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Himmlischer Hingucker

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Von: Ulla Heyne

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Beim Aufbau des Himmelsstürmers ist Teamgeist gefragt.
Beim Aufbau des von den Brüdern Mongolfier erfundenen Himmelsstürmers ist Teamgeist gefragt. © Ulla Heyne

Pastor Wilhelm Röhrs feiert 85. Geburtstag im Heißluftballon seines Sohnes. Der ist ein international gefragter Ballonfahrer.

Scheeßel – Eine Ballonfahrt über den Heimatort – diesen Wunsch hegen wohl viele. Die Einlösung dieses ebenso beliebten wie besonderen Geburtstagsgeschenks ist bei Wilhelm Röhrs indes kurioser, als es zunächst den Anschein hat, denn: Der 85-Jährige ging nicht zum ersten Mal in die Luft. Kutschiert wird er stets von seinem Sohn – einem international gefragten Heißluftballonpiloten, der sich selbst und anderen „himmlische Endorphine“ beschert.

Bereits zum vierten Mal ging der Pastor im Ruhestand unlängst am Vortag seines 85. Geburtstags mit seinem Sohn in die Luft, allerdings das erste Mal direkt über Scheeßel. „Jede Fahrt ist anders“, weiß Sohn Hinnerk – und das selbst nach mehr als 500 Starts mit dem Heißluftballon und rund 700 Betriebsstunden. Was ursprünglich „nur“ als Hobby geplant war, ist längst mehr geworden. Eine Leidenschaft, an der der 55-Jährige andere gern teilhaben lässt, nimmt er doch regelmäßig Gäste mit, darunter sogar Fallschirmspringer.

Pilotenschein statt junger Freundin

Erst vor zehn Jahren entdeckte der Werbefachmann das luftige Lebensgefühl für sich. Das sei in einer Phase der Neuorientierung gewesen: „Andere legen sich einen Porsche zu, eine junge Freundin oder spielen Golf“, scherzt der Werbefachmann. Bei ihm waren es ein Pilotenschein und der erste eigene Heißluftballon, gebraucht erstanden. Es sollte nicht bei einem bleiben: fünf Stück sind es inzwischen im heimischen Celle, darunter gefragte Sonderformen wie ein übergroßes Sparschwein einer Bank oder „Anton“, ein XXL-Zimmermann, gesponsert von einer lokalen Zimmerei. Sorgen die „Sympathieträger am Himmel“, wie Röhrs sie gern nennt, schon in der „Grundform“ für Staunen und glückliche Gesichter, so entpuppen sich die in Tschechien genähten Motivballone als echte Hingucker. Dass der Wahl-Celler Sponsoren fand, um sie in die Luft zu bringen, hat er sicherlich auch seiner Präsenz in mehreren hundert Metern Höhe zu verdanken.

Vier Gasflaschen an Bord sorgen für heiße Luft, damit der Ballon nicht vorzeitig sinkt.
Vier Gasflaschen an Bord sorgen für heiße Luft, damit der Ballon nicht vorzeitig sinkt. © Heyne

Gut vernetzt in der zumindest deutschlandweit eher überschaubaren Szene (schätzungsweise 1 200 Ballone sind angemeldet), wird der Familienvater des Öfteren zu internationalen Ballonfestivals eingeladen. Unter anderem in die Schweiz, nach Neuseeland oder ins ägyptische Tal der Könige. Auch international sind die Gute-Laune-Motive „mit Freundlichkeitsfaktor“ eben gefragt. Natürlich stelle sich ihm bei Einladungen in Länder wie etwa Saudi-Arabien die Frage, was man bereit sei zu tolerieren. „Da muss jeder für sich seine Grenze ziehen, überlegen: ‚Was ist mir die Erfahrung wert?‘“ Andererseits gelte es auch, die westlichen Moralvorstellungen zu hinterfragen. Klar ist für ihn eins: „In einem Land wie Russland würde ich aktuell zum Beispiel nicht fahren.“

Wer bei den Trips in aller Welt allerdings an reines Vergnügen denkt, unterschätzt die Herausforderungen – vom Wetter über die technischen Checks (alle 100 Betriebsstunden ist ein Tüv fällig) bis hin zu Landeverbotszonen und bei Festivals auch anderen Ballons, die schon mal über oder unter einem fahren können, sei einiges zu bedenken. „Da braucht man schon ein paar Fahrten, bis man die Landschaft in sich aufnehmen kann und ein Gespür fürs Land kriegt, und bevor man das realisiert, ist man meist schon wieder weg.“ Auch deshalb stehen Südafrika und Neuseeland erneut auf der Wunschliste.

Am besagten Tag jedoch bewegen sich Vater, Sohn und Schwiegersohn, der heute seine erste Fahrt absolviert, nach dem Start hinter dem Jeersdorfer Gehölz in gewohnten Gefilden. „Guck mal, die Eichenschule“, „die Fischteiche da, die hab ich selbst mit gegraben“ – die Kindheit in Scheeßel, sie gleitet mit sechs Knoten vorbei. Das bekannte Terrain, es hat für den Weltenbummler neben unbekannten Ländern und neuen Abenteuern einen ganz eigenen Reiz.

Wilhelm Röhrs (l.) und sein Sohn Hinnerk.
Ein gutes Team auch in luftiger Höhe über Westervesede: Wilhelm Röhrs (l.) und sein Sohn Hinnerk. © Ulla Heyne

Auch in Celle versucht er, so oft wie möglich in die Luft zu gehen – wenn Zeit und Wetter es zulassen, auch zwei Starts am Tag. Morgens und abends, wenn die Thermik dem 26 Meter hohen Turm aus Polyestergewebe und warmer, vom Gasbrenner befeuerter Luft, nicht in die Quere kommt. Doch bevor der nur wenig mehr als einen Quadratmeter große und rund 100 Kilo schwere (inklusive der vier Gasflaschen sind es fast doppelt so viel) Korb abheben kann, gilt es aufzubauen und allerlei Checks zu absolvieren. Auch wenn es dem äußerlich relaxten Mann im Sweatshirt mit Firmenlogo, der den Mitfahrern ruhig, aber deutlich Anweisungen gibt, nicht anzumerken ist: Ballonfahren ist höchste Konzentration. Nicht umsonst umfasst die Pilotenausbildung, die Röhrs in rund zwei Jahren absolvierte, neben Technik, Wetterkunde und Luftrecht auch einen Funkschein und notfallmedizinische Kenntnisse.

Zu seinen persönlichen Höhepunkten gehören neben Fahrten in den Alpen sicherlich auch die Überquerung des Ärmelkanals – ein Rekord mit mehr als 80 Piloten. Den absolvierte er mit Tochter Hanna, mit 25 Jahren „infiziert“ und seit zwei Jahren selbst Pilotin mit mittlerweile 70 Fahrten im Logbuch. Das Wort Flug ist in der Szene tabu. Das muss auch der Schwiegersohn erfahren, als er nach der Landung nach knapp zwei Stunden auf einer Wiese kurz vor Lünzen feierlich mit erst angebrannten, dann mit Schampus gelöschten Haaren in den Adelsstand erhoben wird. „Ballonpiloten halten die Traditionen hoch“, erklärt Röhrs. „Die meisten Gäste machen so eine Fahrt einmal in ihrem Leben.“

26 Meter hoch ist der Ballon
26 Meter hoch ist der Ballon, der hinter dem Jeersdorfer Gehölz seine Fahrt beginnt. © Ulla Heyne

Damit diese unvergesslich wird, soll auch das Drumherum stimmen. Auch bei dieser Fahrt werden Glückshormone freigesetzt, wie das Grinsen aller verrät – nicht nur beim Geburtstagskind und den Gratulanten in der Luft, sondern auch den Passanten am Boden, über die der sanfte Gigant hinweggeschwebt ist. Hinnerk Röhrs’ Partnerin Heike, die den Ballon als „Verfolgerin“ mit Anhänger auf vier Rädern dank GPS begleitet hat, kennt das schon: Viele winken und rufen nach oben oder schnappen ihre Räder, um eine Zeit lang zu folgen.

„Einige, die heute den Start mit verfolgt haben, haben sich sogar bei mir bedankt“, berichtet sie. Das kleine Stück himmlischen Glücks: Nicht nur für den Jubilar ist es eine Erinnerung fürs Leben.  hey

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