Ein freies Bett für die Pilgerin

Von Stade nach Rom: Australierin macht auch Station in Scheeßel 

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Pilgerin Janet Leitch verlässt Scheeßel auf ihrem 2 200 Kilometer langen Weg nach Rom. 

Scheeßel - Von Wieland Bonath. Wenige Tage vor Ostern treffen wir Janet Leitch in Scheeßel. Wo sie, die pensionierte Musiklehrerin aus der 1,1-Millionen Einwohner zählenden Stadt Adelaide in Südaustralien, das Fest feiern würde, vielleicht in der Nähe von Braunschweig, möglicherweise in einer der reizvollen Städte am Harz?

Die 67-jährige Pilgerin zuckt mit den Schultern. Nur eines weiß die Leiterin der 500 Mitglieder zählenden Vereinigung „Australian Friends of the Camino“ genau: Ihren elf Kilogramm schweren Riesenrucksack wird sie in rund vier Monaten nach einem 2 200 Kilometer langen Pilgerweg von Stade bis Rom auf der Via Romea Germanica endgültig absetzen.

Leitchs große Reise von der „anderen Seite der Erde“ begann am 21. März mit dem Flugzeug von ihrer Heimatstadt nach München, dann mit der Deutschen Bahn nach Hamburg und schließlich mit dem Zug in die nahe Hansestadt Stade. Dort beginnt der mittelalterliche Pilgerweg Via Romea Germanica, dessen Geschichte auf Abt Albert von Stade zurückgeht. Für die erste, etwa 25 Kilometer lange Etappe bis Harsefeld wurde die Australierin von Sigrid Strüber, eine 62-jährige pensionierte Finanzbeamtin aus Stade, begleitet. Die beiden Frauen, die sich die Leidenschaft für das Pilgern auf neu markierten europäischen Kulturrouten, die auch durch den Landkreis Rotenburg führen, teilen (Strüber auf dem Jakobsweg, der zum Grab des Jakobus im spanischen Santiago de Compostela führt), hatten bereits zuvor per E-Mail Verbindung aufgenommen und sich verabredet.

Heute treffen wir sie im Haus von Christine Behrens (84), der Ehrenvorsitzenden des Scheeßeler Heimatvereins. Deren Sohn Reinhard, der in Frankfurt als Projektleiter bei der Deutschen Bank tätig ist und regelmäßig in Scheeßel bei seiner Mutter zu Besuch ist, fragt Janet Leitch, ob er ihr helfen könne. Ja, so die Antwort, das Gasthaus sei geschlossen und damit fehle ihr für die kommende Nacht ein Bett. Behrens lädt die Australierin ein: „Sie können gern in der kommenden Nacht bei uns schlafen.“ So etwas habe sie noch nicht erlebt, erinnert sich die Pilgerin.

Täglich 20 bis 25 Kilometer unterwegs

Es soll für Christine und Reinhard Behrens an diesem Abend ein unvergesslicher Gedankenaustausch werden. Leitch, Mutter von zwei Söhnen, die vor 35 Jahren ihren Mann verloren hat, seit nunmehr 13 Jahren pilgert und dabei auf unterschiedlichen Wegen etwa 16 000 Kilometer zurücklegte, erzählt von ihren Erlebnissen auf den Pilgerwegen, die täglich eine Distanz von 20 bis 25 Kilometer haben. Wege mit unendlich viel Zeit, um über die Welt und sich selbst nachzudenken, mit unvergesslichen Eindrücken für Auge und Ohr, mit beeindruckenden Gesprächen mit Menschen, mit dem großen Staunen über die Natur und wie die Umwelt positiv und negativ künstlich geformt wurde.

Zum Abschied ein Gruppenfoto im Garten: Reinhard Behrens (v.l.), Janet Leitch, Christine Behrens, Ingeborg Helms und Sigrid Strüber.

Mit am Tisch sitzt auch Ingeborg Helms (81). Die Stader Ingenieurin ist ein prägendes Mitglied der 24 000 deutsche Anhänger zählenden Jakobusgesellschaft, die bis heute 600 Kilometer Jakobswegstrecke pflegt: „Die Bewegung des Pilgerns wird immer größer. Es gibt einen regelrechten Pilgerbazillus“, sagt sie.

Als Janet Leitch sich am nächsten Tag für den weiteren Weg in Richtung Brockel fertigmacht, den großen Rucksack schließt, nachdem sie die ihr von Christine Behrens geschenkten bunten Wollsocken eingepackt hat, fällt ihr noch dies ein: „Schade, dass ich unterwegs allzu oft vor verschlossenen Kirchen stehe.“

Ein Problem, das die Protestantin im Juli, in der Vatikanstadt am Petersdom angekommen, wahrscheinlich nicht hat. Vor der Pilgerin liegt noch ein langer Weg: Allein in Deutschland sind es zwölf Regionen und 54 Etappen, in die die Via Romea Germanica aufgeteilt ist – unzählige Schritte, viel Schweiß und noch mehr Freude für die Australierin.

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