Harmonie im inneren Universum

Rathausgalerie eröffnet erste Ausstellung zweier Geflüchteter

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Maler aus Leidenschaft: Moaiad Suleiman (Mitte) gibt Corinna Barkholdt und Franz Wenzel von der Flüchtlingshilfe Scheeßel eine Einführung in seine hochkomplexen Denk- und Malprozesse.

Scheeßel - Eine „durch und durch ungewöhnliche“ Ausstellung durfte Rathaus-Chefin Käthe Dittmer-Scheele eröffnen. Eine bunte Mischung von Einheimischen und Menschen unterschiedlicher Herkunft und Sprachen aller Länder, mehr als 50 an der Zahl, hatte sich im Foyer des Rathauses versammelt, um die Doppelausstellung von Marzieh Mohammad-Pours und Moaiad Suleiman zu begehen. Der Sudanese und die Iranerin sind beide als Flüchtlinge vor rund zwei Jahren nach Deutschland gekommen. Auf Vermittlung der Flüchtlingshilfe Scheeßel kam der Kontakt zur Gemeinde zustande.

Es sei wichtig, Einblicke in die Lebenswelten der Geflüchteten jenseits der vordringlichen Belange zu bekommen, so Corinna Barkholdt vom Vorstand. „Schön, dass die Werke, die in der internationalen Bildsprache ausgedrückt, hier einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert werden können.“ Nicht umsonst lautet deren Titel „Euphoria und Träume vom kleinen Glück“. Es sind Bilder, die Hoffnung und Zuversicht ausstrahlen – trotz allem.

Unterschiedliche Malstile

Ganz unterschiedlich die Malstile der beiden Hobbykünstler. Die Iranerin Marzieh Mohammad-Pours geht kleinflächig, detailliert zu Werke, verschachtelt Parabeln aus der Feen, Tiere, Naturwesen, halb Hirsch, halb Baum, zu kleinen Paradiesen. Dabei finden durchaus beide Lebenswelten Eingang in ihre Werke: Neben der feengleichen orientalischen Schönheit hängt in naiver Malerei Schneewittchen mit Zwerg und Apfel in der Hand.

Für die Mutter zweier kleiner Kinder, die seit etwa vier Jahren malt und im Iran eine künstlerische Ausbildung absolviert hat, ist es die erste Ausstellung. Während sie ihre komplexen Bilder einer besseren Welt mitunter in nur einer Stunde fertigstellt, zieht sich der Prozess des Malens bei ihrem Mitstreiter zuweilen über Jahre hin. „Ein Bild ist nie fertig“, erläutert Moaiad Suleiman anhand eines Werkes, an dem er seit zwei Jahren immer wieder Veränderungen vornimmt: „Im Rot spiegelt sich Kants kategorischer Imperativ wieder“, erklärt er den Betrachtern. Einige wenige Landschaften sind Teil seines auf Leinwand gebannten Universums – Norwegen und ein Palmenidyll. Das Herz des Autodidakten, der seit dem Kindesalter malt, brennt jedoch für Abstraktes.

Musikalische Untermalung von Thomas Voß

Wie bei „White Hole“, ein Gegenentwurf zum schwarzen Loch, bei dem die Grundfarben nicht geschluckt, sondern herausgeschleudert werden. Wo eine Zuschauerin Wolken sieht, ein anderer eine Naturlandschaft (was er augenzwinkernd mit „zu viel Fantasie“ kommentiert), stehen für ihn die Farben für Emotionen: Gelb für Neid und Missgunst, Rot für Leidenschaft und Blau für die Menschlichkeit. Die Malerei mache neben dem Lesen über Philosophie und Wissenschaften 90 Prozent seines Lebens aus. Profikünstler will er jedoch nicht werden: „Das, was mir durch den Kopf geht, möchte ich ausdrücken und so den Menschen etwas Neues geben. Das darf nicht zum Beruf werden!“

Unter den Besuchern, die so in die unterschiedlichen inneren Welten der Neubürger mitgenommen werden, sind viele Wegbegleiter der neuen Heimat: ihre Deutschlehrerinnen, andere Kindergarten-Mütter, Nachbarn. Für Wilhelm Röhrs war es keine Frage, an diesem Abend dabei zu sein: „Ich habe Marzieh früher zum Sprachkurs gefahren, später ins Krankenhaus – erst hin und zurück, dann mit Kind“, schmunzelt der pensionierte Pastor, dessen Wohnzimmer eines der Werke der jungen Künstlerin ziert. Für eine stimmige musikalische Untermalung des bunten Gedanken- und Völkeraustauschs sorgte der Scheeßeler Thomas Voß an Mikrofon und Gitarre.

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