Flüchtlingshilfe Scheeßel hat weiterhin alle Hände voll zu tun

Anpacken, wo es um Integration geht

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Nur zwei Gesichter von vielen, die sich in Scheeßel in der Flüchtlingshilfe engagieren: Paul Göttert (l.) und Anja Schürmann.

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Nein, entbehrlich geworden sind sie nicht, die Ehrenamtler von der Scheeßeler Flüchtlingshilfe. Auch wenn es still geworden ist um die Neuankömmlinge von damals, die hierzulande Zuflucht gefunden haben, jedenfalls in der öffentlichen Wahrnehmung: Drei Jahre nach dem großen Zustrom haben die Helfer auch heute noch alle Hände voll zu tun, gemeinsam mit ihren Schützlingen das große Ziel der Integration zu erreichen. Oder wie Paul Göttert, der Vorsitzende, und Anja Schürmann, die Integrationsbeauftragte der Gemeinde, sagen: „Hier sein heißt nicht angekommen.“

Mehr urtümliche Heimeligkeit geht nicht: Im Meyerhof hocken eine Handvoll Vereinsaktive am mit Kaffee und Kuchen gedeckten Tisch. Mit ihnen: Sudanesen, Afghanen, Iraker. Familien wie auch Alleinstehende. Es wird geklönt, gelacht und gespielt. Man kennt sich untereinander – und man versteht sich, trotz der kulturellen Unterschiede und trotz mancher noch immer vorhandenen Sprachbarriere. 

Das Café Refugium, im Sommer 2015 von der Flüchtlingshilfe ins Leben gerufen, ist immer noch ein beliebter Treffpunkt. Wenngleich Göttert und sein Team heute nicht ganz so viele Besucher begrüßen dürfen. „Einige sind ja mittlerweile schon auf dem Arbeitsmarkt unterwegs“, sagt der ehemalige Lehrer. Beim Verpackungshersteller Dönitz zum Beispiel, im Autohaus Holst oder bei Atlas in Lauenbrück. Andere würden um diese Zeit einen Sprachkurs besuchen.

Es schwingt Zufriedenheit mit in seiner Stimme. Und trotzdem: Noch immer käme der eine oder andere, um Behördenkram mit Göttert zu besprechen, möchte wissen, wie man dies oder jenes Formular richtig auszufüllen hat. Dafür zieht man sich diskret zurück in einen Nebenraum. Angesichts der Geräuschkulisse keine schlechte Idee. 

Mehr junges Blut für die Flüchtlingshilfe

Fast immer an Götterts Seite: Anja Schürmann. Seit September ist sie in der Gemeindeverwaltung die Integrationsbeauftragte, ist maßgeblich an der Koordinierung rund um die Flüchtlingsarbeit beteiligt. Auch die Organisation des Scheeßeler Flüchtlingscafés fällt in ihre Hände. „Ich bin sehr froh, dass Anja das macht“, sagt Göttert. Ehrenamtlich seien all die Aufgaben allein jedenfalls nicht zu schaffen, „schon wegen unserer Altersstruktur nicht“, betont er. So bräuchte die Flüchtlingshilfe eigentlich mehr junges Blut, meint er, „momentan besteht unser Verein ja fast nur aus Senioren“.

Dabei seien es gerade diese Ehrenamtler, Göttert nennt sie „Gutmenschen“, die überhaupt von sich aus auf die Neubürger zugehen würden. „Die Gesprächsbereitschaft der Scheeßeler ist allgemeinhin nicht sehr groß“, hat er festgestellt. Schürmann spricht von einem Gesellschaftsphänomen. „Man hat es sich offenbar abgewöhnt, auf Neue zuzugehen.“ Anders in den Sportvereinen, wo man noch auf Augenhöhe stünde. Körperliche Ertüchtigung und der Kampfgeist schweißen eben zusammen.

Hier sein heißt nicht angekommen. Um die Flüchtlinge in die Selbstständigkeit zu führen, zumindest ein Weiterkommen zu ermöglichen, ihnen zu zeigen, wie Deutschland funktioniert, sei von den Helfern weiterhin viel Engagement gefragt, wissen Göttert und Schürmann. Nur übertreiben dürfe man es auch nicht. „Das sind erwachsene Menschen, die sind die ständige Betreuung irgendwann auch mal leid“, sagt Göttert.

Bezahlbarer Wohnraum ist ein Problem

203 Geflüchtete leben derzeit in der Gemeinde. Die meisten von ihnen im Kernort, die wenigsten aber in der großen Unterkunft am Helvesieker Weg. Rund 50 sollen es laut der Integrationsbeauftragten sein. Ein Großteil der Menschen ist dezentral untergebracht. In Wohnungen, die von der Gemeinde angemietet sind. Oder sie verdienen inzwischen ihr eigenes Geld, um sich selbst eine Mietwohnung leisten zu können. Preisgünstig seien die laut Schürmann in der Regel nicht. 

„Ein echtes Problem“, sagt sie. Vor allem, weil jene, die sich mit ihren Familien integriert fühlen, die einer bezahlten Arbeit nachgehen, nur allzu gerne doch irgendwann auch mal ihre eigenen vier Wände beziehen möchten. Am wichtigsten sei es den Menschen jedoch, im ländlichen Raum mobil zu sein, ohne die Hilfe anderer. „Etliche haben schon den Führerschein gemacht“, freut sich Göttert. Auch Frauen. Die Fahrradwerkstatt, ebenfalls ein Angebot der Flüchtlingshilfe, werde aber auch heute noch nachgefragt.

Man merkt aus den Erzählungen der beiden: Die Arbeit, die die Helfer leisten, sie ist nur geringfügig weniger geworden. „Immerhin“, sagt Anja Schürmann, „sind die Zeiten vorbei, in denen wir unkoordiniert Ersthilfe geleistet haben.“ Heute gehe es eher um ganz konkrete Dinge. Darum beispielsweise, die arbeitssuchenden Menschen beim Ausfüllen ihrer Lebensläufe unter die Arme zu greifen. Oder darum, sie auf ihrem Weg zum ersten Vorstellungsgespräch beim potenziellen Arbeitgeber zu begleiten. 

Auch geflüchtete Frauen bemühen sich um Ausbildungen

Entgegen einiger voreingenommener Stimmen, Frauen mit Flüchtlingshintergrund würden sich aufgrund ihres gewohnten Kulturkreises wohl kaum um eine Ausbildungsstelle bemühen, gebe es laut Paul Göttert „sehr wohl viele pfiffige Damen bei uns, die gerne im Gesundheitswesen oder in der Friseurbranche arbeiten wollen“. Nur: Im grauen Hosenanzug, wie manche deutsche Frau nach ihrem Emanzipationsverständnis die Neubürgerinnen sehen möchte, werde man wohl keine herumlaufen sehen, ist er überzeugt. „Da gilt es halt, Mischformen aus Tradition und den hier vorhandenen Gegebenheiten zu finden“, sagt er.

Um am Arbeitsmarkt bestehen zu können, müssen die Menschen ein gewisses Sprachniveau erreicht haben. In den Räumen der Kirchengemeinde wird unter Federführung der VHS dafür fleißig gepaukt, nach wie vor. „Wir vom Verein übernehmen währenddessen die Kinderbetreuung“, so Göttert. Trotz des Kursangebotes täten sich aber immer noch viele mit der deutschen Sprache schwer. Entweder, weil sie in ihren Herkunftsländern nie eine gescheite Grundausbildung genossen hätten, das Lernen also erst lernen müssten, oder aber, weil viele Deutsche es versäumen würden, in der Kommunikation einen Gang zurückzuschalten, langsamer und verständlicher mit den Neubürgern zu sprechen.

Kommunikation ist überhaupt das Stichwort: Im Sommer, im Juli und in der ersten Augustwoche, wenn das wöchentliche Café Refugium pausiert, will Paul Göttert auf dem Außengelände des Meyerhofes mit dem Café Sommergarten das Begegnungsangebot aufrecht erhalten. Dazu hat er auch schon Scheeßeler Gruppen und Vereine angesprochen, ob diese nicht Lust hätten, einfach mal vorbeizuschauen, um mit den Geflüchteten ins Gespräch zu kommen. Die Arbeit der Flüchtlingshelfer, sie ist tatsächlich nicht weniger geworden. Noch nicht.

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