MEIN BUCH UND ICH Renate Spiecker aus Veersebrück legt mit Lektüre nach

Gereimtes und Ungereimtes

Die Inspiration für immer wieder neue Gedichte und Kurzgeschichten geht ihr nicht aus. Inzwischen hat Renate Spiecker schon ihr drittes Buch veröffentlicht.
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Die Inspiration für immer wieder neue Gedichte und Kurzgeschichten geht ihr nicht aus. Inzwischen hat Renate Spiecker schon ihr drittes Buch veröffentlicht.

Veersebrück – Ein Besuch bei Renate Spiecker ist immer auch so etwas wie ein Besuch bei der Lieblings-Oma – eine herzliche Begrüßung und Kaffee und Kuchen inklusive. Die Tafel ist reich gedeckt und gerade groß genug, um den gebotenen Abstand zu wahren. Heute gibt‘s Schwarzwälder Kirschtorte. Sollte die 80-Jährige den Redakteur mit dieser süßen Köstlichkeit etwa bestechen wollen? „Aber nein!“, versichert Spiecker mit ehrlichem Gesicht. „Wobei ein bisschen Reklame für mein neues Büchlein tatsächlich nicht schaden könnte – mit Lesungen ist ja gerade nicht.“ Bedauerlich eigentlich, sind all die Gedichte und Kurzgeschichten aus ihrer Feder es doch allemal wert, auch aus ihrem Munde gehört zu werden. Freunde ihrer Schreibkunst, die die 80-Jährige schon mal in Scheeßel live erlebt haben, dürften dies bestätigen. So bleibt aber vorerst nur das geschriebene Wort, auf Distanz – und wer Spieckers Drittling, der den verheißungsvollen Titel „FKK“ trägt, liest, der erlebt auf 92 Seiten wahrlich eine Achterbahn der Gefühle.

Ja, sie es hat getan. Schon wieder. Dabei habe sie ihre Autorinnentätigkeit eigentlich nach Buch Nummer zwei schon wieder an den Nagel hängen wollen, gesteht die Veersebrückerin. Nur hätten eben aber auch noch derart viele literarische Schätzchen in ihrer Schublade geschlummert, dass sie gar nicht umhingekommen sei, diese wieder über den Eigenverlag zu veröffentlichen. „Und selbst jetzt habe ich noch einiges rumliegen“, berichtet die Vielschreiberin, die versichert, mit ihren aus dem echten Leben gegriffenen, aber stets von ihr zugespitzten Texten – bescheiden wie sie sei – natürlich keinen Literaturpreis gewinnen zu wollen. „Eigentlich sind es dieses Mal Geschichten für die ältere Generation – die findet sich darin fast überall wieder“, sagt Spiecker, die sich mit ihren 80 Jahren durchaus jede Menge Lebenserfahrung zuschreibt. Ein Novum: Erstmals habe sie Geschichten und Gedichte in einem Buch gemischt. Die Coverillustration stammt indes einmal mehr von der Scheeßelerin Bärbel Früchtenicht. Ihr Bild zeigt drei nackte Menschen, die sich mehr oder weniger hinter Schildern verstecken. Hinter einem „F“, noch einem „F“ und einem „K“. Freikörperkultur könnte man auf den ersten Blick meinen – und liegt damit auch nicht ganz falsch. Bei Renate Spiecker stehen die Buchstaben aber trefflicherweise für „frech“, „kurz“ und „kritisch“. „Ist doch schön geworden, oder?“, deutet die rüstige Seniorin, die früher einmal als Juristin in Düsseldorf ganz und gar seriös eine große Behörde geleitet hat, auf den Buchumschlag. „Anfangs war der Entwurf noch arg rosa, das erschien mir dann aber doch zu fleischig – also haben wir noch ein bisschen an der Farbe gedreht.“

Im April habe sie die Arbeit an dem Schmöker aufgenommen. Ob sie nicht schon so etwas wie eine Veröffentlichungsroutine entwickelt habe? „Ja durchaus, aber es strengt mich doch jedes Mal wieder sehr an“, bekennt sie. Schließlich nehme ihr die Arbeit, anders als bei einem richtigen Verlag, niemand ab. Stattdessen müsse jede Menge selbst gemanagt werden. „Da ist die Auswahl, welche Texte es denn nun sein sollen, schon der einfachste Arbeitsschritt.“ Ein stimmiges Händchen hat Spiecker bei der Auslese aber auch diesmal bewiesen. 34 Kapitel sind es geworden. Und wie so oft beschäftigt sich die Autorin darin auf ehrliche wie humorvolle Art auch und vor allem mit den zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Mann und Frau. Freunde, Bekannte, aber auch Fritz-Walter, ihr Ehemann standen einmal mehr Pate.

Zum Brüllen komisch: die Kurzgeschichte über das Toilettenpapier („Wenn auch die Werbung immer verlockend klingt. Sanft, flauschig, saugfähig und griffig soll es sein. Was soll das? Das Papier soll seinen Zweck erfüllen. Was hat mein Hinterteil von flauschig? Es ist doch kein Pullover.“). Nachdenklich wird es an anderer Stelle: „Nicht wie ein Veilchen, wie eine Rose möchte ich sein. Das schreibe ich mir in mein Poesiealbum rein.“ Und wer schon immer mal wissen wollte, was es im Bett mit der Adlerstellung auf sich hat, warum man gerade am Telefon besser seine Zunge hüten und darauf achten sollte, wer am anderen Ende spricht, und wie er seiner Partnerin endlich treu wird („Tragt eng den Pullover und kurz den Rock, ihr seit zwar kein Reh, doch er wird zum Bock“), der dürfte an dem Buch ebenso Gefallen finden.

Auch schwere Kost serviert Spiecker: In dem Kapitel „Kirche“ geht sie der Frage auf den Grund, warum so viele Menschen aus eben dieser austreten: „Auch die Kirche muss die Gesetze des Staates achten, und sie nicht wie beim Arbeitsrecht und Kirchenasyl unterlaufen und missachten. Vielen gefällt dieses Verhalten nicht, und sie gehen mit der Institution streng ins Gericht.“ Sie selbst sei in der Kirche, ärgere sich aber oft über sie. „Meine Schwester meinte, ich solle diesen Text lieber weglassen, mir war aber danach.“

Wer möchte es ihr verübeln? Jetzt ist es aber an der Zeit, das Kaffeekränzchen zu beenden. Eines, sagt Renate Spiecker zum Abschluss, wolle sie aber klarstellen: „Die Dinge, die mir wirklich wichtig sind im Leben, die offenbare ich nicht in meinen Büchern – die bleiben schön bei mir.“

Ab sofort erhältlich

„FKK – Frech, Kurz, Kritisch“ ist bei „Books on Demand“ erschienen und bei den Buchhandlungen Harmsen und Vielseitig in Scheeßel für acht Euro erhältlich. ISBN: 978-3-7526-5075-4.

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