60 MINUTEN Wo Krimskrams und Aussortiertes den Besitzer wechseln

Gekommen, um zu feilschen

Nicht nur der zwei Meter hohe Bambus musste beim Flohmarkt des SV Jeersdorf den stürmischen Böen trotzen. Fotos: Heyne

Jeersdorf – Samstagmorgen, zehn vor neun. In wenigen Minuten beginnt der Flohmarkt des SV Jeersdorf. Schon jetzt ist der Parkplatz voll, einige Autos sind auf dem Seitenstreifen der Landstraße abgestellt. Die wird gerade von einer Frau mit Fahrrad blockiert. Mit ihren prall gefüllten Taschen eines schwedischen Möbelhauses erinnert sie an einen Wasserträger, das Aufsteigen wird zum Balanceakt. Vorbei an der ausgedienten Telefonzelle mit einer Schaufensterpuppe im Vereinsdress. Man muss aufpassen, nicht von Menschen mit Türmen an Spielen oder Klamottenbergen im Arm übersehen zu werden, die einem entgegenkommen. Der Bratwurststand ist noch menschenleer, dafür der Platz, auf dem sonst Fußball gespielt wird, voll – die Tore wurden an die Seite geräumt.

Um die 50 Stände mögen es sein, die sich zu beiden Seiten der großzügigen, mit rot-weißem Flatterband abgesteckten Wege finden und an denen bereits reges Treiben herrscht. Am ersten Stand zur Linken: eine komplette Erstlingsausstattung, von der Wickeltasche über Pucksäcke bis zur Babybadewanne. Es ist windig. Gerade fliegt ein Strampler nahezu horizontal vorbei. „Wollt Ihr Brötchen?“, will eine Frau von den Besuchern wissen, auf dem blauen T-Shirt in samtigen, geschwungenen Lettern die Rückenbeflockung „SV Jeersdorf“. Ein junger Vater kauft einen Metallbaukasten aus den 50ern, der CD daneben, „Dein Song 2014“, schenkt er keine Beachtung. Vorbei an Sammelsurien und Gemischtwarenläden.

„Hier gibts ja alles“, quiekt eine Frau älteren Semesters erfreut, „haben Sie auch Teegläser?“ Die Verkäuferin passt. Einen potenziellen Käufer einer Porzellanpuppe weist sie rüde zurecht: „Mindestens 15 Euro, oder er bleibt stehen!“ Die Puppe, männlich, mit Schnurrbart, heiße übrigens Hans. Der Interessent ist nicht beeindruckt. Weiter, vorbei an Kurzwaren, einer Rotte Inlinern und einem Schokobrunnen. Ein Pärchen im Rentenalter schlendert Hand in Hand am überdimensionalen Plüsch-Einhorn mit Glitzerfäden im Fell vorbei. Gleich dahinter lassen sich zwei kaum weniger große Doggen an der Leine an Zeugnissen des Wohlstands vorbeiziehen. Sie schnaufen wie Sexualverbrecher.

Die nächste Böe – eine Bluse mit Leopardenmuster weht vorbei. Die mehr als zwei Meter hohen Bambusstauden an einem Stand, dessen Verkäuferin vor lauter Grün nur zu erahnen ist, biegen sich im Wind. Ein Aufsteller mit Modeschmuck kracht in eine alte Telefonanlage mit türkisen Knöpfen. „Das ist jetzt das dritte Mal“, meint der Mann hinter dem Tapeziertisch mit dem Turban auf dem Kopf leicht genervt. Während zwei Frauen die archaischen Dolche und Schnitztiere vermutlich afrikanischer Provenienz begutachten, fachsimpeln ihre Männer über den günstigsten Telefonanbieter. „Moin und guten Appetit“ – auch diese Wortfetzen weht der Sturm herüber. „Oh, CDs!“ entfährt es einer Schnäppchenjägerin. „Die gibt’s beim Aldi auch gerade“, erwidert ihre Begleitung lakonisch.

Eine Reihe weiter hält eine Frau sich eine Jeans an. Die Hosenbeine ragen weit auf den Fußballrasen. „Müsste man abschneiden“, meint die Anbieterin fachmännisch. Die Jeans wird zurückgelegt. So leicht gibt die Verkäuferin nicht auf: „Vielleicht ein T-Shirt? Da kann man nichts mit falsch machen.“ Wenig später werden Abnehmtipps ausgetauscht. Das Shirt mit Pailletten-Aufdruck wechselt für nur einen Euro die Besitzerin.

Neben dem Stand mit ausschließlich schwarzen Lederklamotten, augenscheinlich die Haushaltsauflösung eines Bikers, feilscht ein älterer Herr um einen geflochtenen Bastkoffer mitsamt Inhalt. „Ich hab früher eine Lehre bei Gerichtsvollzieher Eggert gemacht“, meint er erklärend. „Und was hat das mit dem Koffer zu tun?“, will die Anbieterin wissen. „Der hat früher auch nicht lang gefackelt und alles in Bausch und Bogen mitgenommen!“ „Zehn Euro?“ „20?“ „Ich gucke nochmal weiter.“

Einen weißen Pavillon hat es inzwischen zerlegt – jaja, der Wind. Ein Mädchen im späten Grundschulalter hat seine Preziosen säuberlich auf der Picknickdecke auf dem Boden ausgebreitet – Spiele, Bücher, Playmobil: alles ordentlich sortiert. „Sehr schön, hier sieht man alles mit einem Blick – und weiter“, meint ein Vater und zieht seinen Sohn im Kindergartenalter an der Hand fort. Eine Frau gibt ihrem Gemahl letzte Instruktionen, bevor sie ihn allein mit dem Stand zurücklässt: „Und die Bücher hier nicht unter fünf Euro, hörst du? Da sind CDs drin!“ Plastik-Fledermaus, Bumerang mit Aborigine-Punktmuster, Teddyrucksack – auf zur letzten Reihe.

Ein unglücklicher Steppke in einem viel zu großen Pulli schüttelt den Kopf. „Die haben halt ihren eigenen Geschmack“, meint die Mutter entschuldigend. Während sie noch stöbert, macht Sohnemann sich mit einem Scooter vom Acker. Fast crasht er in die beiden Frauen, die mit gefüllten Gläsern und Töpfen aus dem Sporthaus kommen, um Judo-Anzug und Faschingskostüme zu beschweren. Derweil erweist sich der zurückgelassene Gatte als geschäftstüchtig. „Nähen für Dummies: Da ist ne CD drin, da können Sie gleich loslegen wie die Profis!“, verkündet er im Brustton der Überzeugung.

Fertig: alle fünf Reihen und 60 Minuten sind geschafft. Vorbei an der Kühltruhe mit dem Bauernhofeis aus Wohlsdorf. Vorstandsvorsitzender Frank Rathjen ruft etwas. Es klingt wie: „Heute Nacken statt Bratwurst!“ Den Rest verweht der Wind.

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