Gemeindearchivar Karsten Müller-Scheeßel erinnert an den Brand der Lederfabrik vor 30 Jahren

Plötzlich steht alles in Flammen

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Das Feuer ist bekämpft, aber noch nicht ganz erloschen.

Scheeßel - Von Karsten Müller-Scheeßel. Der August-Dönitz-Platz in Scheeßel ist heute eine gute Wohnadresse. Besonders die Häuser und Grundstücke mit Blick über die Wümmeniederung bis hin zum Jeersdorfer Holz sind begehrte Objekte. Ob alle dortigen Bewohner wissen, wie es in diesem Bereich vor 30 Jahren aussah, obwohl die Zufahrtstraße Gerberstraße heißt und an den Straßenschildern erklärt wird, wer August Dönitz war? Die Gerberstraße weist auf eine Lederfabrik und der Name August Dönitz auf ihren Gründer: Gegründet im anhaltinischen Zerbst 1835 und 1925 nach Scheeßel verlegt. 1985 sollte ihr 150-jähriges Bestehen gefeiert werden. Doch es kam anders.

Im Morgengrauen des mit minus 15 Grad Celsius eiskalten 16. Januar 1985 ertönen gegen 8.10 Uhr die Feuersirenen in Scheeßel. Hell lodern die Flammen weithin sichtbar und in Windeseile spricht sich herum: Die Lederfabrik brennt. Hauptziel der sehr schnell eintreffenden Feuerwehren war es, das Feuer auf das Gebäude zu begrenzen, in dem es ausgebrochen war, dem lederverarbeitenden Bereich. Im gegenüberliegenden Fabrikteil, der ehemaligen Gerberei, wurde seit einigen Jahren Styropur hergestellt, ein leicht brennbares Material. Nicht auszudenken, wenn die Flammen dorthin übergegriffen hätten. Dass die Wehren dies verhindern konnten, stellte an diesem Tag ihre größte Leistung dar.

Die Brandursache musste nicht lange ermittelt werden. In Folge einer wochenlangen Periode mit strengem Frost war eine Dampfleitung eingefroren. Schweißermeister Günter Klatt versuchte sie mit einem Schweißbrenner aufzutauen. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, feuchte Tücher wurden ausgelegt und vier Mitarbeiter standen mit Feuerlöschern bereit, sprang ein Funke auf das Transportband der Farbspritzmaschine und löste den verheerenden Brand aus. Natürlich wurde der Auftauvorgang von der Polizei und der Versicherung überprüft. Wegen der besonderen Sorgfalt, die Klatt hatte walten lassen, wurde er von der Thuringia-Versicherung ausdrücklich belobigt und mit einem Geldgeschenk bedacht. Auch für die Feuerwehren war die Thuringia voll des Lobes und überwies ihnen dafür, dass sie Schlimmeres verhindert hatten, 5000 D-Mark.

Die Lederfabrik befand sich 1985 bereits seit einiger Zeit im Umbruch. Die Gerberei war eingestellt worden. Halbfertig geliefertes Leder wurde in Scheeßel gefärbt und zugerichtet an die Polsterindustrie verkauft. Daneben hatte man sich seit gut zehn Jahren mit der Produktion von Styropor ein zweites Standbein zugelegt.

Als der Landkreis nach dem Brand die Styroporproduktion am bisherigen Standort wegen deren Feuergefährlichkeit verbot, wurde sie Ende 1985 nach Vechta verlegt, wo das Unternehmen Storopack eine Zweigfirma betrieb. Für die Scheeßeler Mitarbeiter bedeutete das den Verlust ihrer Arbeitsplätze. Auch die Firmeneigentümer wurden noch weiter gebeutelt. Das Gelände ihres Betriebes wollten sie als Baugebiet vermarkten. Im Boden aber fanden sich nach jahrzehntelangem Gerbereibetrieb verschiedene Schadstoffe, vornehmlich Chromgerbstoffe. Sie machten einen kostenaufwendigen Bodenaustausch notwendig, bevor hier gebaut werden durfte.

Für die Gemeinde Scheeßel war es ein großes Glück, dass die Firma August Dönitz Nachfolger 1988 von Vechta nach Scheeßel zurückkehrte. In der Industriestraße fand sie ein neues Zuhause. Mit etwa zehn Mitarbeitern wurde die Produktion von Verpackungen, Wellpappkartons und dann zunehmend von Displays fortgesetzt. Mit Leder wurde nur noch nebenbei gehandelt. Und die Neuausrichtung unter der Leitung von Helmut Reitz erwies sich als richtig und erfolgreich. Im Jahr 2000 beschäftigte man bereits 70 Mitarbeiter und heute sind es mehr als 100, die hier Brot und Arbeit finden. Wenn die Firma jbs Scheeßel 2016 in Richtung Visselhövede verlässt, wird die ADNA (August Dönitz Nachfolger) der Industriebetrieb mit den meisten Arbeitsplätzen sein.

Nach 172 Jahren in Familienbesitz verkaufte Helmut Reitz 2007 die ADNA an Horst-Wilhelm Röhrs aus Schneverdingen, der 2006 als Partner in das Unternehmen eingestiegen war.

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