Mehr als nur Medikamentenausgabe

Gemeindearchivar wirft einen Blick auf die Geschichte der Scheeßeler-Apotheken

Die Sonnen-Apotheke ist die älteste Apotheke im Ort. Mittlerweile gibt es drei.
+
Die Sonnen-Apotheke ist die älteste Apotheke im Ort. Mittlerweile gibt es drei.

Scheeßel – 1867 hat Adolf von Roden als Erster in Scheeßel die Genehmigung bekommen, selbstständig eine Apotheke zu führen. Die Geschichte der Pharmazeuten im Beekeort reicht aber sogar noch weiter in die Vergangenheit. Der Inhaberwechsel der Sonnen-Apotheke nach vier Generationen ist Anlass, sich mit der Geschichte der Scheeßeler Apotheken zu beschäftigen.

Bis in die Jahre 1848/49 reicht die Scheeßeler Apotheken-Geschichte zurück, als Ferdinand Wattenberg, Inhaber der „Alten Apotheke“ in Rotenburg, in Scheeßel eine sogenannte Filial-Apotheke an der Großen Straße 13 im Haus des Kaufmanns Adolf Conrad Müller gründete. Wattenberg war offensichtlich auch ein umtriebiger Geschäftsmann, betrieb er doch neben Scheeßel noch weitere Filialen in Visselhövede und Schneverdingen. Verwalter führten für ihn die jeweilige Einrichtung.

Die Mehrzahl dieser Verwalter gab nur ein kurzes Gastspiel in Scheeßel. Länger tätig waren nur Carl Holtermann von 1852 bis 1861 und ab 1863 Adolf von Roden. Schon Holtermann hat 1852 versucht, die Genehmigung zur Führung einer eigenständigen Apotheke zu erhalten. Das Gesuch wurde abgelehnt. Erst von Roden hatte dann 1867 Erfolg. Bis 1869 blieb er noch im Haus an der Großen Straße 13, bevor er in den heutigen Standort der Apotheke in der Bahnhofstraße 4 in ein neues Haus umzog. Bis 1901 führte von Roden die Apotheke und übergab sie seinem Schwiegersohn Ernst Söhnlin. Der veräußerte sie bereits 1903 an Robert Stampehl, der sie 1906 an Heinrich Ehlermann verkaufte. 115 lange Jahre blieb sie in vier Generationen (Heinrich, Dr. Kurt, Rolf und Luzie, Bettina und Udo Winkler) im Besitz der Familie. Man ging nicht zur Apotheke, sondern „to Ehlermann hin“.

Die Sonnen-Apotheke wurde zur Institution. Nicht nur in unserer schnelllebigen Zeit ist die Führung einer Arztpraxis oder Apotheke über mehr als ein Jahrhundert etwas Außergewöhnliches. Es ist nicht selbstverständlich, dass sich in jeder Generation ein Kind findet, das sich für den anspruchsvollen akademischen Beruf der Eltern interessiert.

Als Wattenberg 1848 seine Filiale in Scheeßel einrichtete, hatte Scheeßel noch keine 1 000 Einwohner. Zusammen mit den Bewohnern des großen Kirchspiels, zu dem damals noch Lauenbrück, Vahlde, Stemmen und Helvesiek gehörten, war der Einzugskreis jedoch groß genug, um eine Apotheke wirtschaftlich betreiben zu können.

In allen die Gesundheit betreffenden Fragen war die Apotheke häufig die erste Anlaufstation, in der man sich beraten und helfen ließ. Denn bis Ende des 19. Jahrhunderts gab es Zeiten, in denen kein niedergelassener Arzt in Scheeßel praktizierte. Erst mit Dr. Prölß seit 1889 und Dr. Wallbaum ab 1897 war die ärztliche Versorgung Scheeßels auf Dauer gesichert.

Im Vergleich zu heute war das zum Verkauf angebotene Sortiment im 19. Jahrhundert überschaubar. Zugleich aber war die Tätigkeit des Apothekers vielfältiger. Er verkaufte und beriet nicht nur, sondern einen großen Teil seiner Arzneien stellte er in seiner Rezeptur selbst her. Insgesamt waren Arbeitsaufkommen und Umsatzvolumen deutlich geringer. Heinrich Ehlermann begründete beispielsweise 1914 seinen Antrag, vom Militäreinsatz zurückgestellt zu werden damit, dass er seine Apotheke ohne Personal betreibe. Jeder, der heute eine der drei Scheeßeler Apotheken betritt, hat ein Bild davon, wie sehr sich das geändert hat.

Eine zweite Scheeßeler Apotheke wurde 1976 gegründet und von 1979 bis 2017 von Dr. Dierk Westphal geführt. Er veräußerte sie an die Brüder Erik und Hendrik Hagemeister. Der Letztere übernahm jetzt die Sonnen-Apotheke.

2001 gründete das Apothekerpaar Nina und Hans-Erik Meyer im Beekezentrum die dritte hiesige Apotheke. Dass drei Apotheken in Scheeßel wirtschaftlich betrieben werden können und eine große Zahl an Arbeitsplätzen weit überwiegend für Frauen als Apothekerinnen, PTA und Helferinnen vorhalten, hat nur in geringerem Maß mit der gewachsenen Einwohnerzahl zu tun.

Besser als andere ländliche Regionen ist Scheeßel mit Allgemein- und Fachärzten versorgt. Das Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung hat zugenommen. Vor- und Nachsorge nehmen großen Raum ein. In kaum einem anderen Land der Welt suchen die Menschen so häufig einen Arzt wie in Deutschland auf. Die Minimalerwartung an den Arztbesuch ist, dass man mit einem Rezept versehen die nächste Apotheke aufsuchen kann. Und schließlich halten die heutigen Medikamente oder Mittel, ob rezeptpflichtig oder nicht, gegen oder für fast alles vor.

Guter Brauch, durchaus auch im wohl verstandenen eigenen geschäftlichen Interesse, ist es bisher für alle in Scheeßel niedergelassenen Apotheker gewesen, sich im Ort auf unterschiedliche Weise einzubringen. Ihre Inhaber haben bis heute Spuren hinterlassen. Adolf von Roden war 1876 maßgeblich an der Gründung der Scheeßeler Sparkasse beteiligt. Heinrich Ehlermann engagierte sich Anfang des 20. Jahrhunderts im Verschönerungsverein und dem 1905 gegründeten Heimatverein.

Rolf Ehlermann war Mitglied des Aufsichtsrats der Eichenschule und erster Vorsitzender des 1978 gegründeten Freundeskreises der Eichenschule. Seine Tochter Bettina Winkler ist Vorsitzende der St.-Lucas-Stiftung der Kirchengemeinde und engagiert sich bis heute im Kirchenmusikförderverein.

In besonderer Weise nachhaltig ist das ehrenamtliche Engagement von Dierk Westphal für den Erhalt eines der schönsten Flecken Erde in unserer Gemeinde, der Vareler Heide. Die für ihre Pflege und ihren Erhalt auf Initiative des Heimatvereins gegründete Interessengemeinschaft leitet er bis heute. Hans-Erik Meyer von der Beeke-Apotheke ist nicht nur Mitglied des Vorstands der Schulgenossenschaft Eichenschule, er setzt sich als Sponsor bei vielen gemeinnützigen Aktionen, kulturellen und sportlichen Veranstaltungen ein.

Erik und Hendrik Hagemeister sind erst seit 2017 in Scheeßel. Das, was man von ihnen bisher weiß und sieht, lässt darauf schließen, dass auch sie ihren Beitrag zu einem lebenswerten Leben in Scheeßel leisten werden.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Massive Raketenangriffe: Israel antwortet mit Luftschlag

Massive Raketenangriffe: Israel antwortet mit Luftschlag

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Bayern feiern Titel mit Gala - Lewandowski-Tore 37, 38, 39

Bayern feiern Titel mit Gala - Lewandowski-Tore 37, 38, 39

Meistgelesene Artikel

Kritik an Öffnungsschritten: „Ein Skandal!“

Kritik an Öffnungsschritten: „Ein Skandal!“

Kritik an Öffnungsschritten: „Ein Skandal!“
Halter von Känguru melden sich – doch „Fipsi-Energy“ bleibt verschollen

Halter von Känguru melden sich – doch „Fipsi-Energy“ bleibt verschollen

Halter von Känguru melden sich – doch „Fipsi-Energy“ bleibt verschollen

Kommentare