Serie „60 Minuten“

Garderobe für kleines Geld: In der DRK-Kleiderkammer herrscht bei der Ausgabe Hochbetrieb

Fündig geworden ist dieses Ehepaar in der Kleiderkammer – in Form einer Jacke für die bevorstehende kalte Jahreszeit. Fotos: Warnecke
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Fündig geworden ist dieses Ehepaar in der Kleiderkammer – in Form einer Jacke für die bevorstehende kalte Jahreszeit.

Scheeßel - Zweimal im Monat, immer an jedem ersten und dritten Montag, ist in den Nachmittagsstunden richtig Leben in der Bude am Kreuzberg. Dann öffnet in Scheeßel die Kleiderkammer des DRK-Ortsvereins ihre Pforten – und das seit nunmehr schon 28 Jahren. Das System der Kleiderkammer an sich und die damit verbundene Hilfe für Bedürftige haben sich im Laufe der Zeit kaum geändert. Die Spender bringen ihre Säcke, Wäschekörbe oder Kartons mit den Altkleidern. Und die Rotkreuzler sortieren die Kleidung ganz eifrig nach Größe und Zustand. Deren Stolz gebietet es, dass man bei ihnen Textilmüll nicht im Angebot findet.

Der Andrang im Mini-Warenhaus ist groß. Zwischen den Blusen, Mänteln, Hosen, Kleidern, Schuhen, der Bettwäsche und den Decken – alles aus zweiter Hand – herrscht ein reges Gewusel. Fein säuberlich hängen die Stücke auf Kleiderbügeln an der Stange. In den Regalen finden sich aber auch Kinderspielzeug und Wohnaccessoires. Mit dem Einzug der kalten Tage wächst gegenwärtig wieder der Bedarf an wohlig-warmen Klamotten. Die finden sich hier natürlich auch – in allen Größen, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. „Wir haben in der letzten Zeit wirklich sehr gute Sachen bekommen“, empfängt Rotkreuzlerin Heidrun Meyer gerade einen Neuankömmling. „Bedienen Sie sich doch bitte!“ Und das tut die Frau mittleren Alters. Erst ein wenig zögerlich, später mit einem glücklichen Ausdruck im Gesicht. „Ich bin froh, dass Sie da sind; so kann man doch für sein bisschen Geld ordentlich gekleidet gehen“, verabschiedet sie sich vom Helferstab.

Knapp 50 Menschen – vom kleinen Kind bis zum älteren Herren – nehmen die von Meyer und ihrem sechsköpfigen Team ehrenamtlich betriebene Kleiderausgabe heute in Anspruch. Und nicht jeder der Besucher, das offenbaren die Kennzeichen der vor dem schlichten Flachdachbau geparkten Autos, kommt auch aus der Gemeinde. Es herrscht ein immerwährendes Kommen und Gehen – und eine Stimmung, in der die meisten die Kamera scheuen. Als „bedürftig” mag sich offenbar niemand gern zeigen in einer Wohlstandsgesellschaft, in der sich die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr spreizt. Tatsächlich hat dieser Wohlstand um die meisten, die sich hier gegen einen geringen Obolus bedienen können (die Erlöse aus den Verkäufen kommen sozialen Zwecken zugute) einen großen Bogen gemacht – aus verschiedensten Gründen, selbstverschuldet oder nicht. Alleinerziehende Mütter, Sozialhilfeempfänger und Familien mit vielen Kindern, aber wenig Geld, geben sich im Ausgaberaum unter anderem die Klinke in die Hand. Auch Flüchtlinge zählen zur Klientel. Seit der großen Zuwanderungswelle vor vier Jahren seien es laut Meyer mehr denn je. „Sie sprechen aber schon sehr gut deutsch“, lobt die Mitbegründerin der Scheeßeler Kleiderkammer einen jungen Mann mit ivorischen Wurzeln, dem sie einen großen Plastikbeutel in die Hand drückt. Er zählt offenbar zur Stammkundschaft. Und wie alle anderen Käufer auch, darf er die Tüte, die hier für 50 Cent ausgegeben wird, mit dem, was er braucht, nach Herzenslust befüllen.

Plötzlich ertönt zwischen dem ganzen Stimmenwirrwarr ein freudiger Aufschrei. Ein kleiner Junger, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, hält einen knallgelben Playmobil-Bagger in die Höhe. „Guck mal, Mama, können wir den auch noch mitnehmen?“ Er kann. Und darf sich darüber hinaus noch über eine gefütterte Winterjacke freuen.

Annahme und Ausgabe

Die DRK-Kleiderkammer in Scheeßel befindet sich an der Straße Am Kreuzberg 19. Spenden können hier immer montags von 17 bis 18 Uhr abgegeben werden. Die Ausgabe ist an jedem ersten und dritten Montag im Monat von 15 bis 18 Uhr geöffnet.

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