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Gemeinde Scheeßel schafft Ausgleichsflächen an Wirtschaftswegen

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Von: Lars Warnecke

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Bürgermeisterin Ulrike Jungememann (Mitte), Pedro Müller und Julia Wilken von der Gemeinde Scheeßel.
Zeigen die Karten, auf denen verzeichnet ist, an welchen Wegeseitenrändern Maßnahmen getroffen werden sollen: Bürgermeisterin Ulrike Jungememann (Mitte), Pedro Müller und Julia Wilken, die den administrativen Teil betreut. © Warnecke

Relativ häufig passiert es, dass Randstreifen an Wirtschaftswegen überpflügt werden. Das ist auch in der Gemeinde Scheeßel so. Doch die holt sich jetzt von den Ackerlandbewirtschaftern öffentlichen Grund wieder zurück. Und das aus gutem Grund.

Scheeßel – Geht es um Ausgleichsflächen für neue Bauprojekte, etwa Gewerbegebiete, so sind die auch in der Gemeinde Scheeßel natürlich kein unendliches Gut. Andererseits, das weiß man, ist die Artenvielfalt extrem bedroht. Dies sind zwei schlagende Argumente für das im Landkreis bisher einzigartigen Wegeseitenränderkonzept, mit dem die Kommune sich seit ungefähr anderthalb Jahren beschäftigt.

Das Ziel: Zuvor überpflügte Randstreifen von Wirtschaftswegen sollen wieder erblühen. Die Gemeinde holt sich – ohne erhobenen Zeigefinger – von den Ackerlandbewirtschaftern öffentlichen Grund zurück, um auf diesem später Hecken sowie Einzelbäume zu pflanzen. Abgestimmt wird die Umsetzung mit der Unteren Kreis-Naturschutzbehörde.

Einer, der an dem Projekt von Anfang an beteiligt ist, ist Pedro Müller, im Rathaus unter anderem zuständig für die kommunale Wegeunterhaltung. Die ganze Idee, sagt er, sei aus einem Arbeitskreis heraus entwickelt worden, bestehend aus Vertretern von Rat und Verwaltung, Landvolk, Landkreis und den Interessenvertretern selbst. Müller spricht von einer Sisyphus-Arbeit, habe es doch zunächst gegolten, erst mal alle Wirtschaftswege in der Gemeinde zu sichten und deren überbewirtschaftete Randstreifen zu vermessen, um sie – je nach Breite – zu priorisieren. Allein anderthalb Jahre seien für diesen ersten Schritt ins Land gegangen. Jene Flächen, die sich in gemeindlichem Eigentum befinden, seien mittlerweile schon mit Pfählen gekennzeichnet worden. „So sind die Grenzen jetzt ganz klar erkennbar“, sagt der Verwaltungsmann.

Klar, es ist ja auch ein sensibles Thema, weil Landwirte teilweise gar nicht mehr die alten Wege kannten und plötzlich überrascht wurden, dass ihnen dann so und so viele Meter fehlen.

Ulrike Jungemann

Warum er und seine Chefin, Scheeßels Bürgermeisterin Ulrike Jungemann, in den vergangenen Wochen mehr als nur einmal in die Gummistiefel schlüpfen mussten? In allen Ortschaften fanden unter Miteinbeziehung der Bewirtschafter an Ort und Stelle Termine statt, bei denen auf Grundlage der neu erhobenen Daten erörtert wurde, was bei der Generierung sogenannter Ökopunkte (siehe Kasten) jeweils machbar ist und was nicht. „Das waren ganz intensive Gespräche, ein super Zusammenspiel“, erinnert sich Müller. Und auch Jungemann, die das von ihrer Amtsvorgängerin forcierte Projekt quasi „vererbt“ bekommen hat, betont das konstruktive Miteinander, bei oftmals doch anfänglicher Skepsis, die vorgeherrscht habe. „Klar, es ist ja auch ein sensibles Thema, weil Landwirte teilweise gar nicht mehr die alten Wege kannten und plötzlich überrascht wurden, dass ihnen dann so und so viele Meter fehlen.“ Ihr sei es jedenfalls wichtig, keinen Schuldigen zu suchen: „Gewisse Flächen sind teilweise ja schon über mehrere Generationen hinweg überpflügt worden, bewusst oder unbewusst, das lasse ich mal dahingestellt.“ Ihren Worten nach habe man bei den Treffen stets betont, dass für die Pflegemaßnahmen auf den zurückgeführten Flächen die Gemeinde aufkommen werde, den Bewirtschaftern also keine Kosten entstehen würden. „So hat man schon gewisse Ängste nehmen können.“ Und Pedro Müller ergänzt: „In den Gesprächen sollten zum Beispiel auch Flächen genannt werden, wo man eine neue Zufahrt braucht – darauf sind wir eingegangen.“

Mit solchen Pfählen sind derzeit die Grenzen noch markiert. Sie sollen später durch größere Eichenspaltpfähle ersetzt werden.
Mit solchen Pfählen sind derzeit die Grenzen noch markiert. Sie sollen später durch größere Eichenspaltpfähle ersetzt werden. © -

Wer in diesen Tagen auf Scheeßels Wirtschaftswegen unterwegs ist, wird sie hier und da also sehen: die kleinen, orangemarkierten Pfähle entlang den Ackergrenzen. Die sind aber nur als eine Zwischenlösung gedacht, sollen sie ab März doch gegen sichtbarere Eichenspaltpfähle ersetzt werden, um die Streifen gegen ein erneutes Überpflügen zu schützen. Im Herbst, kündigt die Bürgermeisterin an, sollen die ersten Bepflanzungen dann dort, wo es möglich sei, erfolgen.

Dass dass zeitaufwendige Projekt, wenn es denn abgeschlossen ist, durchaus auch andere Kommunen zum Nacheifern animieren könnte – davon sind Jungemann und Müller überzeugt. „Ich habe jedenfalls wahrgenommen, dass die benachbarten Gemeinden sehr positiv auf unsere Vorgehensweise schauen“, sagt die Rathaus-Chefin, die voll des Lobes für die Landwirte ist, dass diese derart offen und konstruktiv an die Sache herangegangen seien. „Das hat mir richtig viel Spaß gemacht!“

Ökopunkte

Ökopunkte sind Punkte, welche man für naturschutzfachliche Aufwertungsmaßnahmen erhält, die man zunächst freiwillig und auf Vorrat produziert. Maßnahmen können unter anderem dazu dienen, Biotope aufzuwerten, die Bodenfunktion oder den Wasserhaushalt zu verbessern oder seltene Arten zu fördern. Die Flächen, die für Ökopunkte genutzt werden, nennt man Ausgleichsflächen und die Speicherung der Punkte erfolgt in einem sogenannten Ökokonto. Die Ökopunkte selbst werden dann zu einem späteren Zeitpunkt verwendet, um Beeinträchtigungen in Landschaft und Natur auszugleichen. 

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