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Frieden in Trümmern: Rainer Bassen erinnert sich an seine Radtouren durch Russland

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Von: Nina Baucke

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Rainer Bassen mit seinem Fahrrad, mit dem er durch Russland gereist ist: Seine Kontakte dorthin pflegt er weiter. „Sie verachten den Krieg“, sagt er.
Rainer Bassen mit seinem Fahrrad, mit dem er durch Russland gereist ist: Seine Kontakte dorthin pflegt er weiter. „Sie verachten den Krieg“, sagt er. © Baucke

Mehrere Male hat der Westerveseder Rainer Bassen Russland mit dem Fahrrad bereist und dort zahlreiche Bekanntschaften mit Russen aufgebaut. Auch in Kriegszeiten bleibt er mit ihnen in Kontakt und setzt weiterhin auf Frieden und Völkerverständigung.

Westervesede – Es ist eine unheimliche Szenerie, als Rainer Bassen 2010 zum ersten Mal russischen Boden betritt: Er ist mit dem Fahrrad unterwegs, von Vilnius in Litauen geht es an der Kurischen Nehrung entlang in Richtung Kaliningrad. Der Nebel ist dicht, er radelt über die Grenze an alten Zollstationen vorbei – „und dann war es wunderschön“, berichtet der Westerveseder.

In den nächsten Jahren wird ihn Russland kaum noch loslassen, 2012, 2015, 2017 und 2019 geht es immer wieder mit dem Rad in und durch das Riesenreich. Immer wieder ist er mit seinen Reiseberichten in der ganzen Region unterwegs. Auch die nächste Tour hat er zumindest ungefähr im Kopf, als Ende Februar der russische Präsident Wladimir Putin die Ukraine angreift.

Gedanken der Völkerverständigung weitertragen

Bassens Gedanken sind bei den Menschen, die er auf seinen Reisen kennengelernt, in deren Häusern er übernachtet hat. „Meine Lieblingsbegriffe sind Frieden, Freiheit, Völkerverständigung“, betont der 54-Jährige. Er ist sich über seine Kontakte sicher: „Sie verachten Krieg und Diskriminierung.“ Einige von ihnen gehören der Gruppe „Bike for peace“ an, eine Initiative, die sich gegen Faschismus und Krieg einsetzt und wie Bassen den Gedanken der Völkerverständigung weitertragen will. „Viele meiner Kontakte, die in dieser Gruppe dabei sind, glauben der russischen Propaganda nicht, sie versuchen im Stillen Widerstand zu leisten.“

Ihn berührt vor allem die Nachricht der Moskauerin Helen, die ihm Anfang März schreibt und die aktuelle Lage nicht mehr fassen kann: „Ihr Neffe lebt in Kiew, seine Cousins auf der Krim, ihre Enkel sind Russen – und sie kämpfen nun gegeneinander.“ Oder dann ist da Sergey aus Novorossijsk am Schwarzen Meer, der ihm erzählt, dass sich seine ukrainischen Freunde von ihm abgewendet haben. Bassen ist aber auch klar: „Sie passen alle auf sich auf und überlegen sich gut, was sie schreiben.“ Der Kontakt zu seinen russischen Bekannten läuft über Whatsapp, manchmal gibt es Reaktionen von ihnen auf seiner Facebookseite: „Ich glaube daher nicht, dass sie völlig von allem abgeklemmt sind“, hofft er. „Ich werde ihnen auf jeden Fall weiterhin signalisieren, dass ich an sie glaube. Denn ich habe dort so viel Gastfreundschaft und Herzlichkeit erlebt.“

Nicht nur positive Erinnerungen

Allerdings – Bassen macht auf seinen Reisen nicht nur positive Erfahrungen: 2012 stößt er nach einem langen Tag auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit jenseits von St. Petersburg auf eine Industrieanlage und macht unbedarft Fotos. Das Ende vom Lied: Er wird beobachtet und der Spionage verdächtigt, landet mit dem Fahrrad im Gepäck auf einer Polizeistation, wird verhört. „Erst da erfuhr ich, dass ich ein Atomkraftwerk fotografiert hatte“, sagt Bassen. Erst Stunden später ist er wieder auf freiem Fuß und findet spätabends in der Gartenhütte einer alten Frau einen Unterschlup inklusive einem heißen Kaffee. „Da habe ich echt Lehrgeld bezahlt und mit geschworen: nie wieder Russland“, erinnert er sich.

Doch im Gegensatz dazu geht es für ihn noch drei Mal dorthin, er radelt von Minsk nach Moskau und durch Sibirien und über Wolgograd ans Schwarze Meer. „Mir war es immer wichtig, die Geschichte zu verstehen, die sich für mich mit jeder Tour Stück für Stück zusammengepuzzelt hat.“ Da sind es immer wieder die Menschen, die er auf den Reisen kennenlernt und zu denen er heute noch Kontakt hat, die ihm buchstäblich, aber auch im übertragenen Sinne die Türen zu diesem großen Reich öffnen.

Da liegt viel auf Jahrzehnte hinaus in Trümmern, es sind so viele Kulturgüter zerschlagen worden und der Frieden zwischen zwei Völkern ist auf lange Sicht zerstört.

Rainer Bassen

Ein Reich, von dem er sicher ist, es zumindest auf lange Zeit nicht wiederzusehen: Die ursprünglich mal angedachte Fahrradtour von Minsk in Belarus über Gomel, die ukrainische Haupstadt Kiew nach Woronesch in Russland wird ein Traum bleiben, da ist er sich sicher. Auch weitere angedachte Touren, für die Russland der Ankerpunkt gewesen wäre, wie zum Beispiel nach Kasachstan, sind vom Tisch. „Das ist jetzt kein Reisegebiet mehr.“ Denn vieles in der Ukraine, was über Jahrzehnte aufgebaut wurde, liegt seit wenigen Wochen in Schutt und Asche. „Ich bin so wütend und traurig darüber: Da liegt viel auf Jahrzehnte hinaus in Trümmern, es sind so viele Kulturgüter zerschlagen worden und der Frieden zwischen zwei Völkern ist auf lange Sicht zerstört.“

Sein Bild des Landes könne nur ein oberflächliches sein, denn „ich bin kein Russland-Experte“, betont Bassen. „Aber ich kenne meine Eindrücke, die ich gesammelt habe, ich habe meine Erinnerungen und bin froh, die Touren dort gemacht zu haben.“

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