Hammerharter Selbstversuch

Besuch in der Meyerhof-Schmiede: Unser Redakteur gibt am Amboss sein Bestes

Hobby-Schmied Jan Parthey (l.) gibt unserem Redakteur Lars Warnecke am Amboss Hilfestellung. Der Neuling hat so seine Schwierigkeiten, aus einem ganz normalen Eisennagel eine kunstvoll gebogene Schlange entstehen zu lassen. - Fotos: Heyne

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Schon von Weitem hört man sie: dumpfe, schwere Schläge, die immer in einem hohen Klingen enden. Mit jedem Schritt in Richtung Hofschmiede werden sie lauter. Es ist ein kalter Abend im Spätnovember. Doch davon bekommt Jan Parthey nichts mit. Bei ihm im Häuschen ist es warm. Und so laut wie in einem Eisenwerk zur Morgenschicht.

„Komm nur herein“, bittet mich der 21-Jährige. Klack. Das Holztor öffnet sich. Dahinter: die Schmiedewerkstatt, eine aus der Zeit gefallene Welt, die zum Staunen einlädt. In der Mitte steht der Amboss, Hämmer und Zangen liegen bereit. Das Herzstück bildet eine Feuerstelle. Fachleute nennen sie Esse, doch für mich als Laien sieht es aus wie ein Kamin. Es riecht nach verbrannter Kohle. Im Moment schwelt das Feuer, kleine Rauchwolken steigen auf. Mit einem Handgriff steuert Parthey die Windzufuhr. Innerhalb von Sekunden lodern die Flammen. „Es braucht so um die 1.200 Grad, damit das Metall so weich wird, dass es geschmiedet werden kann“, erzählt er mir. „Dafür brauche ich Steinkohle.“

Der junge Mann, der krankheitsbedingt seine Metallbauerlehre abbrechen musste und nach seiner Genesung nun versucht, beruflich wieder Fuß zu fassen, arbeitet ausschließlich mit historischen Techniken, die seinen Worten nach nicht nur logisches Denken, sondern auch Geschicklichkeit und, klar, keine Angst vor dem Feuer voraussetzen würden. Hier, auf dem Meyerhof, gibt der gebürtige Rotenburger sein Wissen um das alte Schmiedehandwerk an die Museumsbesucher weiter – Know-how, das er sich in der großväterlichen Schmiede und über Youtube angeeignet hat. Ob er in seinem sicher doch ebenfalls jungen Freundeskreis nicht manchmal für seine Leidenschaft belächelt werde, will ich wissen. „Nein, wir sind alle große Mittelalter-Fans – das passt schon.“

„Den richtigen Moment erkennen“

Einst, sagt er, gehörte das Herstellen von Werkzeugen zu den wesentlichen Arbeiten dieses Berufes. Außerdem stellte ein Schmied früher etwa Radringe für Pferdegespanne, Zäune, Hufeisen oder Beschläge her. „Teilweise ist das heute noch so.“

Gerade hat Parthey, der in Scheeßel mitunter auch schon mal als „Herr Schmied“ angesprochen wird, einen Dachnagel aus dem Feuer geholt. Den perfekten Moment dafür erkennt er an der Farbe des Stahls: hellgelb mit einem Stich ins Rötliche muss das Stück Metall leuchten. Ist es schon fast weiß, kann es verbrennen, ist es noch rot, ist es nicht flexibel genug. Das ist wohl die größte Kunst in diesem Gewerbe“, sagt er, „den richtigen Moment zu erkennen.“

Der 21-Jährige legt das heiße Metall auf den Amboss. „Nun formst du ihn mit gleichmäßigen Schlägen zu einer kleinen, gebogenen Schlange“, leitet er mich an. Das sei kinderleicht. Also fange ich frohen Mutes an. Aus dem schroffen Stahl etwas weiches, lebendig Wirkendes zu schaffen, das muss doch irgendwie hinzukriegen sein. Den Hammer fest in der Hand, ein paar kurze, kräftige Schläge auf das weißglühende Eisen. Der Amboss erbebt. Funken fliegen. Und schon verformt sich das Metall. Die Schweißperlen stehen mir auf der Stirn. Den Kopf in Form bringen, die Schwanzspitze abschrägen, und am Ende soll das Viech sogar noch Augen bekommen – das erfordert tatsächlich ein hohes Maß Geschicklichkeit. Und Kraft. Jede Menge Kraft. Weil das anfangs noch so wunderbar biegsame Material immer wieder aushärtet, stecke ich den Nagel, der selbst nach einer gewissen Bearbeitungszeit so gar nicht nach einer Schlange aussehen möchte, immer mal wieder ins Feuer zurück. Natürlich nicht mit der Hand, sondern mit einer Zange. Die, stelle ich fest, spielt sowieso eine bedeutende Rolle in diesem Handwerk. Und Hämmer natürlich. In dieser Schmiedewerkstatt gibt es Dutzende verschiedene Formen, Größen und Arten davon.

Plattgetretener Regenwurm

„Siehst du, jetzt hast du doch schon ein schönes Weihnachtsgeschenk für deine Lieben“, versucht mich der Hobby-Schmied nach getaner Arbeit offenbar aufzumuntern. Ich selbst frage mich unterdessen, wer dieses seltsame Etwas, das ich eben noch zum Auskühlen ins Wasser gehalten habe und doch mehr einem plattgetretenen Regenwurm denn einer Schlange ähnelt, überhaupt haben möchte ... Sei es drum. Mein nicht ganz so von Erfolg gekrönter Selbstversuch am Amboss ist zu Ende. Zum Abschied reichen mein Lehrmeister und ich uns die rußverschmierten Hände. Während ich in die Nacht hinausgehe, höre ich sie wieder, die dumpfen, schweren Schläge, die immer in einem hohen Klingen enden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Das Abschlusstraining am Dienstag

Das Abschlusstraining am Dienstag

Auf Schnee folgt Regen - Meteorologen warnen vor Sturmböen

Auf Schnee folgt Regen - Meteorologen warnen vor Sturmböen

Pariser Gipfel will Kampf gegen Klimawandel vorantreiben

Pariser Gipfel will Kampf gegen Klimawandel vorantreiben

Kampf gegen die Buschfeuer in Kalifornien geht weiter

Kampf gegen die Buschfeuer in Kalifornien geht weiter

Meistgelesene Artikel

Erschließung des Hellweger Baugebiets kostet jetzt 700.000 Euro

Erschließung des Hellweger Baugebiets kostet jetzt 700.000 Euro

Ein Hauch von Weihnachten in Rotenburg

Ein Hauch von Weihnachten in Rotenburg

Chor „Northern Spirit“ gibt Adventskonzert im verschneiten Hellwege

Chor „Northern Spirit“ gibt Adventskonzert im verschneiten Hellwege

61-jährige Autofahrerin bei Kollision mit Baum schwer verletzt

61-jährige Autofahrerin bei Kollision mit Baum schwer verletzt

Kommentare