Scheeßeler Kantorei versteht Proben unter Corona-Bedingungen als Chance

„Futter für die Seele“

Gesine Brockhoff und Kantor Andreas Winterhalter blicken auf die vergangenen Monate zurück.
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Gesine Brockhoff und Kantor Andreas Winterhalter blicken auf die vergangenen Monate zurück.

Scheeßel – Absage des großen Jahreskonzerts eine Woche vor dem Termin, eine lange Pause und danach Proben nur im kleinen Kreis – wie hat die Scheeßeler Kantorei die Corona-Zwangspause verkraftet? Wir fragen nach beim Dirigenten Andreas Winterhalter und Chormitglied Gesine Brockhoff.

Wie ist es Ihnen in der Zeit ohne Chorproben ergangen? Gab es Ersatz?

Gesine Brockhoff: Es fehlte regelrecht etwas. Der feste Termin am Donnerstagabend gab der Woche Struktur und war ein lieb gewordenes Ritual, geradezu Futter für die Seele. Und es gab ja auch keine Alternativen: Alleine singen ist kein Ersatz! So gab es nur jede Menge Konserve, zum Beispiel gestreamte Opern. Aber nur zu konsumieren, anstatt selbst in der Gruppe aktiv zu sein, das ist ein großer Unterschied.

Andreas Winterhalter: Auch, wenn sämtliche Aktivitäten der musikalischen Gruppen weggefallen sind, war ich natürlich trotzdem musikalisch aktiv. Beerdigungen haben stattgefunden, die ich begleitet habe. Auf meinen Vorschlag hin wurden in der Karwoche kurze Videos gedreht, das musste vorbereitet werden. Der Wegfall des Gruppenbetriebs hat mir größere Freiräume zur individuellen Gestaltung gegeben. Ich habe viel Orgel und Klavier geübt. Aber vor allem habe ich das Passionskonzert der Kantorei rückabgewickelt, das war aufwendiger, als wenn es stattgefunden hätte.

Sie standen ja kurz vor der Aufführung von Haydns „Stabat mater“, als die Beschränkungen griffen. Die Chorsätze saßen, das Programmheft war gedruckt, Karten verkauft. Da muss einem doch das Herz bluten…

Andreas Winterhalter: Ja, aber das währte nicht lange – Corona hat uns vor Tatsachen gestellt, denen wir uns stellen müssen. Da nützt es nichts, zu denken: „Ach Gott, was geht alles nicht?“, sondern man muss positiv denken und gucken, was innerhalb der gesteckten Grenzen geht. Existenziell ist die Situation vor allem für die Musiker, weil fast alle unsere Solisten und Instrumentalisten Freischaffende sind. Die hatten natürlich viele Fragen. Ich hätte verstanden, wenn sie wenigstens eine Aufwandsentschädigung gefordert hätten und befürwortet, zumindest Ausfallgebühren zu zahlen. Auch der Vorstand hätte das mit getragen. Aber dazu kam es gar nicht.

Im Mai haben Sie den Übungsbetrieb wieder aufgenommen, jedoch unter ganz anderen Vorzeichen…

Andreas Winterhalter: Ja, plötzlich durften statt 40 Sängern nur vier zusammenkommen, und das mit gigantischem Abstand. Jede Stimme war also nur einmal besetzt; das ist etwas völlig anderes. „Wenn schon anders, was macht dann Sinn?“, war die Fragestellung, mit der ich ein neues Konzept entworfen habe, um diese Situation als Chance zu begreifen und zu nutzen. Etwas, wovon wir später profitieren könnten. Da habe ich mich an meinen Gehörbildungslehrer aus dem Kirchenmusik-B-Studium erinnert. Zum einen Teil haben wir Musiktheorie gemacht, zum zweiten Singen nach Noten – für einige eine neue Erfahrung –, aber anhand von Kanons und einfacheren Choralsätzen auch, darauf zu hören, was die anderen singen und auf die eigene Stimme zu vertrauen.

Das war bestimmt zunächst erst mal ungewohnt…

Gesine Brockhoff: Erst mal geniert man sich, die Stimme ist belegt – man ist ja nicht zum Solisten geboren. Im Chor ist die Versuchung groß, stimmlich zwischendurch mal „unterzutauchen“. Für mich waren es unschätzbare Proben, weil man einzeln Korrektur erfährt. Dabei war Andreas ein extrem guter Pädagoge, wenn mal ein Ton nicht kam – er bringt Kritik so an, dass man sie gut annehmen kann. Das tat überhaupt nicht weh! (lacht)

Andreas Winterhalter: Gerade in den Frauenstimmen war es für viele zunächst eine Überwindung, allein die Stimme zu vertreten. Als Chorleiter wurde ich mit vielen schönen Klängen belohnt. Dass Corona auch eine Chance ist, haben wohl alle, mit ihren ganz unterschiedlichen Fähigkeiten, gespürt. Was fehlte, war natürlich das soziale Miteinander, das Zusammenkommen, aber wir haben immer wieder durchgetauscht, damit sich die Chormitglieder mal wieder zu Gesicht bekommen.

Haben diese ganz anderen Proben nachhaltig etwas gebracht?

Gesine Brockhoff: Das wird sich erst in Zukunft zeigen. Die Atemtechnik muss man ja auch gezielt einsetzen, das kommt erst, wenn man frei ist – das hat auch viel mit Hemmungen zu tun.

Andreas Winterhalter: Die Stärkung des Vertrauens in die eigene Stimme, das wirkt nachhaltig. Davon werden wir auch in der Zeit nach Corona profitieren. Für mich waren die Proben in Vierer-Konstellationen aber auch jenseits der Stimmbildung äußerst wertvoll. Ein Bewusstsein für Vorzeichen und Tonsprünge schaffen, einmal in Ruhe in kleiner Runde Fragen wie die nach den Tonarten jenseits von Dur und Moll erörtern – das war vorher, immer mit dem nächsten Einsatz vor Augen, nie möglich.

Inzwischen sind die Auflagen für Chorproben gelockert. Wie geht es bei der Kantorei weiter, gibt es bald wieder Konzerte?

Andreas Winterhalter: Zunächst sind Proben in Kleingruppen bis zu zehn Personen möglich. Denkbar sind Einsätze im Gottesdienst in Besetzungen von acht bis zehn Sängern. Großes mag ich nicht denken – möglicherweise könnte das ausgefallene Konzert Ende 2021 zur Aufführung gebracht werden, aber da plane ich eher ergebnisoffen.

Gesine Brockhoff: Man muss wohl in jeder Hinsicht einen langen Atem haben, gucken was geht. Das ist ein langer Weg, den wir gerade erst angefangen sind zu gehen.  hey

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