Flüchtlingsfrauen lernen Fahrradfahren 

Freiheit auf zwei Rädern

Verkehrssicherheitsberater Christoph Steinke erklärte den Frauen, welche Regeln auf deutschen Straßen herrschen. - Fotos: Warnecke

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Bechal fährt ohne Hilfe Fahrrad – immerhin ein paar Meter. Dann kippt sie um und muss abspringen. Im Gesicht der 33-jährigen Irakerin macht sich dennoch ein Lächeln breit. Kämpferisch steigt die Frau, die seit fünf Monaten in der Flüchtlingsunterkunft auf dem Internatsgelände lebt, gleich wieder auf den Sattel. „Super“, ruft ihr Sylvia Doberentz-Tews von der Betreiberfirma „Human Care“ zu – und gibt wieder Starthilfe.

„Diese Energie. Wahnsinn“, sagt Doberentz-Tews. Bechal, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist kein Einzelfall. „Der Moment, in dem sie es schaffen, die Balance zu halten, ist immer schön. Plötzlich können sie wieder lachen.“ Sie und ihren Mitstreitern ist es ein Anliegen, gerade Flüchtlingsfrauen das Fahrradfahren beizubringen. „Männer können es meist, und Kinder lernen es ganz schnell. Bei den Frauen hingegen sieht es ganz anders aus“, erläutert Christoph Steinke. Der Verkehrssicherheitsberater der Polizeiinspektion Rotenburg ist heute gekommen, um ihnen Verhaltensweisen im Straßenverkehr aufzuzeigen. Auf Einladung des „Human Care“-Teams.

Es geht an Stellen wie Kreisel und Zebrastreifen

Sieben Flüchtlingsfrauen aus der Scheeßeler Unterkunft machen mit. Nicht selbstverständlich, weiß Steinke: „Es gibt viele, die sich weigern, die lieber gleich den Führerschein machen wollen.“ Mehrere Fahrradkurse für Zugewanderte hat der Hauptkommissar schon kreisweit angeboten – dass er heute ausschließlich weibliche Schützlinge unter seine Fittiche nimmt, sei eine Premiere, erzählt er.

Inzwischen können die Radneulinge immerhin so sicher fahren, dass sie in den Verkehr des Beeke-Ortes entlassen werden. Es geht an markante Stellen wie den Kreisel, an Zebrastreifen und auf Radwege. Zuvor bewältigen die Frauen auf dem Platz vor der Unterkunft noch einen von Steinke aufgebauten Parcours mit Pylonen und anderen kleinen Hindernissen, um so das Gleichgewicht zu schulen.

Fahren als ein Stück Freiheit

Mittendrin: Bechal. Sie habe im Irak nie ein Rad besessen. Das Fahren sei für sie ein Stück Freiheit. Freiheit, die sie in ihrer Heimat nicht hatte. Dort müssen Frauen meist im Haus bleiben, berichtet die zweifache Mutter. „Es gefällt mir, auch wegen der Bewegung, man fühlt sich leicht und frei.“ Vor allem in muslimisch geprägten Ländern ist Radfahren für Frauen meist tabu. „In einigen der Länder gehören Frauen mit Fahrrad nicht zum gesellschaftlichen Bild, es ist teilweise sogar verboten und wird nicht akzeptiert“, erklärt Doberentz-Tews.

Nach anderthalb Stunden ist die Schulung vorbei. Alle sind ein wenig erschöpft. Aber auch glücklich. Und stolz auf sich. Irgendwann möchte Bechal, mit ihren Mann und den zwei Kindern eine kleine Radtour machen, wie sie es bei den Menschen in Scheeßel beobachtet hat. Ganz normal leben: „Ich schaffe das!“

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