Ulrich Leis ist Scheeßels amtierender Schiedsmann / „Ich bin kein Richter“

Gekommen, um zu schlichten

Vom Streit zum Dialog zu kommen, das ist die Aufgabe von Schiedsmann Ulrich Leis. Seit zwei Jahren und drei Monaten leitet der gebürtige Nordreinwestfale das Schiedsamt in Scheeßel. Fotos: Warnecke

Scheeßel – Eigentlich hatte Ulrich Leis andere Pläne, als er vor gut drei Jahren mit seiner Frau nach Scheeßel zog. Schiedsmann, jenes Amt, das er über 25 Jahre in seiner alten Heimat, dem nordrhein-westfälischen Velbert, neben dem Beruf des Lehrers ausgeübt hatte? Nein, damit hatte der damals frischgebackene Pensionär eigentlich schon abgeschlossen. Aber man weiß ja: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. „In einem Presseartikel habe ich gelesen, die Gemeinde würde hier eine neue Schiedsperson suchen – also habe ich es mir nochmal anders überlegt“, sagt der 67-Jährige in seiner ganz und gar nicht norddeutschen Mundart.

Aufgrund seines reichen Erfahrungsschatzes, sich bei Nachbarschaftsstreitigkeiten und kleineren Strafsachen schlichtend einzuschalten, habe er sich so gegen seine Mitbewerber behaupten können und sei im Februar 2018 vom Gemeinderat zum ehrenamtlichen Friedensrichter berufen worden – für zunächst sechs Jahre, mit Stellvertreterin Andrea Schmaucks an seiner Seite. „Wenn wir beide Zeit haben, bearbeiten wir die Fälle auch zusammen, was nicht verkehrt ist“, so Leis. Demnach würde seine Mitstreiterin das Protokoll führen, während er selbst am runden Tisch mit den Konfliktparteien die Verhandlung führe. „Als Schiedsperson muss man schon ein gewisses Moderationstalent haben und Ideen entwickeln – das klappt mit zwei Leuten einfach besser“, weiß er aus der Praxis zu berichten.

Häufig habe er einen Vergleich zwischen Streithähnen seit seinem Amtsantritt noch nicht herbeiführen müssen. „Es mögen in den Jahren vielleicht 15 bis 20 Bagatellfälle gewesen sein, die ich zu bearbeiten hatte“, vermutet der Neu-Scheeßeler. Dafür würde er umso mehr lediglich um einen guten Rat gebeten, zumeist telefonisch. „Denen schlage ich für gewöhnlich vor, zunächst mit dem Nachbarn über das Problem zu sprechen und unter vier Augen einen Kompromiss zu finden – viele haben das nämlich noch gar nicht getan.“ Danach würde der Anrufer sich oft schon kein zweites Mal mehr bei ihm melden.

Tatsächlich mache die Klärung von Nachbarschaftsstreitigkeiten Leis‘ Angaben zufolge 95 Prozent seiner Arbeit aus. „Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Gartenprobleme, also wenn zum Beispiel die Grenzhecke zu hoch ist, sie nicht geschnitten wird oder jemand einen Zaun ohne zu fragen setzt, über dessen Farbwahl und Höhe sich der andere womöglich auch noch aufregt.“ Schmunzelnd erinnert sich Leis an einen an ihn herangetragenen Fall aus Scheeßel, bei dem ein Grenzzaun zehn Zentimeter zu weit auf das Nachbargrundstück gesetzt worden sei. „Die beiden Streithähne haben sich auf die Beauftragung eines Vermessers geeinigt und darauf, die Kosten anteilig tragen zu wollen“, schildert er den Sachverhalt. So weit, so gut – nur sei von dem Büro später festgestellt worden, dass die Garage des Klägers zu weit auf das Grundstück des Nachbarn gebaut worden war. „Manchmal fallen einem die Dinge auch auf die Füße“, meint Leis. „Einen Zaun kann man wieder versetzen, aber eine Garage?“ Wie die Geschichte ausgegangen sei, wisse er nicht. „Das fiel dann nicht mehr in meine Zuständigkeit.“

Was er stattdessen genau wisse, das habe seine Beobachtung über die Jahrzehnte gezeigt: Immer mehr Menschen würden selbst bei kleineren Streitigkeiten ruckzuck einen Anwalt zurate ziehen, statt den Weg des geringsten Widerstands zu gehen und den Kompromiss zu suchen. Dies würde sich auch in den rückläufigen Fallzahlen widerspiegeln: Seien es in den Anfangsjahren seiner Schiedsamtstätigkeit noch jährlich um die 30 Verfahren gewesen, bekomme er es heute nicht mehr als mit sechs zu tun. „Das ist ein Trend, der in allen Bundesländern in etwa konstant ist.“ Warum das so ist, dazu gebe es ganz unterschiedliche Theorien. Ulrich Leis hat eine eigene: „Man ist heutzutage vom Kopf her anders strukturiert – man will unbedingt recht behalten, will gewinnen, der Klügere sein.“ Darin hinein spiele die Tatsache, dass ja auch immer mehr Leute rechtsschutzversichert seien. „Die meisten, die einen solchen Weg gehen, vergessen dabei aber, dass selbst, wenn sie im Endeffekt vom Gericht recht bekommen, der Frieden dadurch nicht wiederhergestellt ist.“

Und noch einen Vorteil sieht der 67-Jährige darin, sich bei straf- und zivilrechtlichen Bagatellfällen doch lieber zuallererst mit einer Schiedsperson in Verbindung zu setzen: „So ein Schiedsverfahren kostet maximal etwa 50 Euro, wenn das Ganze aber über den Anwalt geht, kann man getrost noch eine Null dranhängen.“

Obwohl ein großes, viereckiges Schild an Leis‘ Hausmauer im Botheler Weg auf dessen Tätigkeit als Schiedsmann hinweist – an einen Tisch bringe er die Streitparteien, die sich seiner Auskunft nach unter keinen Umständen vertreten lassen dürften, an anderer Stelle. „Normalerweise finden die Treffen im Rathaus statt, was gleich auch einen viel offizielleren Touch hat“, findet er. Wegen der dortigen Baustelle weiche man vorübergehend nun aber auf den Meyerhof aus.

Was er immer wieder feststellen würde: „Viele haben eine falsche Vorstellung, was eine Schiedsperson machen kann und darf.“ Auf alle Fälle sei er kein Richter, dürfe demnach auch keine der Konfliktparteien zu irgendetwas verpflichten. „Wenn einer nicht will, nicht kompromissbereit ist oder verhandeln möchte, dann kann ich hier auch nichts ausrichten.“

Und wenn doch, die Mediationssitzung erfolgreich beendet werden könne? „Dann bekommen die Parteien ein Protokoll, in dem der Vergleich mitsam Stempel vermerkt ist“, klärt Leis auf. Stets würde er darin auch um Feedback bitten, wie der Fall später zu Ende gegangen ist. „Da ich kaum Rückmeldungen bekomme, gehe ich davon aus, dass eine Vereinbarung auch eingehalten worden ist.“

Gewalt und Tätlichkeiten erfuhr der erfahrene Schiedsmann während der vergangenen Jahre nicht; er verlässt sich auf sein Fingerspitzengefühl im Umgang mit zerstrittenen Parteien. Eher sei er im Rahmen seiner Schlichtungsarbeit auf den Dörfern der Gemeinde unterwegs als im Kernort. Erklären könne er sich diese Gewichtung nicht. „Dazu kenne ich die Menschen hier noch zu wenig.“ Neben dem Gros an Nachbarschaftsstreitigkeiten greift Leis vereinzelt auch bei Fällen von Beleidigung, Bedrohung und Hausfriedensbruch ein. Was bei allen Fällen, quasi als roter Faden, eine Rolle spielen würde: „Man will im Recht sein.“

Bleibt die Frage, wie er, der Schlichter, mit Konflikten umgehen würde, in die er selbst involviert sei – beispielsweise mit seiner Frau. Der ehemalige stellvertretende Schulleiter eines Gymnasiums in Mettmann muss nicht lange überlegen: „Ohne mir selbst auf die Schulter klopfen zu wollen: Mit mir zu streiten, ist schwierig.“ Zu sehr kenne er inzwischen die Gesetzmäßigkeiten, wie man in einen Konflikt hineinrutscht und aus ihm am besten wieder herauskommt. Nur ein einziges Mal, es habe sich um seinen ersten Fall in Scheeßel gehandelt, sei ihm wirklich der Kragen geplatzt. Der ehemalige Mathematiklehrer erinnert sich: „Ich hatte jemanden geladen, der sich auf Grundlage meines Anschreibens in einer Mail mit hochbeleidigendem Inhalt unter anderem darüber ereiferte, was mir denn einfallen würde, ihn zuerst anzureden und nicht seine Frau – das sei ja zutiefst unhöflich.“ Nachdem der Wüterich, trotz Ladung, nicht zu der Verhandlung erschienen sei, habe sich der Schiedsmann mit westfälischen Wurzeln prompt an das Ordnungsamt in Scheeßel gewandt – mit der Bitte, in seinem Auftrag dem Herrn ein Bußgeld über 50 Euro aufzudrücken. Das Geld, erinnert sich Leis, habe der Mann auch bezahlt. Aber: „Irgendwann bekam ich dann ein Schreiben vom Amtsgericht Rotenburg – der Typ hatte mich verklagt“, schüttelt er immer noch ungläubig den Kopf. „Der war der Meinung, ich hätte mich mit dem verhängten Bußgeld auf seine Kosten ungerechtfertigt bereichern wollen – das war schon ein Hammer!“ Zu einem Prozess, beschwichtigt er, sei es am Ende dann aber nicht gekommen.

Offenes Ohr für alle

Ulrich Leis ist unter der Telefonnummer 04263 / 6756309 oder per E-Mail an ulileis@gmx.de zu erreichen.

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