MEIN BUCH UND ICH Wolfgang Rose veröffentlicht biografischen Roman

Geschichten von Vergessenen

Noch ziert das Konterfei der Komponistin seines letzten Buchprojektes den Startbildschirm des Scheeßeler Autoren Wolfgang Rose. 
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Noch ziert das Konterfei der Komponistin seines letzten Buchprojektes den Startbildschirm des Scheeßeler Autoren Wolfgang Rose. Foto: Heyne
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Scheeßel – Wenn Wolfgang Rose seinen Laptop aufklappt, erscheint auf dem Startbildschirm das Schwarzweiß-Foto einer hübschen jungen Dame. Auch, wenn der Pensionär im vergangenen Jahr in Gedanken wohl öfter bei der jungen Komponistin war als bei seiner Gattin, dürfte sich Letztere wohl kaum Gedanken machen. Emilie Mayer, die als wohl einzige deutsche Frau im 19. Jahrhundert Sinfonien komponierte, ist Gegenstand des dritten, gerade druckfrischen Buches des Scheeßeler Autoren.

„Romanhaft gestaltete Biografie“ nennt der Deutsch- und Musiklehrer im Ruhestand das Genre zwischen Dokumentation oder Fiktion, das ihm selbst etwa bei Peter Härtlings „Verdi“ oder „Liebste Fenchel“ über das Leben von Fanny Hensel-Mendelssohn faszinierte. Die 1812 geborene Apothekertochter Mayer war ihm zuerst über ihre Werke im Radio aufgefallen, bei der anschließenden Recherche imponierte ihm auch die Vita der versierten Pianistin und Komponistin, die – für die damalige Zeit außergewöhnlich – sich für Beruf und Karriere statt Ehemann und Familie entschied.

Ihr hat er den kleineren Teil seines dritten Werks gewidmet. Den Löwenanteil nimmt die ebenfalls teils fiktive, aber in sämtlichen historischen Fakten korrekte Biografie von Andreas Romberg ein, ebenfalls ein heute weitgehend vergessener Komponist. Dies zu ändern, ist dem 66-Jährigen ein Anliegen. Zwar gibt es schon eine dicke Abhandlung über den Spross einer Musikerfamilie, doch die sei eher musikwissenschaftlich ausgerichtet und enthalte „mehr Details über seine Partituren als über sein Leben.“ Ebenso wie bei Mayer war es zunächst die Musik des klassischen Komponisten, die ihn in ihren Bann zog. „In seiner Geburtsstadt Vechta wurden vor 20 Jahren seine Werke wieder gespielt, sogar umsonst im Kreishaus – dazu bin ich der Einladung eines alten Freundes gefolgt“, erinnert sich Rose.

Aber auch das Schreiben selbst ist Rose auch nach vielen Jahren nach wie vor ein Bedürfnis, dem er in der täglichen Routine fast jeden Vormittag nachgeht. Was ihm an den Phasen der Buchentstehung am meisten Freude bereitet? „Die Recherchen und das Erstellen des Gerüsts sind die Pflicht, das Ausformulieren und Ausschmücken mit Dialogen die Kür“, so der Scheeßeler Sänger des Kantoreichors und Leiter der gerade aufgelösten „Kreuzschnäbel“.

Mit „Der Künstler – Die Komponistin“ hat Rose Neuland betreten, war sein erster – inzwischen vergriffener – Roman „Mannsbild“ stark autobiografisch geprägt, sein zweiter „Frauenbilder“ dagegen reine Fiktion. In die Freude über das fertige, 121 Seiten starke Taschenbuch mischt sich auch Erleichterung: „Nach 20 Jahren Beschäftigung mit dem Stoff musste das auch mal zum Abschluss gebracht werden.“ Die Basis ist eine Doktorarbeit von 1967 – sogar einen Lehrstuhl für Romberg gibt es mittlerweile an der Universität Vechta. Die erste Fassung sei sehr faktenorientiert ausgefallen, „dann habe ich ein Drehbuch daraus gemacht“. Sogar bei einem Regisseur habe er vorgesprochen. Der Satz „Kommen Sie wieder, wenn die Finanzierung steht“ bedeutete das Aus für das Projekt, der Kern der Handlung und einige Dialoge blieben. Als er beim Verlag, der sein voriges Werk „Frauenbilder“ veröffentlicht hatte, sofort eine Zusage bekam, und das, obwohl die Verkaufszahlen des Vorgängers noch nicht den dreistelligen Bereich erreicht hatten, war die Freude groß. Denn auch Anerkennung, daraus macht Rose keinen Hehl, ist dem Verfasser von Kurzgeschichten wichtig. Wenn er von der Kassiererin im Supermarkt angesprochen werde: „Sind Sie nicht der Autor?“ oder jemand sage: „Deine Figuren haben mich lange begleitet“, dann sei ihm das „Lob und Bestätigung“. Das sagt einer, der auch die frustrierende Erfahrung ungeöffnet zurückgesandter Manuskripte von Verlagen kennt.

Die musikalischen Lesungen, nicht nur im heimischen Scheeßel, sondern auch in Hamburg, Gotha oder Vechta, den Wirkungsstätten der beiden beschriebenen Künstler, sie werden in Corona-Zeiten wohl noch etwas auf sich warten lassen müssen. Aber immerhin: Im NDR, mit dem der umtriebige Autor wegen Aufnahmen der Kompositionen Kontakt aufgenommen hatte, hat Rose bereits über sein Projekt berichtet. Und auch in Vechta stehen die Chancen für eine Buchvorstellung im kommenden Jahr nicht schlecht, begeht man dort 2021 doch den 200. Todestag des renommierten Sohnes der Stadt.

„Der Künstler – Die Komponistin“ von Wolfgang Rose-Heine ist in der Edition Noëma erschienen und zum Preis von 16,90 Euro im örtlichen Buchhandel oder im Internet erhältlich.  hey

Mein Buch und ich

Mit dieser Serie werfen wir einen Blick auf die zahlreichen Autoren im Landkreis Rotenburg. Von wem haben wir schon lange nichts gehört? Wer hat den nächsten Bestseller in Arbeit? Und was machen aufstrebende, Vollzeit- und Hobbyautoren? Wir fragen nach.

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