Scheeßelerin Laura Heuer lebt und arbeitet drei Jahre in Island und Neuseeland

Heimweh nach der fernen Heimat

Auch im Ausland nutzt die Hobbyreiterin die freie Zeit auf dem Rücken der Pferde.
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Auch im Ausland nutzt die Hobbyreiterin die freie Zeit auf dem Rücken der Pferde.

Scheeßel – Wenn Laura Heuer sagt: „Ich hatte Heimweh nach Neuseeland“, klingt das erstmal seltsam. Das Heimweh nach Neuseeland ist gestillt – nach drei Jahren mit nur kurzen Unterbrechungen auf Achse, ist die 21-Jährige kurz vor Weihnachten ins heimische Scheeßel zurückgekehrt. „Noch etwas länger, und ich hätte den Absprung nicht mehr geschafft und wäre dort geblieben“. Klingt komisch – um die Reise der ehemaligen Eichenschülerin, geografisch wie emotional nachzuvollziehen, muss man die Zeit zurückspulen.

Es ist 2017, das Abi ist gebaut, das „Gap Year“, wie die einjährige Auszeit vieler Schulabsolventen auf neudeutsch heißt, geplant. Je drei Monate in Island, Neuseeland, Südafrika und Montana (USA), immer als „Woofer“. Das heißt: Arbeit gegen Kost, Logis und Taschengeld, vorzugsweise in dem Bereich, in dem sich die Hobbyreiterin auskennt und wohlfühlt – bei der Arbeit mit Pferden.

Island ist für die Abiturientin, das Cello im Gepäck, ein Traum: Auf einer einsamen Farm inmitten der Natur Heu machen, Pferde trainieren, Schafe zusammentreiben. Als sie von dort aus nach Neuseeland kommt, weiß sie noch am ersten Abend auf dem Gestüt, dass sie keinen Tag länger bleiben will: „Ich habe mich dort einfach nicht willkommen gefühlt.“ Über eine Internet-Plattform findet sie in der „Last Minute“-Sektion eine Milchviehfarm. Das Leben in der Farmersfamilie soll sich als echter Glücksgriff erweisen. 550 Milchkühe, fünf Kinder, zwei Farmen – viel Arbeit, aber auch viel Gelegenheit, sich zu fordern. Im Sommer bedeutet das statt acht auch mal elf oder zwölf Stunden Arbeit. Um 4 Uhr aufstehen, melken, Mofas aus dem Matsch ziehen, Kälber tragen.

Heuer hat ihren Platz gefunden, spielt in New Plymouth, einer Kleinstadt mit 45 000 Einwohnern auf der Nordinsel am Fuße eines Vulkans, im Sinfonieorchester und einem Barockensemble. Aus drei Monaten wird ein Jahr.

Dies alles wird sie vermissen, als sie im Januar 2019 in Südafrika, ihrer dritten Station, ankommt. Dabei sind die Arbeitsbedingungen auch hier paradiesisch: Die Gästefarm auf der sie unterkommt und sich um die Nutztiere kümmert, wird von einer Tiernärrin wie ihr geleitet. Giraffen füttern, Zebras vom Schlafzimmerfenster aus beobachten – wer kann das schon von sich sagen? Doch bald regt sich die Sehnsucht nach Neuseeland.

Zunächst jedoch geht es aus persönlichen Gründen zurück nach Deutschland, dann heißt es Warten, bis der Antrag auf ein Arbeitsvisum für Neuseeland genehmigt wird. „Im Nachhinein war es ein Fehler, zurückzukommen“, muss die junge Frau feststellen. Die Freunde aus der Schulzeit sind mittlerweile fast alle im Studium, nur sie hat nicht viel zu tun, während sie auf ihr Visum wartet. „Ich fühlte mich einfach fehl am Platz.“ Nicht alle ihrer Freunde können ihren Weg nachvollziehen. „Ist es allmählich nicht mal genug mit Urlaub?“, so der latente Vorwurf. „Dabei war das dort doch ein echter Knochenjob, Urlaub habe ich mir in eineinhalb Jahren nur fünf Tage genommen.“

Doch die Kluft zwischen der Weltenbummlerin und den Daheimgebliebenen ist groß, mindestens ebenso groß wie die zwischen ihren geposteten Instagram-Fotos von weißen Stränden, türkisblauem Wasser und dem Glück auf dem Rücken der Pferde. Der Arbeitsalltag sieht allerdings anders aus, auch nach ihrer Rückkehr nach Taranaki, wo auf „ihrer“ Farm in den vier Monaten seit ihrer Abreise „alles drunter und drüber ging“. Die latenten Vorwürfe findet Heuer, die dort bei ihrem zweiten Aufenthalt in Festanstellung arbeitet und erfolgreich eine Ausbildung zum „Herd Manager“ absolviert, unfair. Es verletzt sie, verurteilt zu werden: „Kritisieren ist OK, Verurteilen nicht.“ Zwischendurch spielt sie auch mit dem Gedanken des endgültigen Auswanderns. „Irgendwie war mir aber immer klar, dass ich zurückkommen möchte zu meiner Familie und meine Kinder später in Deutschland aufwachsen sollen.“ Heimweh nach ihrer Familie in Scheeßel hat sie indes nicht. „So komisch das klingt: In meinem Herzen hatte ich meine Mutter immer dabei.“

Bis die Zeit für die Rückkehr reif ist, erlebt Heuer in Neuseeland die Corona-Pandemie und ab Ende März den ersten Lockdown. „Das war viel strenger als in Deutschland: Passierscheine zum Einkaufengehen gab es nur für ein Familienmitglied, die anderen durften das Haus nicht verlassen.“ Beim Futterkauf für die Rinder fährt sie durch leere Ortschaften. Nach vier Wochen wird die häusliche Blase auf einen weiteren Haushalt erweitert, den man treffen darf. „Nur eine Maskenpflicht hatten wir nie, die gab es nur in der Metropole Auckland.“ Das Konzert, das sie mit dem dortigen Barockorchester spielt, ist nicht nur das einzige in diesem Jahr, sondern auch ihr letztes dort.

So schwer der Abschied beiden Seiten fällt, besonders den Kindern der Gastfamilie, weiß Heuer doch, dass die Zeit gekommen ist. „Auch dort wäre es an der Zeit gewesen auszuziehen und sich etwas eigenes zu suchen.“ Nach Hause zu kommen ist für die hochgewachsene junge Frau, durch die körperliche Arbeit gestählt, ein komisches Gefühl: „Die meisten meiner Mitschüler schreiben gerade ihre Bachelorarbeit“. Sie selbst muss noch auf ihren Studienplatz in der Tiermedizin warten, weil der Start erst im Herbst möglich ist.

Viel Zeit zum Müßiggang bleibt jedoch nicht, denn sie hat schon das nächste Projekt in der Pipeline: Noch in Island hatte sie bei ihrem Arbeitgeber („Der war wahnsinnig beschlagen im Wissen über Pferde und hat mir in der kurzen Zeit unglaublich viel beigebracht“) einen Bildband über ein Multi-Day-Derby hoch zu Ross gesehen. Ursprünglich ging die Strecke durch die Mongolei, nun als neue Herausforderung für zehn Tage nur mit Pferd, GPS, Zelt und dem Glauben an die eigenen Survival-Kompetenzen durch Argentinien. „Das Selbstvertrauen in meine Fitness, um mich dort zu bewerben, habe ich durch die Farmarbeit“, meint Heuer. Im Telefoninterview setzt sie sich gegen hunderte internationale Bewerber durch – und gehört zu den 40 Teilnehmern, die im März mit Sattel, Zelt und dann eingelaufenen Reitstiefeln an den Start gehen.

Jetzt gilt es, sich fit zu halten, vielleicht ein wenig Spanisch zu lernen, bis es – so Corona es will – mit Reitstiefeln, Steigbügeln und Zelt im Gepäck nach Argentinien losgeht. Auch ein Outdoor-Training hat sie sich selbst verordnet: „Sobald das bestellte Zelt da ist, schlafe ich im Garten.“

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