Der Verein ist kein Dienstleister

Frank Rathjen vom SV Jeersdorf über das Erfolgsrezept des Vereins

Der Vorsitzende des SV Jeersdorf Frank Rathjen
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Der Vorsitzende Frank Rathjen blickt auf 30-jährige Vereinsgeschichte zurück.

Jeersdorf – Eigentlich hätte der SV Jeersdorf dieser Tage sein 30-jähriges Bestehen begangen. Über drei Jahrzehnte hinweg ist der Sportverein nicht nur mit Sportarten wie Bogenschießen oder Line-Dance, sondern immer wieder auch mit ungewöhnlichen Aktionen wie dem Bau eigener Sportstätten, einem Mitgliederkredit oder Jugendrat eigene Wege gegangen. Wir fragten den ersten Vorsitzenden Frank Rathjen nach den Anfängen des Vereins und wie dieser heute dasteht.

Herr Rathjen, eigentlich würde der SV Jeersdorf jetzt seinen 30. Geburtstag feiern. Wie hätte das ausgesehen?

Ja, feiern, das können wir eigentlich. Das hätte ausgesehen wie jedes Dorffest, mit Fußballturnier, Auftritten unserer Kinder- und Jugendlichen-Tanzgruppen und vielleicht einer Kissenschlacht 2.0. Als Besonderheit hatte der Trainer unserer jüngsten Sparte, Line-Dance mit Sebastian Fröhlich-Damp, der normalerweise zwei Mal pro Woche die Profis in Bayern trainiert, uns versprochen, sie für einen Auftritt in den hohen Norden zu holen. Und auch ein Auftritt des Frauenchors Scheeßel war geplant. Der hatte während der Pandemie in unserer Sporthalle geübt. Anstelle einer Nutzungsgebühr haben wir uns ein Ständchen gewünscht. Das alles ist natürlich nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Zeitlich ausweichen mussten wir eh schon, um den Fußballern vom Rot-Weiß Scheeßel mit ihrer ebenfalls verschobenen 100-Jahr-Feier nicht in die Quere zu kommen.

Was war 1991 eigentlich der Anlass zur Gründung – an Sportvereinen herrscht hier in der Gegend doch wahrlich kein Mangel?

Die erste Sparte war das Kegeln – die Sportkegler hatten damals zwar vier neue Bahnen im heutigen Jeersdorfer Hof zur Verfügung, aber keine Vereinsheimat. Wenig später ist Rainer Wilken in Jeersdorf von Haustür zu Haustür gezogen, um Fußballer zu rekrutieren, unter anderem auch mich – ich hatte vorher noch nie im Verein gespielt. Das sorgte für einen Eklat mit den Westerholzern, denen die gesamte dritte Herren wegbrach – fast alles Jeersdorfer, die nun im eigenen neuen Verein spielen wollten. Trainiert wurde zunächst in Sothel auf dem Spielplatz. Kurioserweise rückte immer, wenn wir Training hatten, die Freiwillige Feuerwehr Jeersdorf zu Übungseinsätzen mit Beleuchtung aus (lacht). Das waren unhaltbare Zustände, die 1996 mit dem Bau des ersten eigenen Spielfeldes ihr Ende fanden. Beibehalten aus dieser Zeit wurde die Tradition der dritten Halbzeit, das ist bei uns bis heute nicht nur im Fußball wichtig.

Was sind Ihre persönlichen Meilensteine?

Ich war seit dem ersten Jahr Stellvertreter des Gründungsmitglieds und Geschäftsführers Detlef Steppat, damals hieß der Posten noch Schriftführer. Ich habe relativ wenig mitbekommen bis 1999, als der damalige Vorsitzende Horst Wilken starb und eine Lücke hinterließ. Für das folgende Geschäftsjahr bekamen wir als Vorstand – Uwe Lohse hatte das Amt des Vorsitzenden übernommen –, richtig Ärger für etwas, was wir persönlich nicht zu verantworten hatten. Es ging um die Abrechnung des gerade fertiggestellten Rasenspielfeldes, und auch bei der geplanten Fusion mit dem Schützenverein war niemand im Bilde. Wir mussten reichlich Prügel einstecken, das war schon bitter. Damals war für mich klar: Entweder ich höre auf oder ich reiße das Ruder herum. Das Amt des Geschäftsführers wurde neu geschaffen und durch mich besetzt, der Posten des Schriftführers wurde davon getrennt. Nach dem plötzlichen Tod von Uwe Lohse wählte man mich dann 2015 zum ersten Vorsitzenden.

In welche Richtung wehte der neue Wind, den Sie hereinbrachten?

Wir haben strukturell viel geändert. Der Chef ist nicht der Vorstand, sondern die Generalversammlung. Da war einiges an Umerziehungsarbeit zu leisten, nicht nur im Vorstand, sondern auch die Mitglieder mussten das erstmal lernen. Seit verinnerlicht ist, dass es deren Verein ist und wir vom Vorstand nichts tun, was dort nicht beschlossen worden ist, herrscht 100-prozentiges Vertrauen und Rückhalt. Ein Verein ist eben kein Dienstleister, sondern eine Solidargemeinschaft.

Dieses flammende Plädoyer haben Sie anlässlich der Diskussion um Aussetzen der Vereinsbeiträge während der Pandemie ja auch unter großer Beachtung in den Sozialen Medien geäußert…

Ja, das ist auf Facebook steil gegangen und wurde von anderen Vereinen, dem Kreissportbund und der Politik geteilt. Es scheint den Nerv der Zeit getroffen zu haben, und es gab auch in den Kommentaren keinerlei Stimmen dagegen.

Sehen Ihre Mitglieder das auch so oder hat der SV wie viele andere Vereine auch während der Pandemie höhere Austrittszahlen zu verzeichnen?

Normalerweise haben wir eine Fluktuation von rund zehn Prozent. Das ist ganz normal, die meisten sind Kinder, die sich ausprobieren wollen. Dieses Jahr hatten wir statt 40 Austritten 60, allerdings auch 20 Eintritte durch Neuzugänge im Line-Dance – und die haben uns die Treue gehalten, obwohl sie vor und während Corona insgesamt nur sechs Mal trainieren konnten. Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Reduzierung der Beiträge wurde oft mit Halbwahrheiten argumentiert. In Wahrheit gibt das nämlich keine Satzung her. Für uns gilt das Motto „in guten wie in schlechten Zeiten“. Bei Arbeitslosigkeit kommen wir unseren Mitgliedern entgegen, keiner soll wegen des Geldes ausgeschlossen werden. Unseren Übungsleitern haben wir einen einseitigen Argumentationsleitfaden an die Hand gegeben, das hat gut geklappt.

Also ist der Verein durch den Wegfall jährlicher Einnahmequellen wie Fasching oder Flohmarkt nicht in Schieflage geraten?

Das nicht, wir sind in der glücklichen Lage, wirtschaftlich und finanziell gut vernetzt zu sein. Trotz Corona konnten wir gerade fünf neue Sponsoren gewinnen. Es kommen sogar Sponsoren auf uns zu – was auch daran liegen könnte, dass wir die Beziehungen zu unseren Sponsoren gut pflegen. Kleinere Liquiditätsprobleme ergeben sich dadurch, dass wir immer wieder investieren: gerade 15 000 Euro für IT, damit unsere Übungsleiter die Musik für die Tanzgruppen in Zukunft aus unserer Cloud streamen und pitchen (tempomäßig verändern, Anm. d. Red.) können oder damit Spielerpässe digital vorliegen. Und auch bei den Masten für Flutlicht sind wir mit 50 000 Euro in Vorkasse gegangen. Dazu kommt noch der Straßenausbau, an dem wir uns als sogenannter Sonderzahler mit 6 000 Euro beteiligen.

Kurios ist auch die Finanzierung großer Projekte wie der Bau des Sportvereins, wo Mitglieder mit zinslosen Darlehen einsprangen…

Ja, der hätte sonst unsere Kreditlinie von 100 000 Euro bei der Bank gesprengt. Zwischenzeitlich hatten wir 25 000 Euro Mitgliederdarlehen. Viele verzichten bei der jährlichen Payback-Tombola sogar darauf, ihr Darlehen zeitnah zurückgezahlt zu bekommen.

Ein eigenes Vereinsheim, ein Deutscher-Meister-Titel für die Bogenschützen, immer wieder neue Sparten und stetige Mitgliederzuwächse – gibt es eigentlich auch Projekte, die scheitern?

Scheitern kenne ich nicht. Man muss seine Pläne bloß zu Ende denken und denen, die das hinterfragen, schlüssige Konzepte vorlegen. Die Genehmigung für die Flutlichtanlage hatten wir nach vier Wochen.

Die Genehmigung für den Betrieb im Sporthaus dagegen hat sich über Jahre hingezogen…

Ja, natürlich gibt es immer wieder auch Rückschläge, wie bei dem nachträglich erforderlichen Einbau der Fluchttreppe. Das war natürlich ärgerlich und teuer. Aber am Ende des Tages will keiner Fehlentscheidungen treffen, die im Zweifelsfall tödlich enden können, nur um Geld zu sparen. Als wir die Endabrechnung für unser Bauvorhaben vorgelegt haben, war uns das fast peinlich: Das kam auf 50 Euro genau hin.

Viel im Verein entsteht durch Eigenleistung. Wie schaffen Sie es, in Zeiten der Ehrenamtsmüdigkeit zu motivieren und Zusammenhalt in einem Verein zu schaffen, in denen der Bogenschütze ja nicht unbedingt große Schnittmengen mit dem Tänzer oder dem Nordic-Walker hat?

Zum einen profitieren wir sicherlich von familiären Verflechtungen und denen eines intakten Ortes, aber auch vom Jugendrat – viele, die mal dort mitgewirkt haben, sind später als Übungsleiter wieder dabei. Hierüber halten wir auch Leute: Viele wollen etwas machen. Durch die Flexibilität unserer eigenen Sportstätten können wir es ihnen leicht machen, Ideen umzusetzen: Wir können 365/7. Wir gehen nicht vom Ansatz aus: Haben wir einen Übungsleiter? Sondern wir machen, und wer schlau daherschnackt, bekommt den Hut auf (lacht). Demnächst gehen schon wieder neue Abteilungen an den Start: E-Football, Darts und Diskgolf – alles Sportarten, die Alt und Jung, Männer und Frauen zusammen betreiben können und die sowohl gechillt als Freizeitsport als auch auf Wettkampfniveau stattfinden können.

Haben Sie schon mal ans Abtreten gedacht?

Ich habe mir vorgenommen, der erste Vorstandsvorsitzende zu sein, der lebendig aus dem Amt ausscheidet. Die zehn Jahre mache ich aber noch voll – es gibt noch einige Projekte anzuschieben: Mähroboter, den Ausbau des Imbisswagens, der zusammen mit dem Zelt der Dorfjugend und dem Bierwagen der Freiwilligen Feuerwehr eine perfekte Symbiose ergibt und dem gesamten Dorf zugutekommt.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn die Pandemie im Griff ist – die legendäre dritte Halbzeit?

Auf die natürlich auch. Aber vor allem auf eine neue offene Männersportgruppe, in der viele Kumpel aus der Vergangenheit des Vereins zusammenkommen wollen, vor allem die, die damals bei der legendären „Thriller“-Choreografie auf dem Scheeßel-Tag dabei waren. Geplant ist unter dem inoffiziellen Titel „Ball-in-die-Fresse“, der natürlich nicht wörtlich zu nehmen ist, dass man spontan sieht, worauf alle an dem Abend Lust haben. Das kann eine Runde Badminton sein, Volleyball, Zirkeltraining, Pumpen oder das berühmte „Ein Mal berühren“ mit Kopfbällen aufs Tor. Dann käme ich endlich mal wieder dazu, auch selbst aktiv Sport zu machen.  

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