Gelebte Deutsche Einheit

Freundschaft Scheeßels zu Teterow währt seit 27 Jahren

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„An enger Partnerschaft interessiert“ titelte die Teterower Tageszeitung damals über den Besuch der Scheeßeler. Hermann Hilken hat den Bericht aufgehoben, ebenso einen Wimpel, den die Delegation als Gastgeschenk mit nach Hause nahm.

Scheeßel/Teterow - Es ist das Jahr 1989, das Jahr, in dem die Mauer fiel. Gleich nach der Wende bemühte sich die Gemeinde Scheeßel um eine Partnerschaft zu einer Stadt in der damaligen DDR. Zur Auswahl standen Sohland (die Kirchengemeinde hatte bereits jahrelange Beziehung dorthin) und Teterow. Die Wahl fiel auf Teterow – jener Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, zu der der Scheeßeler Motorradklub Eichenring schon in den 1950er Jahren über den Teterower Bergring, einer Grasbahn, enge Verbindungen gepflegt hatte.

Nachdem eine Delegation des Teterower Gemeinderates Scheeßel schon einen Besuch gemacht hatte, ging es für den Verwaltungsausschuss im März 1990 zu einem Gegenbesuch, an dem auch der Abbendorfer Hermann Hilken beteiligt war. Zum Tag der Deutschen Einheit erinnert sich der heute 65-Jährige an das „erste Mal“.

Blaulicht musste bei Fahrt in die DDR abgedeckt werden

„Wir fuhren von Scheeßel aus mit einem Fahrzeug der Feuerwehr, unser Chauffeur war der damalige Hausmeister im Rathaus, Herr Sparr. Das Blaulicht wurde mit einem Säckchen abgedeckt – immerhin durften wir mit unserem Hoheitszeichen nicht in die DDR fahren. Dieses sollte später noch eine Rolle spielen. Mit an Bord waren neben uns Mitgliedern des Verwaltungsausschusses auch der damalige Gemeindedirektor Helmut Hellwig.

An der Grenze bei Zarrentin wurden unsere Reisepässe eingesammelt, wir konnten sehen, wie unsere Daten an die Stasi-Zentrale nach Berlin gefunkt wurden. Ansonsten ging die Abfertigung überraschend zügig voran. Wir waren ja noch aus der Zeit vor der Grenzöffnung etwas ganz anderes gewohnt.

Als Erstes fielen uns die Bäume in den Wäldchen an der Autobahn auf. Die Stämme waren zweimal diagonal angeritzt und unten hing ein Eimer. So wurde der Saft der Bäume aufgefangen. Die Autobahn war ziemlich leer und die üblichen Volkspolizei- Schikanen gehörten der Vergangenheit an.

Ankunft in Teterow: Häuser in sehr schlechtem Zustand

Nach der Abfahrt von der Autobahn waren die Straßen sehr schlecht, wir kamen nur sehr langsam voran. Die Häuser waren in einem sehr schlechten Zustand, die Fallrohre der Dachrinnen fehlten fast überall. Der Putz von den Fassaden war teilweise abgefallen, sodass die Fachwerkbalken zum Vorschein kamen. Vor vielen Häusern lag ein Haufen Briketts aus Braunkohle. Uns lag ein süßlicher Geschmack auf der Zunge. Ich meinte, diesen Geschmack noch 14 Tage später auf der Zunge zu haben.

In Teterow angekommen, wurden wir vor dem Hechtbrunnen am Rathaus von einer Teterower Delegation von Bürgermeister Hans Sültmann empfangen. Übrigens, in der Stadt hatte er den Spitznamen Lügenhannes. Er hat wohl Versprechungen gemacht, die er dann nicht einhalten konnte. Die Männer und Frauen kannten wir schon, da sie uns ja in Scheeßel schon besucht hatten. Wir wurden ins Rathaus geführt. Bis zur Wende tagte der Gemeinderat woanders, das Rathaus wurde von der Stasi bewohnt.

Die linke Seite, vom Eingang hergesehen, bekamen wir nicht zu Gesicht – hier residierte immer noch die Stasi. In den leeren Rathaussaal durften wir einen Blick werfen. Er war noch nicht bewohnbar, bis zur Wende lagerten dort Waffen. Wir tagten in einem Nebenraum und überbrachten Geschenke.

Gewohnt haben wir im Hotel ,Mecklenburger Hof‘, ein Gebäude noch genauso wie vor dem Krieg, allerdings war ein schönes kleines Jagdzimmer angebaut.

„Das ist doch heute eine ganz andere Welt“

Am nächsten Morgen konnten wir ein Backkombinat besichtigen, welches die Bevölkerung im Umkreis von 100 Kilometern versorgte, und ein Kinderkombinat. Wenn man diese Kinderkrippe gesehen hat, so ist eine Kindertagesstätte heute in Scheeßel doch eine ganz andere Welt.

Nachmittags wurde uns bei Nieselregen der Berg-Ring gezeigt. Zwei fest angestellte Mitarbeiter hielten einige Motorräder in einem Schuppen und die große Grasbahn auf dem Laufenden. Direkt gegenüber von unserem Standpunkt konnte man einen Wald mit zwei, drei Häusern durch den Nieselregen erkennen. Wir wären gern einmal um die Bahn herumgegangen, aber durch den Regen nahmen wir Abstand davon.

Einen Tag später haben wir von zwei Jägern erfahren, dass der Wald absolutes Sperrgebiet war. Nachts übten dort kubanische Soldaten – die DDR war ja mit Kuba befreundet – für Angola. In dem Staat im Südwesten Afrikas herrschte 1990 Bürgerkrieg.

Am Nachmittag durften wir eine sogenannte LPG, eine landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, in Eigenregie besichtigen. Sie befand sich etwa fünf Kilometer außerhalb von Teterow. Wir verstanden uns auf Anhieb mit den beiden Produktionsleitern prächtig. Sie klagten, wie schwer es für sie war, den entsprechenden Dünger und Pflanzenschutz zu bekommen. Auch waren sie nebenbei noch Jäger.

Jäger ohne eigene Waffen - Staat fürchtete sich vor eigenen Bürgern

Ein eigenes Gewehr wurde ihnen verwehrt. Wollten sie ein Tier schießen, so mussten sie mindestens eine Woche vorher ein Gewehr beantragen, und zielgenau war es nie. Daran kann man sehen: Der Staat hatte Angst vor seinen eigenen Bürgern.

Als wir nach der Besichtigung mit unserem Feuerwehrfahrzeug die Hoffläche verließen, ließ unser Hausmeister kurz unser Martinshorn aufheulen und schaltete das Blaulicht ein. An der Stadtgrenze zu Teterow hielt uns die Volkspolizei an, man konnte unser Blaulicht unter dem Säckchen sehen, welches er vergessen hatte, auszuschalten. Die Denunziation zur Stasi hin funktionierte scheinbar immer noch.

Abends, nach dem Essen, saßen wir noch ein paar Stunden gemütlich mit einigen Teterower Gemeinderatsmitgliedern im Jagdzimmer zusammen. Am Kamin waren zwei Speere gekreuzt angebracht. Auf Nachfrage wurde uns gesagt, dass mit solchen Speeren bei der Maisernte die Wildschweine gejagt wurden, Gewehre bekam man ja nicht.

Zu späterer Stunde hatte unser Bürgermeister Hans Heinrich Miesner die Idee, hier eine interne, geheime Wahl abzuhalten. In der DDR war gerade die PDS, die Partei des Sozialismus, als Nachfolgepartei der SED gegründet worden. Die Idee fand allgemeine Zustimmung. Es wurden die zu wählenden Parteien festgelegt und provisorische Stimmzettel aufgeschrieben. Ich wurde als Stimmzähler bestimmt. Nach der Auszählung konnte ich feststellen, dass die Teterower Ratsmitglieder ausnahmslos die PDS gewählt hatten. Zum Schluss habe ich vorsichtshalber die Stimmzettel im Kamin verbrannt – die Stasi war ja noch immer präsent,

Am letzten Tag unseres Besuches besichtigten wir eine kleine Dorfschmiede außerhalb von Teterow. Danach fuhren wir zu einem riesigen Park mit einigen maroden Gebäuden. Eine junge linientreue Studentin führte uns durch den Park, welcher wohl vor dem Krieg auch einem Baron von Zitzewitz gehörte. In dem Park war unter anderem ein rundes Gebäude, welches wohl als Liebeslaube gebaut wurde. An diesem Gebäude erwartete uns eine 90-jährige Frau, die auf diesem Gut früher gearbeitet hatte. Sie erzählte unter anderem, dass der Graf noch bis 1945 das Recht für die erste Nacht hatte, wenn eine Beschäftigte heiraten wollte. Sie erwähnte aber auch, dass bei ihrer Heirat der Graf schon sehr alt gewesen sei.

Am Nachmittag besichtigten wir noch die Insel im Teterower See, auf welche ein Museumsdorf der Ureinwohner zu sehen war. Die Geschichte der Slawen konnte man hier anschaulich nachlesen. Danach wurde die Heimreise angetreten, sodass wir spätnachts in Scheeßel unsere erste Reise in die Partnerstadt beendeten.“

lw

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