Wie die Henne im Korb

Martina Viets führt in Scheeßel einen Heizung- und Sanitärfachbetrieb

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Von wegen Männerdomäne: Seit Angang der 2000er-Jahre führt Martina Viets als Unternehmerin im Handwerk einen Heizung- und Sanitärfachbetrieb in Scheeßel.

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Dass sie in einer echten Männerdomäne arbeite, falle ihr gar nicht mehr auf. „Mir nicht, aber den anderen“, sagt Martina Viets. Seit 2001 steht die heute 51-Jährige an der Spitze des Heizung- und Sanitärfachbetriebs Hermann Viets am Scheeßeler Küsterkampweg. Die alleinerziehende Mutter führt in zweiter Generation den Familienbetrieb mit insgesamt 24 Mitarbeitern – alles Männer.

Martina Viets sitzt an ihrem Schreibtisch im ersten Stock. Seit sieben Uhr in der Früh ist sie in der Firma – wie an jedem Tag. Von ihrem Haus, in dem sie mit dem 15-jährigen Sohn zusammenlebt, sind es nur wenige Meter. Vor ihr ausgebreitet liegen mehrere dicke Papierstapel. „Alles fertige Baustellen, die ich wegheften kann“, sagt sie und nimmt erst mal einen kräftigen Schluck Kaffee. Über mangelnde Arbeit kann sich die Chefin, die so viel von flachen Hierarchien hält, wahrlich nicht beschweren. Denn auch ihre Branche, die des Anlagenmechanikers für Heizung und Sanitär, boomt. Dennoch, betont Viets, sei es ihr wichtig, selbst in Zeiten übervoller Auftragsbücher das Leistbare nicht überzustrapazieren. Sprich: „Ich möchte, dass meine Leute am Abend pünktlich bei ihren Familien zuhause sind.“

Sie selbst sitzt dann noch eine ganze Weile länger im Büro, kümmert sich um die Erstellung von Angeboten, schreibt Rechnungen oder erledigt die vorbereitende Buchhaltung. Eben all das, was vom Tage noch übrig geblieben ist. Auch bei Personalangelegenheiten hat die begeisterte Motorradfahrerin – beim MSC Eichenring ist sie die Schatzmeisterin – das Sagen. „Erst kürzlich hat ein junger Mann seinen Ausbildungsvertrag bei uns unterschrieben“, sagt sie freudestrahlend. Lehrlinge beschäftigt Viets derzeit fünf im Unternehmen. Und Meister – stolze vier an der Zahl.

Zahnärztin oder Fotografin

Die 51-Jährige ist die sprichwörtliche Henne im Korb – die Frau für das Kaufmännische sozusagen. Den oft mit harter körperlicher Arbeit einhergehenden Dienst beim Kunden, wie der Einbau eines Heizkörpers, überlässt sie lieber den männlichen Kollegen. „Solche Sachen haben ja auch ein Gewicht und müssen erst mal von A nach B bewegt werden“, meint die Scheeßelerin. Genau darin sieht sie auch die Ursache, wieso es in ihrem Gewerk quasi keine einzige Frau gibt – ganz anders, als beispielsweise bei den Malern, Tischlern und Elektrikern. „Ich jedenfalls habe in all den Jahren hier noch keine Bewerberin gehabt.“

Dass sie einmal das von ihrem Vater Hermann Anfang der 1960er-Jahre gegründete mittelständische Unternehmen übernimmt, war ursprünglich nicht vorgesehen. Doch wie bei so vielen Frauen, die in verantwortungsvoller Position im Handwerk tätig sind, spielte das Schicksal eine Rolle. „Als junge Frau wollte ich ja lieber Zahnärztin oder Fotografin werden“, erzählt sie.

Der Laden läuft

Nach dem Abitur an der Eichenschule und einem einjährigen Besuch an der Handelsschule entschied sie sich zunächst aber für eine Lehre zur Bankkauffrau bei der Sparkasse – auch, ergänzt sie, weil der inzwischen verstorbene Vater damals zu ihr gesagt habe: „Mach du erst mal eine kaufmännische Ausbildung und dann mach, was du willst!“

Martina Viets machte. Das angestrebte Betriebswirtschafsstudium – für den Bereich Gebäudetechnik fehlte ihr als Voraussetzung die praktische Ausbildung –, es lässt bis heute auf sich warten. Stattdessen sei sie nach der eigentlich nur als vorübergehend geplanten Zeit bis zum Studium, in der sie mit Büroarbeiten betraut worden war, im väterlichen Betrieb „hängen geblieben“, wie sie es formuliert. „Dass man in diesem Job nebenbei auch kreativ sein kann, hat mir entgegen meinen Erwartungen unheimlich viel Spaß gemacht.“ Viets schätzt die Abwechslung und die Verantwortung bei ihrer Arbeit. Das Kaufmännische liege ihr einfach im Blut, sagt sie. „Das sieht man auch an unseren Zahlen – der Laden läuft, und nicht erst seit der aktuellen Hochkonjunkturphase.“

Spagat zwischen Familie und Beruf

Dabei habe manch einer aus ihrem Umfeld anfangs noch Bedenken gehabt, ob sie als neue Frau an der Firmenspitze den wirtschaftlichen Erfolg halten könne. „Aber das hat man mir zum Glück nicht gesagt.“ Andere befürchteten, dass sie im Falle einer Familiengründung für den Betrieb ausfiele. Sie aber blieb dem Unternehmen treu – meistert den Spagat zwischen Familie und Beruf jeden Tag aufs Neue.

Heute ist Thomas, der Sohn, im Teenageralter. Ob er einmal die Firma übernehmen wird? Martina Viets zuckt mit den Achseln. Klar, Interesse habe er an dem Handwerk schon, sagt sie. „Aber“, und da wolle sie es genauso wie ihr Vater halten, „zwingen werde ich ihn sicherlich nicht.“

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