Hobbyfotograf spürt lokaler und überregionaler Geschichte nach

Der morbide Charme des Verfalls

Behandlungsstuhl
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Ein Behandlungsstuhl in einem verlassenen Gebäude bietet das perfekte Bild für den Fotografen.

Ein bisschen Hilfe beim Ausleuchten, dann wird das Foto von dem verlassenen Behandlungsstuhl in dem etwas unheimlich wirkenden leeren Gebäude perfekt: Der Wahl-Scheeßeler Ralf Siemsglüß ist fasziniert von sogenannten Lost Places und immer auf der Suche nach neuen Motiven.

Scheeßel – Wer beim Friseur an der Großen Straße in Scheeßel in dem schnieken umgestalteten Gehring-Haus, den Blick über die Wände gleiten lässt, entdeckt Erstaunliches. Statt der erwartbaren Werbung für Pflegeprodukte: ein in Staub gehülltes Piano in einem verfallenen Saal, das Wracks eines gestrandeten Schiffs, ein Zahnarztstuhl in einem verlassenen Behandlungszimmer. Entsprungen sind die künstlerischen Fotografien dem Blick und der Kamera des Wahl-Scheeßelers Ralf Siemsglüß.

Dem Kunden von Carsten Gehse war schon vor längerer Zeit die Idee gekommen, die Wände des neu eingerichteten Salons mit den Ergebnissen des 2019 nach längerer Zeit wieder aufgenommen Hobbys zu zieren. Als sich mit dem „Abend der Offenen Tür“ im Juni kurzfristig und viel eher als geplant eine Präsentationsmöglichkeit ergab, war der Maschinenbautechniker erfreut, aber auch unter Zugzwang: „So eine Ausstellung hatte ich ja noch nie gemacht!“

Die gut 20 Fotografien, die seitdem die Wände zieren, ernten durchweg positive Resonanz, zeugen von den Besuchen in bekannteren verlassenen Orten wie der Heilanstalt Beelitz bei Berlin, wo man nur über offizielle Führungen die Lizenz zum Knipsen erhält. Aber auch von anderen, weniger bekannten „Lost Places“, die der 60-Jährige während seiner Streifzüge mit Ehefrau und Hund entdeckt – in der Region dabei vorzugsweise mit dem Fahrrad, im Urlaub gern zu Fuß: ein verlassener Schafstall, eine ehemalige Pulverfabrik oder der der Tante-Emma-Laden in Helvesiek, kurz bevor der Bagger kam.

Eine verlassene Treppe, ein Haus, das schon lange leer steht: Es sind Ort wie dieser, die den Hobbyfotografen Ralf Siemsglüß magisch anziehen.

Rund 30 Prozent seiner Bilder entstehen geplant, „der Rest ist Zufall“. Oft drängen sich dem Leiter der Forschungswerkstätten Maschinenbau und Elektrotechnik an der TU Harburg die Motive geradezu auf: das überwucherte Dreirad am Wegesrand oder das Schlauchboot auf einem spanischen Marktplatz.

Wo andere weitergehen, bleibt Siemsglüß stehen – oft zum Leidwesen seiner Frau, die sich schon daran gewöhnt hat, dass ihr Mann beim Wandern einfach mal für einige Zeit verschwunden ist. „Glück“, nennt dieser das Finden von Motiven – vielleicht ist es aber auch der genaue Blick, der sich – jenseits des Studiums von Fotoratgebern und Youtube-Tutorials – eher in der Praxis ergibt.

Für manche Motive wie dieses verlassene Herrenhaus braucht der Fotograf Glück.

Schützenhilfe erhielt der Wahl-Scheeßeler von Bekannten. Ein gelernter TV-Beleuchter gibt Impulse für richtige Lichtsetzung; den Sinn für Linienführung und Symmetrie bringt der Techniker von Haus aus mit. Zahlreiche seiner Bilder haben Preise gewonnen – in zwei Jahren wurden seine Beiträge bereits viermal von der Rotenburger Rundschau zum „Bild des Monats“ gekürt. Die dort gesetzten Mottos motivieren ihn zum Nachdenken: „Wie könnte man das Thema umsetzen?“

Was die Faszination seiner Leidenschaft ausmacht, für die er schon mal stundenlang auf Google Earth recherchiert oder bei einem Geistesblitz für die Bildbearbeitung plötzlich für Stunden in seinem Arbeitszimmer verschwindet? Die Antwort ist so kurz wie überzeugend: „Abschalten, man vergisst einfach alles drumrum.“ Dabei geht es ihm nicht um Dokumentaraufnahmen, „eher um Fotokunst“.

„Ein wenig mulmig ist einem manchmal schon zumute“, meint Ralf Siemsglüß.

Als die Schleesselmann-Werkstatt im Kernort ausgeräumt wurde, fragte er, ob er vorher einen Schlüssel bekommen könnte. Er konnte – ein Traum: „Einen ganzen Nachmittag ganz allein vor Ort, und das auch noch völlig legal“, sagt der Inhaber des Instagram-Accounts „verarmter_landadel“ schmunzelnd. Um Legalität ist der Hobbyfotograf stets bemüht, auch wenn das nicht immer möglich ist; doch selbst wenn alles seine Ordnung habe – „ein wenig mulmig ist einem manchmal schon zumute.“

Momentan kommt der aus Dorfmark Zugezogene etwa ein bis zweimal im Monat dazu, mit der Kamera loszuziehen, wobei ihm neben dem morbiden Charme des Verfalls auch Motive aus der Natur faszinieren. Auf die Frage nach seinem Traumziel muss er nicht lange überlegen: „Alte Villen in Belgien oder Italien“, meint er nach dem Studium entsprechender Bildbände, „natürlich gern verfallen!“

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