Geheimnisvolles Naturdenkmal

Napoleoneiche auf dem Westerholzer Bullerberg wirft Fragen auf

Ein echtes Prachtexemplar: Ortsbürgermeister Wolfgang Kirschstein (l.), die Kreisnaturschutzbeauftragte Christiane Looks sowie ihr Mann Joachim vor der Napoleoneiche.
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Ein echtes Prachtexemplar: Ortsbürgermeister Wolfgang Kirchstein (l.), die Kreisnaturschutzbeauftragte Christiane Looks sowie ihr Mann Joachim vor der Napoleoneiche.

Westerholz – Sie ist eine der natürlich entstandenen Besonderheiten in der Region und zweifelsohne ein beeindruckendes Prachtexemplar: die Napoleoneiche auf dem Westerholzer Bullerberg. Kaum zu glauben, dass es der breitwüchsige, von weither schon sichtbare Koloss erst vor zwei Jahren und nicht schon viel eher auf die Liste der offiziellen Naturdenkmäler im Landkreis geschafft hat.

Damals waren nach mehr als 25 Jahren erstmals wieder solche markanten Einzelschöpfungen ausgewiesen worden – auch mit tatkräftiger Unterstützung von Christiane Looks, der ehrenamtlichen Kreisnaturschutzbeauftragten, und ihrem Mann Joachim.

Beide stehen sie heute zusammen mit Wolfgang Kirschstein, dem Westerholzer Ortsbürgermeister, vor „ND 060“, wie die Traubeneiche im Behördendeutsch genannt wird, und freuen sich darüber, dass diese, zugegeben mit reichlich Verzögerung, nun auch eine gelbe Plakette schmückt, auf der eine Eule in der Mitte und der entsprechende Schriftzug auf das Naturdenkmal (übrgigens eines von mittlerweile acht in der Gemeinde Scheeßel) hinweisen. „Das ist schon ein sehr landschaftsbedeutsamer Baum – und so wunderschön gewachsen, das kommt nicht häufig vor“, befindet die umtriebige Eversenerin und weist auf das in sich geschlungene, mit einer Art Brücke versehenem Stamm- und Astwerk hin, das gut und gerne 17 Meter in die Höhe ragen mag und mindestens genauso weit in die Breite gewachsen ist.

Obwohl die Napoleoneiche schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel hat, sagt Looks ihr angesichts des vitalen Zustands noch ein langes Restleben voraus. Daran könne selbst der Klimawandel nichts ändern. „Im Prinzip ist die Traubeneiche jener Baum, der sich in Zukunft halten wird, da der nicht so viel Feuchtigkeit braucht.“ Anders als beispielsweise die Stieleiche, von der ein besonders schönes Exemplar einige hundert Meter weiter am Westerholzer Sportplatz steht. Auch dieser Baum hat es auf die Kreisliste geschafft, zählt damit zu den aktuell 97 ausgewiesenen Naturdenkmälern, die zur Hälfte, nachdem seinerzeit die bereits auf das Jahr 1937 zurückgehende Liste einmal generalstabgemäß überarbeitet und angepasst worden war, jetzt tatsächlich Eichen ausmachen.

Größtenteils stehen die geschützten Naturdenkmäler, um deren Erhalt und Pflege sich einzig und allein der Landkreis kümmert, im öffentlichen Raum – nicht so die Bullerberg-Eiche, grenzt die doch unmittelbar an einen von einem Westerholzer Landwirt bewirtschafteten Acker. „Unsere Befürchtung war es immer, dass die Nutzung dem Baum noch gefährlich werden könnte, da die Pfluggeräte zuletzt immer dichter an ihn herangerückt waren“, erinnert sich Kirschstein.

Der hatte sich im Namen seiner SPD/UGS-Gemeinderatsfragtion auch schon vor der mit dem Grundstückseigentümer im Einvernehmen getroffenen Ausweisung per Antrag auf die Schutzbedürftigkeit und ein entsprechendes Handeln hingewiesen. „Allerdings hat der Landwirt immer versichert, dass da nichts passiert.“ Tatsächlich markiert ein Grünstreifen die Tabu-Zone.

Dem hoch über Westerholz thronenden Baum dürfte dies gefallen, hätte er denn ein menschliches Eigenleben. Mit dem hätte er sicher auch viele Geschichten zu erzählen – von romantischen Treffen zum Beispiel, die sich in seinem Schatten zugetragen haben. Oder davon, wie er überhaupt zu seinem Namen in Anlehnung an den berühmten französischen Feldherrn und Kaiser gekommen ist. Genau das bleibt aber ein großes Rätsel. „Bei uns im Dorf weiß jedenfalls kein Mensch, warum er Napoleoneiche heißt“, meint der Ortsbürgermeister, der extra einen Blick in die Westerholzer Chronik geworfen habe, aber auch dort nicht fündig geworden sei.

Obwohl schon 2019 zum Naturdenkmal erklärt, ziert die Eiche erst seit kurzem die entsprechende Hinweisplakette.

Scheeßels Gemeindearchivar Karsten Müller-Scheeßel, der sich ebenfalls die Dorfchronik angeschaut hat, bezweifelt gar, dass der Name, wie er in der Liste der Naturdenkmäler auftaucht, über die Jahrhunderte generell schon geläufig gewesen sei. „Wäre dem so, dann hätte er in der Chronik irgendwo auftauchen müssen, weil charakteristische Namen im kollektiven Dorfgedächtnis lange bewahrt werden“, erklärt der Historiker. So habe ein in dem Werk veröffentlichtes Bild des Baums lediglich die Unterschrift „Die alte Eiche auf dem Bullerberg“ getragen. „Napoleon selbst war jedenfalls nicht in unserer Gegend“, doch sei die B 75 ja trotzdem die „Napoleonchaussee“, bemerkt Müller-Scheeßel.

Einen Zusammenhang zu den deutschen Freiheitskriegen, genauer zu einer in Waffensen im Jahre 1813 stattgefundenen Schlacht, will derweil Christiane Looks sehen. Damals hatten Kosaken, Hanseaten und Russen nach blutigen Kämpfen eine Übermacht von anrückenden Franzosen in die Flucht geschlagen. „Vielleicht erklärte man den Baum danach ja zu einem von weither sichtbaren Siegeszeichen.“ Zu jener Zeit gepflanzt worden sei die Napoleoneiche allerdings definitiv nicht, ergänzt Ehemann Joachim. „Danach wäre dieser Baum ungefähr 200 Jahre alt, wenn ich mir aber den Stamm anschaue, dürfte der ungefähr die doppelte Lebenszeit haben.“

Wie viel Lenze der Baum nun tatsächlich zählt, könnte man deutlich sehen, wenn man ihn fällen würde. Denn dann erst ließen sich die Wachstums- oder Jahresringe erkennen. Nur von einer solchen Radikalmaßnahme bleibt das standhafte Naturdenkmal auf dem Bullerberg natürlich verschont. Manchmal ist eben doch nicht jedes Geheimnis es wert, auch gelüftet zu werden. Und das ist auch gut so.

Weitere Schönheiten

97 Naturdenkmäler weist die aktuelle Kreisliste aus. Darunter befinden sich acht in der Gemeinde Scheeßel. Bei ihnen handelt es sich neben der Napoleoneiche auf dem Westerholzer Bullerberg noch um die sogenannte Gerichtslinde und die Mühleneiche (beide stehen im Kernort), die Drillingsbuche im Scheeßeler Holz, die Abbendorfer Eiche, die historische Wacholdergruppe bei Hetzwege, die Stiel-Eiche bei Westerholz sowie um die Eichenallee in der Scheeßeler Mühlenstraße. 

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