Serie: 60 Minuten

Bücher und Beratung für alle Fälle: Gemeindebücherei ist auch ein sozialer Anlaufpunkt

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Vom ersten Stock aus hat man einen guten Überblick über die Kinderbuchabteilung und die Leseecke.

Scheeßel – Ein junges Mädchen hebt an diesem Nachmittag einen schwarzen Stoffbeutel mit der gelben Aufschrift „Bücherei Scheeßel“ und Eichenblattlogo aus ihrem Fahrradkorb, stellt die Nummer ihres Zahlenschlosses ein und entschwindet hinter der Kassetten-Glastür mit weißem Rahmen, an der ein Plakat für das nächste Bilderbuchkino wirbt. Am Tresen der Gemeindebücherei packt sie fünf Bücher aus, alles schwere Wälzer. „Dich wollte ich was fragen“, meint eine der beiden Angestellten. „Nach ‚Woodwalkers‘ ist eine neue Serie rausgekommen, ‚Seawalkers‘ – wär das was für dich?“ „Klar, gern“, meint die Jugendliche und entschwindet nach oben.

In den Zwischenräumen der Treppenstufen sind einzelne Lettern angebracht. Zusammen ergeben sie „Sachliteratur“. Heike Komnick überlegt kurz, murmelt eine dreistellige Zahl und hakt die Bücher auf der Leihkarte ab, bevor sie sie in die Regale zurückstellt. In dem in freundlichem Grün gestrichenen Raum, über dessen Längswand eine Armada von Klebeschmetterlingen Richtung Kinderecke fliegt, ist es still. Diese ist leer, ebenso wie die beiden Sitzecken mit Gläsern und Wasser auf den Tischchen und einer noch jungfräulichen „Zeit“. Ab und zu ist das Trappeln einer Frau aus dem ersten Stock aus Richtung der Thriller zu hören. Gedämpfte Gesprächsfetzen dringen von den beiden Mitarbeiterinnen herüber: „Wenn du den Ravensburger Katalog nimmst, arbeite ich mich durch die Belletristik.“ Getrappel, dieses Mal in Höhe der Schlankheitsratgeber. Eine Frau mit zwei Kindern kommt herein. Die Köpfe leicht gerötet, Turnbeutel über der Schulter: Das Kinderturnen in der benachbarten Sporthalle der Grundschule muss zu Ende sein. Kinderhände versinken im Korb mit den Bilderbüchern, eben noch ordentlich gepackt. „Asche auf mein Haupt“, ist die Stimme der Mutter zu vernehmen. „Ich hätte es gestern zurückbringen müssen.“ „Geht ja gar nicht“, ist die freundschaftlich-ironische Replik. „Können wir ein Neues mitnehmen?“, will eins der Kinder im Vorschulalter wissen. „Nein, wir haben noch das mit der Prinzessin, das lesen wir erstmal aus.“

Das junge Mädchen kommt wieder die Holzstufen herunter, den Beutel wieder gefüllt. Vier neue, dicke Romane werden registriert, bevor sie mit der Beute im Fahrradkorb wegfährt. Vorher hat sie noch einer Frau mit einem Wäschekorb voller Kinderbücher die Tür aufgehalten. Schnell kniet diese mit Anja Grobrügge unter dem Schild „Lesen gefährdet die Gesundheit“ auf dem Boden und verteilt den Inhalt auf verschiedene Stapel. Die Büchereifachkraft ist begeistert: „Die haben wir alle noch nicht.“ Beim Inspizieren merkt sie an: „Die sind ja super erhalten. Und die wollen Sie uns alle schenken?“ Man habe auch überlegt, auf den Flohmarkt zu gehen, meint die Frau, „aber hier werden sie von mehr Leuten gelesen – und wir haben ja auch was davon“. „,Conni hat Geburtstag‘ haben wir schon“, meint die Sortiererin. Das Buch landet auf dem Stapel mit den Erstlesebüchern für die Grundschule. „Die sollen auch etwas davon haben, die hatten neulich eine Anzeige drin.“ Ihre Kollegin, sichtlich interessiert, beugt sich herunter und gerät ebenfalls in Ekstase: „Das ist wie Weihnachten und Neujahr heute!“ Die Frau lächelt: „Demnächst kommt noch mehr, wir müssen erst diskutieren, wer was noch mal lesen will.“ Als sie die Bücherei verlässt, hallt ihr ein „Danke, auch an die ganze Familie“ nach.

So viele Buchgeschenke aus dem Familienfundus – Mitarbeiterin Anja Grobrügge (r.) kann ihr Glück kaum fassen.

Hinter dem Hörbuchregal mit den mit Gummibändern gegürteten CDs, zwischen den aufgestellten Blickfängen „Quality Land“ und Juli Zehs „Neujahr“, sind zwei Frauen mittleren Alters ins Klönen gekommen (männliche Leser scheinen im Beekeort Mangelware zu sein). Wie war der Urlaub, habt ihr auch so doofe Lehrer abbekommen, was macht der Älteste nach dem Abi? Lässig lehnt die eine am Themenregal „Bienen“, über sich einen gebastelten Papp-Brummer in Schwarz-Gelb. Man philosophiert über Lebensläufe und Familiengeschichten, im Rücken die Symbiose aus Gaardners „Sofies Welt“, Amelie Fried und Rebecca Gables Mittelalterschwarten.

Eine neue Welle bringt Besucherinnen, die ihren Ausweis vergessen haben („Kein Problem, wir haben noch nicht auf Elektronik umgestellt, das kommt erst am 1. Januar.“), die Tasche („Willst du meine?“) oder beides. Mit stechendem Blick funkelt der Bremer Profiler Axel Petermann die Vergessliche aus dem Regal an. Er scheint in guter Gesellschaft in der Ecke der Bücher mit erhobenem Zeigefinger: „Zehn Gründe, warum du deine Social Media-Accounts sofort löschen musst“ , fordert das Nachbarwerk, dessen Titelbild mit Berglandschaft eher Reiseführer als Sozialkritik nahelegt. Von beidem findet sich im ersten Stock reichlich, hinter der Thrillerecke mit unheilverkündenden Covern vorzugsweise in Rot-Schwarz und den Jugendbüchern, deren Beginn mit einem Vornamen Paradigma zu sein scheint (Nathan und seine Kinder, Emma und das vergessene Buch, Annika und der Stern von Kazan…). 17 Lifehacks für Heimwerker, Lauftraining aber richtig, gleich zwei Reihen Hausapotheken von klassisch bis alternativ, Lebensratgeber von „Die Kraft liegt in mir“ bis zu „Köstliche Kochen ohne Milchzucker“ – wer hier nichts Passendes für sein Problem findet, ist selbst schuld.

Heike Komnick kennt viele Vorlieben der Leser.

Unten kommt derweil die nächste Welle an, mit zwei älteren Damen eher ein Wellchen. Eine lobt die längeren Öffnungszeiten. Auch sie werden beraten: „Nehmen Sie das hier, das ist auch mit Heimat“, heißt es da. Der kleine Junge mit dem Turnbeutel hat Mühe, die schwere Glastür aufzubekommen. Mit Mamas Hilfe klappt es. Ihre Verabschiedung gleicht der vieler Gäste in der vergangenen Stunde: „Dann bis nächste Woche!“

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