dem Wunschziel hoffentlich näher.

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