Heimatfestival mit Besucherrekord

Ein Konfettiregen für die fleißigen Spender.

Was ist eigentlich Heimat? Diese Frage, in Scheeßel in jüngster Zeit immer wieder aufgeworfen, wurde gestern von 1 200 Fans mit „Musik!“ beantwortet. In der sechsten Auflage hat sich das Heimatfestival längst nicht nur in Nah, sondern auch in Fern als gute Adresse für ein kleines, aber ziemlich feines Festival herumgesprochen.

„Heimat ist nichts für Lokalpatrioten“ und sei schon gar nicht regional zu verstehen, meint Liedfett-Sänger Daniel Michel am Ende eines fulminanten Tages mit sage und schreibe 16 Bands und Solo-Künstlern. Nun ist das mit der Regionalität, die sich die ehrenamtlichen Organisatoren beim Start 2014 auf die Fahnen geschrieben hatten, so eine Sache – außer Thorsten Finner, mit Jochen Kaiser der seinen Bühnenabschied mit „Finner“ bis zum Erscheinen eines neuen Albums bekannt gab, kam in diesem Jahr keiner der Künstler aus dem Landkreis. Gleichwohl gibt es zahlreiche lokale Bezüge, wie etwa bei der Band Bukow, die sich bei einem der legendären Söhlinger Erntefeste All Over aus einer Cola-Korn-Laune heraus gegründet hatte.

Die geografischen Kreise größer zu ziehen, etwa bis nach Hamburg oder Kiel (oder sogar Kanada), hat durchaus seine Vorteile: So bot das Line-Up auch dank der Kontakte von Booker Florian Hastedt eine feine Mischung von Auftritten auf hohem musikalischen Niveau und Professionalität der Bühnenshows. Und das so vielfältig, dass sich eine (zwangsläufig unvollständige) Aufzählung fast verbietet. Misst man die Höhepunkte an der Zahl der Tanzwilligen vor der Bühne, so setzte die Tequila & the Sunrise Gang aus Kiel mit Ska-Punk und zwei Bläsern, die Laune machten, einen ersten Glanzpunkt. Das gefiel auch Rachel Fischer aus Bremerhaven und Jamie Lee Dammann aus Zeven, beide zum ersten Mal als Besucher dabei. Sie befanden: „Ein schönes Festival, um in die Saison zu starten.“

Selbiges hatte auch einige Heimkehrer in die Heimat gezogen. Sabrina Hastedt hat ihren „Heimaturlaub“ aus den USA eigens auf diesen Termin gelegt, um Bruder und Eltern zu überraschen. Ihre amerikanische Freundin Clara Mueller aus Cleveland (Ohio), die seit drei Monaten in Frankfurt studiert, ist völlig angetan: „Dass so viele Leute das ehrenamtlich stemmen und so etwas Großes aufziehen, einfach weil sie Lust darauf haben – unvorstellbar, und fast wie der ‚American Dream‘!“, findet die 20-Jährige. Die zwölfjährige Anna Holsten, zum vierten Mal dabei, wie sich anhand des auf den Pulli aufgenähten Patchworks aus Festivalbändchen schließen lässt, gefällt die neue zweite Bühne. „Eine schöne Abwechslung“, meint die Schülerin, die wie viele zwischen der Hauptbühne und dem ebenerdigen „Wohnzimmer“ mit Zeltdach und stylischem Retro-Wohnwagen pendelt.

Die Künstler dort sind nicht minder hörenswert. Mit Harbour Violet, die tapfer nur mit Gitarre gegen die ersten Wumms-Töne von Matula ansingt, Finner und Provinz finden sich echte akustische Perlen im Programm. Später kalauert der Flotte Totte, der mit Anarcho-Liedern und spontanen Reimen sein ganz eigenes Publikum versammelt hat, zu den auf dem Wohnzimmerteppich geschlagenen Purzelbäumen.

Die Palettenmöbel und Reifensitze dort oder der Konfettiregen für diejenigen Gäste, die eine Spende ins Sparschwein für die Jugendmannschaft des Vereins Rot-Weiß Scheeßel steckten (und der im Gegenzug einige Abbauhelfer am Tag danach stellte) oder Kicker und Plattenspieler im Backstagebereich – die Liebe zum Detail spürten auch die Besucher. „Was für eine geile Location“, befindet Mariam Rossol. Der Sänger der Bremer Durchstarter Anne.für.sich könnte sich durchaus für einen Gig hier erwärmen: „Wir hätten Bock drauf, hier auch mal abzureißen!“

Das tun denn auch The Real McKenzies – die Kanadier mit Schottenröcken und Dudelsack, die ihren Keltenpunk in rasantem Tempo und mit viel Spielfreude ins Publikum schleudern. Etwas an dieser Präsenz und Rotzigkeit fehlt ausgerechnet Headliner Liedfett, der nicht ganz an seinen Abriss der Erstauflage anknüpfen kann. Liegt es an der zickenden Technik oder an den inzwischen einstelligen Temperaturen?

Zufriedene Gesichter sieht man um halb zwei in der Nacht trotzdem, und das zu Recht. Ein friedliches Festival, bei dem die Musik im Vordergrund stand, geht zu Ende, und das ohne Aufreger – im Positiven wie Negativen: zwar keine denkwürdigen Sprünge ins Publikum, aber auch keine Regenmassen, kaum Alkoholexzesse und wenig Verletzungen. Die Bilanz von Michael Lars Krämer vom DRK: zwei Pflaster, eine Rückenbehandlung nach einem Moshpit. Das Fazit eines zufriedenen Mitorganisators Florian Hastedt: „Auch wenn ich das jedes Jahr sage: Das war bis jetzt unsere beste Auflage!“

Fotos auf

www.kreiszeitung.de

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